24.08.2011 · Mit Vicco von Bülow alias Loriot verliert die Republik ihren größten Humoristen. Präzise skizzierte er in hauchzarter Überzeichnung unseren Alltag. Ohne ihn ist die deutsche Nudel nicht mehr denkbar.
Von Jörg ThomannMan hatte befürchtet, dass es einmal passieren würde. In jedem der raren Interviews, die Vicco von Bülow in den letzten Jahren gegeben hat, war irgendwann die Frage nach dem Tod gestellt worden, etwa im „SZ-Magazin“, das unverblümt von ihm wissen wollte, was einmal auf seinem Grabstein stehen solle. „Zweckmäßig wäre es“, antwortete er, „wenn der Name draufstünde.“
In dieser knappen Antwort auf eine Frage an der Grenze zur Unverschämtheit kondensiert sich viel vom Wesen des Mannes, der sich nach dem Pirol im Wappen seiner Familie Loriot nannte: Nüchternheit, Understatement, Selbstironie, Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Eloquenz - und, natürlich, Witz.
Man wünschte sich, auf die bestürzende Nachricht, dass Vicco von Bülow Montagnacht im Alter von 87 Jahren gestorben ist, so reagieren zu können, wie der Meister es wohl angemessen fände, mit jener wehmütigen Lakonik etwa, mit der er selbst vor vier Jahren seine langjährige, kongeniale Partnerin Evelyn Hamann verabschiedete: Stets eine Meisterin des Timing, habe sie diesmal die Reihenfolge nicht eingehalten, rügte Loriot, und schickte ein väterliches „Na warte“ hinterher. Oder mit jenem im Loriotschen Werk universal einsetzbaren Begriff „Ach“, mit dem der vom bürgerlichen Alltag überforderte Mensch auf jede neuerliche Zumutung reagierte, gern auch erweitert zu „Ach was“.
Uns aber, die wir mit Loriots Humor aufgewachsen sind, die wir viele Jahre durch die heitere Lebensschule dieses so weisen wie gütigen Lehrers gegangen sind und nun erkennen müssen, dass zwar nicht Loriots Humor, wohl aber der Humorist sterblich ist, geht diese Gabe leider ab. Wir sind untröstlich.
Und wir empfinden eine tiefe Dankbarkeit für die großen Verdienste von Bülows an seinem Lande. Dass nach der schwarzen Zeit der Hitler-Herrschaft und dem Zweiten Weltkrieg einer kommen würde, der die Deutschen wieder das Lachen lehrte, war nur eine Frage der Zeit - doch was für ein Glücksfall war es, dass derjenige ausgerechnet Vicco von Bülow war.
Ein Mann aus einer preußischen, adligen Offiziersfamilie, der jedoch weder zackig noch elitär auftrat, sondern freundlich, distinguiert und mit einem hintersinnigen Humor; einem Humor, für den manche seiner Landsleute noch nicht reif waren, wie Leserbriefe zu Loriot-Zeichnungen in Blättern wie „Quick“ oder „Stern“ aus den Fünfzigern dokumentieren: Da beklagten Angehörige desselben Volkes, das eben noch die größte Unmenschlichkeit verbrochen hatte, die Witze mit den Knollennasenmännchen als „menschenunwürdig und ekelerregend“, oder forderten, dem Künstler ein Fläschchen Gift zu verabreichen.
Hilfe zur Selbsterkenntnis
Gut für uns alle, dass Loriot diese Jahre überlebt und durchgehalten hat. Er hatte da schon manches hinter sich, hatte nach dem Notabitur den Kriegsdienst angetreten und am Russlandfeldzug teilgenommen, sich nach dem Krieg als Holzfäller verdingt, danach in Hamburg Malerei studiert und 1950 aus der finanziellen Not heraus erste Karikaturen angefertigt. Bald war Loriot etablierter Cartoonist, dessen Bücher wie „Der gute Ton“ oder „Loriots großer Ratgeber“ zu Erfolgen wurden. Zum populärsten deutschen Humoristen, ja zu einem der populärsten Deutschen überhaupt wurde Loriot aber erst durchs Fernsehen (und sehr viel später durchs Kino).
Als Autor, Regisseur und meist Hauptdarsteller seiner Sketche skizzierte er mit pedantischer Präzision stets nur hauchzart überzeichnete Szenen des bundesrepublikanischen Alltags, die den Zuschauern immenses Vergnügen bereiteten und ihnen zugleich zur Selbsterkenntnis verhalfen. Die tragikomischen Patriarchen, die beflissenen Verkäufer, die steifen Bildungsbürger, die frustrierten Hausfrauen und verwirrten Rentner - es waren wir selbst oder jedenfalls Leute, die wir sehr gut kannten.
Gehässig und ausgrenzend war er nie, der Loriotsche Witz, den man gleichwohl nicht für harmlos halten sollte. Seine Diagnose, was unsere Zivilisation betrifft, ist schließlich vernichtend: Kommunikation jedweder Art ist ein aussichtsloses Unterfangen, hinter der scheinbaren Ordnung lauert Anarchie, und schon kleinste Details genügen, damit unsere bürgerliche Fassade zerfällt und den Menschen in seiner ganzen Lächerlichkeit preisgibt, beispielsweise eine kleine Nudel.
