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Zum Tod von Paul Kuhn : Der deutsche Glenn Miller

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Am Klavier: Paul Kuhn in einer Fernsehsendung Mitte der achtziger Jahre Bild: picture alliance / Keystone

Schon nach dem Krieg wurde ihm eine große Karriere als Pianist der Musik prophezeit, zu der er erst nach seiner Zeit in der Unterhaltungsbranche zurückkehrte: Im Alter von 85 Jahren ist der Jazzer Paul Kuhn gestorben.

          Zum Heulen hätte ihnen werden können, all den Deutschen, die 1954 in Kinosälen und Bierzelten, bei bunten Abenden und Wunschkonzerten Paul Kuhns „Mann am Klavier“ mitgrölten. Denn der Sechsundzwanzigjährige mit den dunklen Riesenaugen und den Nasalfalten, die schon das spätere Charaktergesicht ahnen ließen, spielte und sang mit unbewegter Miene. Ein Buster Keaton des Schlagers, einer jener Tausende, denen das braune Lumpenpack die Jugend gestohlen hatte – und einer der wenigen, der die Erinnerung sonst nicht mit kalauernden Schlagern betäubte oder durch triefend sentimentale Schnulzen in selbstmitleidige Krokodilstränen ummünzte. Doch man hielt die versteinerte Miene für einen Witz. Und Paul Kuhn, bescheiden und diszipliniert, wie er schon damals war, akzeptierte. Er machte sich ungern Gedanken über die eigene Befindlichkeit und wäre der letzte gewesen, über sein Publikum die Nase zu rümpfen.

          Was hätten ein Rossellini oder de Sica aus diesen grotesken Konzerten mit dem traurigen Clown inmitten einer die Vergangenheit wegjohlenden Menge gemacht? In Deutschland kam niemand darauf, diesen jungen Mann, der im Alter zeigen sollte, dass ein Charakterdarsteller in ihm steckt, vor die Kamera zu holen. Und die wenigsten, die sein „Ge’m Sie dem Mann am Klavier noch’n Bier“ zur Hymne der Nierentisch-Ära kürten, wollten wissen, dass der singende Klimperer einer der besten Jazzpianisten Europas und ein hinreißend lässiger Jazzsänger war. Doch ganz verkannt war Paul Kuhn 1954 nicht: Die Jazzklubs der GIs in Wiesbaden und Frankfurt, der AFN und bald auch die ersten deutschen Jazzkeller rissen sich um ihn.

          „Paulchen“, der Name, der ihm lebenslang anhaften sollte, war aus den Anfangsjahren überkommen, als er, Schüler des Musischen Gymnasiums in Frankfurt, trotz Swingverbot in Weinlokalen sein Akkordeon hatte swingen lassen und nach dem Wechsel auf das Wiesbadener Konservatorium tagsüber am Flügel Klassik und nachts für Eingeweihte Glenn Miller und Duke Ellington gespielt hatte.

          Mit Max Greger und Hugo Strasser im Rahmen der Tournee „Swing Legenden“

          Ende 2011 flog Paul Kuhn nach Los Angeles und nahm, Jugendtraum, in den Capitol-Studios das Album „The L.A. Session“ auf. Achtzehn Titel in drei Tagen, begleitet vom Bassisten John Clayton und dem Schlagzeuger Jeff Hamilton, die sonst für Diana Krall arbeiten. Man spielte auf Zuruf. Was sich anhört wie wochenlang ausgetüftelt, ist begnadete Improvisation – und das Verschmelzen dreier ganz Großer ihres Fachs. „Alles ein bisschen schneller, ein bisschen nervös“, kommentierte Paul Kuhn lapidar die Arrangements – und den Respekt, der ihn, den Altmeister, überkam, als er spielte, wo schon Count Basie gespielt hatte, und sang, wo schon Nat King Cole gesungen hatte. Klassiker von „Just in Time“ bis „As Time Goes by“ füllen das Album.

          Doch als Auftakt wählte Paul Kuhn „Almost the Blues“, eine Eigenkomposition. Kein Zufall, denn wie Sinatra (dem er, obwohl er dies immer bestritt, in seinen besten Gesangsnummern nahekam) war auch ihm abgrundtiefe Trauer geläufig, was er allerdings meistens hintan stellte, vor allem, als es in den sechziger Jahren mit der Schlagerkarriere voran ging: 1963 gab man ihm die Jazzsängerin Greetje Kauffeld an die Seite. Beider nett tändelndes „Jeden Tag da lieb ich dich ein kleines bisschen mehr“ wurde ein Tophit, überboten kurz darauf von Kuhns Solo „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, das sofort wurde, was der „Mann am Klavier“ gewesen war.

          Verschmitzter Melancholiker: Kuhn mit charakteristischer Brille am Piano

          Paul Kuhn nutzte 1968 den Hawaii-Erfolg, um zweigleisig zu fahren – als Leiter und Arrangeur der SFB-Bigband mit Swing und Pop bei großen Fernsehshows, Chanson, Blues und Kammerton-Jazz in der legendären Livesendung „Pauls Party“. Wie engstirnig das Entweder-Oder der Jazzanhänger und Schlagerfans ist, bewies er zu dieser Zeit durch Alben mit Bill Ramsey, dem er mit Folk, Blues und Jazz weg vom Muntermacher-Image half. 1982, als der SFB die Bigband aufgelöst hatte, gründete Paul Kuhn sein eigenes Orchester und begleitete eine Peter-Alexander-Tournee so jazzig, dass die Swingtalente des notorischen Schlagercharmeurs zum Tragen kamen. Nun endlich nahm die weltläufig gewordene Republik Paul Kuhn als das, was er ihr schon lange war – ein deutscher Glenn Miller.

          „Sei lieb zu mir“, einen grausligen Schmachtfetzen der fünfziger Jahre, sang Greetje Kauffeld in einer Sternstunde des liberalen Jazz zur ergreifenden Ballade um, als sie 2003 mit Benny Bailey und Jiggs Wigham an Paul Kuhns Jubiläumstournee teilnahm. Sie füllte Riesenhallen, denn nun war war der Musiker endgültig zurück bei den musikalischen Wurzeln, spielte in winzigen Klubs so konzentriert und lässig wie bei Open Airs, war „Deutschlands Jazz-Legende“ – sein Gesicht eine allbekannte Lebenslandschaft aus Verschmitztheit, Melancholie und Altersgelassenheit.

          Nun kam die Zeit der Filmemacher. In „Schenk mir dein Herz“ brillierte er 2011, autobiographisch grundiert, als greiser Jazzpianist, der in einem „Schlagerheini“ einen Tony Bennett entdeckt. So achselzuckend, wie seine Filmfigur gegen alle Vorhaltungen weiter Kette raucht, nächtliche Ausflüge ans Klavier unternimmt und mit „Fly Me to the Moon“ in einer Eckkneipe aus johlenden Säufern gebannte Zuhörer macht – so gelassen lebte Paul Kuhn in den letzten Jahren seine Musik. Nun ist er, der sich eben noch auf eine Tournee vorbereitet hatte, mit 85 Jahren gestorben. Man will es nicht glauben. Es ist zum Heulen.

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