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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.10.2012, 16:05 Uhr

Zum Tod von Dirk Bach Immer wenn ich traurig bin

Er hat immer schon gewusst, was er wert war. Er musste sich nichts beweisen, er wollte seine Begabung teilen und sie für sein Publikum vollenden. Alles andere behielt er für sich. Ein Nachruf auf Dirk Bach.

von Heike-Melba Fendel

Hunderte Zehnjähriger hatten sich am ersten Schultag nach den Sommerferien auf dem Schulhof in Köln Seeberg versammelt. Am Schuleingang riefen Klassenlehrer die Namen ihrer zukünftigen Schüler auf. Das dauerte lang. Der Jahrgang 1971 war fünfzügig, die Klassenstärke lag bei 45. Geburtenstarker Jahrgang.

Der runde Junge im weißen Anzug

Ich trug orangefarbene Hotpants mit Schmetterlingsapplikation. Keine gute Idee, wie die abfälligen Blicke der Parkafraktion verrieten. Da sah ich einen runden Jungen in einem weißen Anzug mit Fix- und Foxi-Muster auf der Wiese stehen. Er wirkte seltsam erwachsen, und er lächelte. Ich ging zu ihm herüber. „Hallo“ sagte er, „ich bin Dirk“.

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Dirk war anders, er war lustig und er war freundlich. Seine sehr netten, sehr kleinen Eltern haben im benachbarten Heimersdorf ein kleines Haus gekauft. Die Kinderzimmer von Dirk und seiner Schwester liegen im ersten Stock, das seine bis ins Erwachsenenalter randvoll mit Plüschtieren.

Der dritte Lehrer am Megaphon ist uralt. Er erzählte während seiner sechs Jahre als Geschichtslehrer der Klasse „C“ bevorzugt von seinen Erfahrungen im Arbeitslager Workuta und den Qualitäten der Kalaschnikow. Wie etliche ältere Kollegen wechselt er mit der gesamten Schülerschaft in die Gesamtschule Köln-Chorweiler, am Rande der frisch gebauten und ausgiebig asbestdurchseuchten Trabantenstadt.

Abends zog es ihn in die Stadt

Dort stoßen alternative Referendare auf Kriegsteilnehmer, Bürgerkinder auf Sozialfälle und alle auf die ausgiebige Hässlichkeit bunt gestrichener Betonquader. In der Mittelstufe wird in Dirks Klasse über den Paragraphen 218 diskutiert. Dirk verteidigt die Selbstbestimmung der Frau, sein Lehrer pariert das mit dem Kommentar, dass man ihn, Dirk, auch besser abgetrieben hätte. Der Vorgang landet auf einer riesigen Wandzeitung neben dem Lehrerzimmer. Der Lehrer muss die Schule verlassen.

Die alten Lehrer fort, die jungen hilflos, nun machen die Schüler, was sie wollen: konsumieren Drogen, lesen die Flugblätter des KBW oder die Schülerzeitung „Der Knüppel“ mit den von Dirk verfassten zehn Tipps für erfolgreiches Schwarzfahren.

Dirk macht da lange schon Theater. An der Schule, in der „Stadt“, in die es ihn abends aus der Vorstadt zieht. Zu seiner Freundin Hella, rund und anders und freundlich auch sie, zu der Regisseurin Martina Bako, die ihn an Offoff-Bühnen Genet spielen lässt, zu Heyme ans Kölner Schauspielhaus. Da ist er fünfzehn, sechzehn, siebzehn Jahre alt. Er ist schwul, er ist dick, aber er ist nicht schrill, auch wenn das jahrelang sein Wort für alles Großartige ebenso wie für alles Peinliche war. Er pflegte die Strategie des Affirmativen: Jeden Vorwurf mit einem vorauseilenden „So ist es“ parieren. Sein Körper, sein Styling der ganze Mann ist gleichsam eine Wandzeitung auf der steht: „Das bin ich. Und jetzt weiter im Text.“

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