Funkelnde Sätze, die bleiben
Erträglich bleiben diese Erkenntnisse allein durch die - so seltsam das Adjektiv bei einem Feingeist wie ihm erscheint - brüllende Komik, die Loriots Werk auszeichnet, durch die wunderbare Leichtigkeit und durch die Gewissheit, dass der Künstler unsere Gesellschaft bei alledem doch nicht in Frage stellt. Die Ehe übrigens auch nicht: Der Mann, der uns glaubwürdig vorführte, dass Männer und Frauen nicht zueinander passen, war sechzig Jahre lang mit seiner Romi verheiratet. Loriot war kein Umstürzler; er war ein Kritiker, durchaus, aber ein Menschenfreund. Und ein Unterhalter: der größte, den wir hatten.
Welch wohlklingende Worte auch immer man ihm nun nachrufen wollte, sie verlören sich doch inmitten des Sprachschatzes, den Vicco von Bülow selbst in unseren Köpfen hinterlassen hat, funkelnde Sätze, die jeder von uns auf immer mit ihm verbinden wird: Sie haben da was am Mund. Mein Gott, ich bade ja auch nicht zum ersten Mal! Kennen Sie Schnipp-Schnapp? Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer! Auf dem Campingplatz in Bozen liegen die Toiletten separat. Sie haben mir ins Essen gequatscht! Und wo ist das Zitronencreme-Bällchen? Ein Klavier...ein Klavier! Früher war mehr Lametta! Holleri du dödl di...diri diri dudl dö.
„Ein gutes Ende, aber keine Pointe“
Das Alter hatte sich für Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow als beileibe nicht so komisch herausgestellt, wie er selbst es uns etwa als Opa Hoppenstedt gern vorgeführt hatte. „Ein gutes Ende, aber keine Pointe“ hatte er, den gesundheitliche Probleme plagten, sich in einem seiner letzten Interviews gewünscht. Der Diogenes Verlag hat nun mitgeteilt, Loriot sei in Ammerland am Starnberger See an Altersschwäche gestorben.
Bei der Beerdigung seines Urgroßvaters, schrieb Loriot einst in seiner Autobiographie „Möpse & Menschen“, habe seine Urgroßmutter gesagt: „Ach, der gute Wilhelm, er hat es mir oft schwergemacht...“. Er habe, so fügte Loriot hinzu, „so das Gefühl, als ob alle Bülowschen Ehemänner zu gegebener Zeit von diesem Stoßseufzer begleitet werden“. Wenn auch wir ihm noch einen Stoßseufzer hinterherschicken dürften: Ach, der gute Loriot! Er hat es uns immer wunderbar leicht gemacht.
Versuch eines Dirigats
Ein Instrument hat er nicht gelernt. Dass der Vater ihn nicht ans Klavier gezwungen habe, sei das Einzige, was er ihm vorwerfen würde, sagte er später. Aber gibt es etwas Musikalischeres als Loriots Humor? Und hätten wir den wirklich eintauschen wollen gegen ein paar Klavierrecitals? Loriots Komik ist Präzisionsarbeit, eine Sache des perfekten Timings und daher eine der Zeitkunst Musik zuinnerst verwandte Angelegenheit. Ähnlich kann man das wohl nur noch von jener Charlie Chaplins behaupten.
Wenn Vicco von Bülow im Blaumann als Klaviertransporteur ans Podium der in Karajan-kommt-Hab-acht-Stellung erstarrten Berliner Philharmoniker stolpert und beim Versuch, eine Fliege zu verjagen, versehentlich die „Coriolan-Ouvertüre“ lostritt, dann sitzt nicht nur jeder Ton, sondern es passt auch jede Geste.
Geradezu besessen hat Loriot die erstarrten Rituale des Konzertwesens karikiert. Doch ob er als „Brat fettlos mit Salamo ohne“-Silbenrätselgewinner ein ehrwürdiges Konzertpublikum zur Weißglut trieb oder einen heimlich vor dem Spiegel dirigierenden Rentner mimte, den Liszts „Les Préludes“ schließlich unwillkürlich zu einem gefuchtelten Hitler-Gruß hinreißen; ob er als herrischer Maestro einer „Hustensymphonie“ nicht nur das Orchester, sondern gleich auch noch die leiblichen Regungen des Publikums in Regie nahm oder als indigniert-empfindlicher Solist eines nie erklingenden Flötenkonzerts vor der Unruhe im Saal kapitulierte: Seine eigene Verwurzelung im Kulturbürgertum und seine tiefe Liebe zur Musik, die ihm von allen Künsten zeitlebens die nächste war, hat Loriot dabei nie verraten.
Das zeigen auch seine sowohl unsterblich komischen wie liebevollen Texte zum „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saens und zu Prokofjews „Peter und der Wolf“, sein „Kleiner Opernführer“ und natürlich der legendäre, 1992 für das Nationaltheater Mannheim erfundene „Ring an einem Abend“. Einzelne Ausflüge ins Opernregiefach gelangen ihm nicht auf dem gleichen Niveau. Mit Wagner und den Berliner Philharmonikern aber verband ihn eine besonders obsessive Liebe: Immerhin war Hans von Bülow, der erste Philharmoniker-Chef, der sich von Wagner die Frau ausspannen ließ, sein Vorfahre.
(spin.)
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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