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Zum Tod von Rosemarie Fendel : Als habe die Zeit keine Macht über sie

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Rosemarie Fendel (25. April 1927 bis 13. März 2013) Bild: Bayerischer Rundfunk

Die Vielseitigkeit dieser Schauspielerin war enorm: Film, Fernsehen, Bühne, Rezitation. Dabei hatte die Schwerelosigkeit ihres Spiels stets Gewicht. Mit 85 Jahren ist Rosemarie Fendel nun gestorben.

          In Tschechows „Der Kirschgarten“ gibt es neben den bewegenden Monologen der Gutsbesitzerin Ranjewskaja einen eher kurzen, einen Federstrich gewissermaßen, der ihre nervöse Flatterhaftigkeit und verzweifelte Egozentrik unterstreicht. Als Rosemarie Fendel 1982 am Frankfurter Schauspiel die Ranjewskaja spielte, gab es, unerhört bei Tschechow, für eben diese Randnotiz einen Szenenapplaus. Fünf, sechs Sätze, perlend und doch von einer Intensität, dass jeder den Ekel vor den Zumutungen der Welt mit der Ranjewskaja teilte - die Präsenz und Präzision der Fendel, ihre Schwerelosigkeit, die doch so viel Gewicht hatte, hypnotisierten.

          Dabei konnte die Schauspielerin auch drastisch sein, handfest, zupackend. Sie spielte in einer ansonsten belanglosen, überehrgeizigen Brecht-Inszenierung einen Mann, der männlicher war als sämtliche mitspielenden Mannsbilder, gab in einer zum Comic verhackstückten Version von Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ eine so grelle Daisy-Duck-Hausfrau, dass mancher nicht sicher war, ob sie die Nervensäge nur spielte, war in Strindbergs „Der Pelikan“ ein Muttermonster, dessen Getriebensein einen dennoch Erbarmen lehrte.

          Überschlanke Sphinx mit schwarzen Rätselaugen

          Ans Frankfurter Schauspiel war Rosemarie Fendel 1980 als Star gekommen: Johannes Schaaf, der neue Intendant, hatte ihr 1971 eine Hauptrolle in „Trotta“ anvertraut, der international erfolgreichen Verfilmung von Joseph Roths Roman „Die Kapuzinergruft“. Ihre faszinierend laszive (mit einem Bundesfimpreis prämierte) lesbische Gräfin im verwesenden Wien des Jahres 1918 war Gustav Klimts Frauenporträts des Jugenstil nachgeformt.

          Dass diese überschlanke Sphinx mit dem schwarzen Rätselaugen, Pudellocken und goldrubin flirrenden Roben dieselbe war, die 1964 als patente, aber von Erotik gänzlich freie Redaktionssekretärin „Fräulein Fuchs“, genannt Füchslein, mit der Serie „Nachtkurier“ einen Stammplatz beim deutschen Fernsehpublikum erobert hatte, dass die personifizierte Wiener Dekadenz aus „Trotta“ dieselbe war, die als allzeit verständnisvolle, aber leicht distanzierte Gattin des legendären „Kommissars“ Zuschauerrekorde erzielte, entging sogar gewieften Kritikern: Der „Spiegel“ sprach von einem „Ensemble unbekannter Schauspieler“, als er Schaafs „Trotta“-Film widerwillig lobte.

          Bitte schön stillhalten, ich fotografiere undercover: Szene aus dem Fernsehfilm „Ich liebe meine Familie, ehrlich“ (Regie: Stefan Lukschy) von 1998 Bilderstrecke

          So trat 1973 Rosemarie Fendel denn auch für viele als „die Neue“ ihr Engagement an den Münchner Kammerspielen an. Ein Irrtum. Denn dort hatte sie 1947, nach einem Jahr Schauspielunterricht bei der legendären Maria Koppenhöfer, debütiert, war 1953 Gustaf Gründgens aufgefallen, der sie nach Düsseldorf holte - und hatte sich 1957, gegen seinen Rat und den vieler Kollegen, nach der Geburt ihrer Tochter Suzanne von Borsody von der Bühne zurückgezogen.

