Neulich widmete das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ein ganzes Sonderheft der Frage: „Wozu Zeitung?“ Das ist eine gute Frage, weil sie sich in dem gegenwärtigen Medienumbruch viele Menschen stellen - und schlimmer: einige schon nicht mehr stellen. Sie wäre ein guter Anlass zur Selbstvergewisserung, zum öffentlichen Suchen danach, was genau das Bewahrenswerte oder gar Unverzichtbare ist, das die Zeitung speziell und der Qualitätsjournalismus allgemein leistet, und wie man dafür sorgen kann, dass genau das in den wirtschaftlichen und strukturellen Turbulenzen nicht verlorengeht.
Viele Texte darüber erscheinen in diesen Wochen in den Zeitungen, und erstaunlicherweise findet sich in den wenigsten davon eine ehrliche Bestandsaufnahme. Für viele Zeitungsjournalisten scheint die Antwort auf die Frage „Wozu Zeitung?“ so selbstverständlich zu sein, dass sie sich gar nicht erst damit aufhalten. Dass nur der professionelle Zeitungsjournalismus die Qualität garantiere, die Voraussetzung für eine informierte Debatte und eine aufgeklärte Gesellschaft sind, ist als Axiom gesetzt. Es sind schlichte Gegensatzpaare, die da aufgestellt werden: Etablierte Medien recherchieren, informieren, prüfen und sind unbestechlich, Blogger plappern nach, krakeelen und fallen auf jede PR-Finte herein. Durch diese Texte wabert das Gefühl eigener Überlegenheit oder genauer: das Gefühl, dass diese Überlegenheit selbstverständlich ist.
Es sind so viele
Der SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye behauptet, dass die „neuen Medien die Generierung von harten Fakten“ erschwerten. Das ist angesichts vieler Originalquellen, die erstmals jedem offenstehen, eine gewagte These, die aber daherkommt wie ein Naturgesetz. Kreye schreibt: „Emotionen (Angst, Wut, Lust) und Glaube (an Religionen, politische Meinungen, das eigene Rechthaben) spielen im Netz mindestens eine so große Rolle wie Fakten.“ Das stimmt. Aber es lohnt sich, die Wörter „im Netz“ versuchsweise durch „in den Zeitungen“ zu ersetzen. Der Satz verliert nichts an Wahrheit. Im Gegenteil, die Formulierung vom Glauben an das eigene Rechthaben wird erst richtig anschaulich.
Kurt Kister, der stellvertretende Chefredakteur der SZ, erklärt schlicht: „Weder das Finden noch das Erklären von Dingen ist die Sache der berühmten 2.0-Bürgerjournalisten. Die können am besten kommentieren, was andere schon aufgeschrieben, schon kommentiert haben.“ Er macht sich dann noch lustig, dass diese Blogger richtige Journalisten für arrogant halten. Er unterschätzt, dass die vielen Menschen, die plötzlich Hobby-Publizisten mit beliebigem selbstgewählten Anspruch sein können, ganz hervorragend sind im Dinge-Finden. Schon, weil sie so viele sind. Das gilt natürlich besonders bei Dingen, die vor ihrer Haustür passieren, und bei Themen, für die sie sich besonders interessieren.
Tristes Internet
Aber das Problem in dieser Debatte ist weniger die Geringschätzung dessen, was im Netz passiert. Das Problem ist die eigene Selbstüberschätzung. Wie viele Journalisten sind denn tatsächlich mit Dinge-Finden und -Erklären beschäftigt und tun dies auch noch gut? Und wie viele passen nur das, was ihnen Nachrichten- und PR-Agenturen ins Haus liefern, in Artikel-Gefäße?
Auch Miriam Meckels Plädoyer für den Journalismus beruht auf der Annahme, dass der tatsächlich so ist, wie er sein sollte: „Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert“, schreibt sie. Im Gegensatz dazu wird das Internet nicht als Ideal oder Möglichkeit, sondern als triste Realität geschildert. Da würden Amateure zu Autoren, „die eine subjektive, volatile und momentorientierte Berichterstattung praktizieren“. Als täten unsere Medien das nicht auch.
Alles muss bloggen
In einer Zukunft ohne Journalisten, schreibt Meckel, komme „das Neue“ nicht mehr in die Welt: „Es wird lediglich simuliert als Ergebnis der innovativen Verlinkung von Altbekanntem.“ Das ist ein niedlicher Gedanke, wenn man weiß, dass es reicht, eine Pressemitteilung im Abstand von mehreren Monaten noch einmal zu schicken, damit sie von Journalisten als neue Nachricht verkauft wird, aber im Ernst: Ich möchte in keiner Welt ohne professionellen Journalismus leben, doch diese Dystopie entbehrt jeder Grundlage. In einer Welt ohne Journalisten gingen uns die Neuigkeiten nicht aus. Die Lawblogger würden uns Neuigkeiten aus den Gerichtssälen erzählen, Parteimitglieder über neue Gesetzesentwürfe streiten, Foodblogger neue Restaurants erkunden, Medizinprofessoren neue Medikamente bewerten und chinesische und iranische Blogger uns mit Einblicken in ihr Leben bereichern.