          Als „Füchslein“ zurück ins Rampenlicht

          Etwa sieben Jahre hielt es sie zu Hause aus - und in den Synchronstudios, wo sie zur deutschen Stimme von Elizabeth Taylor, Simone Signoret und Jeanne Moreau wurde -, ehe sie dann, eben noch die rauchig laszive Stimme im Dunkel, als graue Maus, respektive Füchslein, zurück ins Rampenlicht ging.

          „Innerlich ruhiger werden“ antwortete Rosemarie Fendel vor dreizehn Jahren dieser Zeitung auf die Frage „Was möchten Sie sein?“ Ihrer Unruhe aber hatte die damals dreiundsiebzigjährige die Wiederaufstiege von 1964 und 1971 zu verdanken, ebenso den Grimme Preis, der ihr 1973 für „Im Reservat“ von Peter Beauvais verliehen wurde, wo sie als eisige angejahrte Tochter brilliert hatte, die ihre greise Mutter statt der Fürsorge eines alternden Transvestiten lieber einem Altersheim überlassen will.

          Unruhe und Neugierde hatten sie schließlich nach Frankfurt am Main geführt, wo sie kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Ensemble in Heiner Müllers „Quartett“ eine Marquise Merteuil entwarf, in deren innerer und äußerer Verwüstung noch immer die sehnsüchtige junge Schönheit von einst aufblitzte, und deren abstoßend grausame Obszönität in letzter Sekunde mit dem verzweifelten Aufschrei einer Todkranken beim Publikum Mitgefühl erregte - und die Angst vor sich selbst.

          Ruhe ab dem Jahr 2000? Nichts davon im Künstlerleben der Rosemarie Fendel, das damals schon mindestens drei Karrieren - sie war auch als Regisseurin erfolgreich gewesen - durchlaufen hatte. Zwar war sie, geboren in Metternich bei Koblenz, wechselnd in Berlin und Böhmen aufgewachsen, dann in München, Düsseldorf, Hamburg und wieder München lebend, in Frankfurt in einem barocken, bezaubernd verwunschenen Kavaliershaus sesshaft geworden. Aber dort bereitete sie Lesungen vor - Goethe natürlich, aber auch Mascha Kaléko -,  mit denen sie in winzigen Literaturhäusern und auf großen Bühnen gastierte, ganz Rezitation, ganz Stimme - und doch immer wieder spielend.

          Große alte Dame des Fernsehens

          Zur selben Zeit begann Rosemarie Fendels Karriere als große alte Dame des deutschen Fernsehens. Wenn je der Begriff Altersschönheit angebracht war, dann bei ihr. Bannender denn je das Gesicht, römisch markant und doch weich, die grazile Figur, mit der sie sich so elegant bewegte, als habe die Zeit keine Macht, das sprechende Spiel der Hände - und die Stimme, die, keine Spur brüchig, jedes Gegenüber traf, anzog, einhüllte.

          Vielseitigkeit blieb ihr Metier. Auch die greise Fendel konnte mal schüchtern, mal kühl, konnte absolut boshaft oder hinreißend gütig, hilflos oder souverän, zerbrechlich oder stahlhart sein. Vielleicht war es ihre enorme Wandlungsfähigkeit, die es verhinderte, dass sie in früheren Jahren eine deutsche Moreau oder Signoret wurde. So aber wurde sie im hiesigen Rahmen, was Helen Mirren im internationalen ist - eine Garantin souveräner Schauspielkunst.

          Die zeigte sie noch einmal in ihrer letzten Rolle: Als Greisin Sonja Schadt führte sie erzählend durch die verschlungenen Handlungsstränge des Dreiteilers „Das Adlon“, meist Stimme aus dem Off, zuweilen im Bild. War das der Fall, versank jede Serienbanalität vor ihrem Können. Am Mittwoch ist Rosemarie Fendel kurz vor ihrem sechsundachtzigsten Geburtstag gestorben. Sie wird uns bitter fehlen.

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