Was fehlen würde in einer Welt ohne Journalismus, ohne Massenmedien, wäre neben den großen Plattformen für einen Diskurs der Gesellschaft vor allem das Sortieren und Gewichten, die Systematik und Kontinuität. Fehlen würde eine Struktur, die dafür sorgt, dass die Berichterstattung über wichtige Themen nicht davon abhängt, ob sich zufällig ein Blogger für sie interessiert oder sie sich unmittelbar rechnet, und die die größtmögliche Chance bietet, dass diese Berichterstattung professionell und unabhängig geschieht.
Geht nach draußen!
Meckel fordert zu Recht, dass die Journalisten rausgehen in die Welt, um zu berichten, was dort passiert. Aber sie vergisst, dass die vielen bloggenden Amateure, die angeblich keine Neuigkeiten zu erzählen haben, schon dort sind, draußen, in der Welt, wo die Journalisten erst hingehen sollen. „Wir brauchen Menschen“, schreibt Meckel, „die unter Recherche mehr als die Eingabe eines Begriffs in eine Suchmaschine verstehen.“ Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn mehr Journalisten unter Recherche überhaupt die Eingabe eines Begriffs in eine Suchmaschine verstünden.
Das „SZ-Magazin“ hat in seiner Themenausgabe auch den Gastbeitrag eines amerikanischen Bloggers veröffentlicht. Er hatte darüber geschrieben, warum es kaum deutsche Wirtschaftsblogs gebe, woraus das „SZ-Magazin“ ohne sein Wissen eine Polemik über deutsche Blogs insgesamt machte. Die Zeitschrift wusste nicht einmal, wer ihr Gastautor war, und verband seinen Text mit einer falschen Biographie. Das ist in einem Heft, in dem so viel von „Fakten“ und „Qualität“ die Rede ist, schon erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, dass die Online-Auftritte von „taz“, „Financial Times Deutschland“ und „Spiegel“, die den Gastbeitrag vom „SZ-Magazin“ bekamen, diese Fehler übernahmen. Keiner von ihnen schien den Autor zu kennen, und keiner hatte auch nur seinen Namen bei Google eingegeben, um sich kurz zu informieren. Das sind alles Online-Angebote, die sich für Qualitätsmedien halten. An vielen, auch gravierenden Beispielen lässt sich belegen, wie sehr der Journalismus die schnelle Verbreitung von Meldungen perfektioniert hat - um den Preis, dass Falschmeldungen genau so schnell vervielfältigt werden.
Enteignung per Verlag
Manchmal scheint es, als hätten die Journalisten, die sich in den Debatten über die Folgen der digitalen Revolution äußern, die Verklärung des zu verteidigenden Status quo perfektioniert: Jeden Tag rufen Zeitungen gerade voller Pathos zur Verteidigung des Urheberrechts gegenüber irgendwelchen „Piraten“ oder Google auf. Sie fordern, als sei es ein Menschenrecht, dass Autoren selbst entscheiden, was mit ihren Texten geschieht, wo sie veröffentlicht werden, wer an ihnen verdient. In diesem Empörungsgetöse blenden sie fast vollständig aus, dass die meisten freien Journalisten schon deshalb nicht von Google enteignet werden können, weil die Verlage das längst erledigt haben.
Wenn der Zeitungsjournalismus so wäre, wie er in den vielen Zeitungsjournalismus-Verteidigungstexten beschrieben wird, dann müssten Zeitungen in dieser Auseinandersetzung um die Zukunft des Urheberrechts der Ort für die gepflegte Debatte sein, allen begründeten Standpunkten ihren Raum geben, abwägen und differenzieren und die eigenen Interessen deutlich machen. Ich sehe stattdessen an vielen Stellen Propaganda in eigener Sache, einseitig und penetrant und manchmal grotesk übertrieben. Es ist das Gegenteil einer vertrauensbildenden Maßnahme.
Frontverläufe
Wie überzeugend sind all diese Plädoyers für die Großartigkeit, die Einzigartigkeit des Zeitungsjournalismus, den wir haben, wenn die Menschen im Alltag das Gegenteil erleben? Wir brauchen professionellen Journalismus, und wenn ich es mir aussuchen kann, dann bitte auch in Zukunft nicht nur online, sondern auch auf Zeitungspapier. Aber wir brauchen ihn nicht als verklärtes Ideal, das seine Unverzichtbarkeit behauptet, sondern einen Journalismus, der täglich seine Zuverlässigkeit beweist. Einen Journalismus, der transparent ist, seine Unzulänglichkeiten offenlegt und seine Fehler korrigiert, der hingeht, wo es weh tut, sich die Zeit nimmt, die nötig ist, der recherchiert statt kopiert und Verantwortung für die Folgen seiner Arbeit übernimmt.
Wenn die Diskussion über die Zukunft des Journalismus konstruktiv sein soll, muss sie sich endlich von den falschen Gegensätzen verabschieden. Die Front verläuft nicht zwischen Profis und Amateuren oder zwischen Print und Online. Sie verläuft zwischen gutem Journalismus und schlechtem Journalismus. Zeitungen oder genauer: professionelle Medien haben die besten Voraussetzungen, ihre Leser gut zu informieren. Aber unverzichtbar sind sie nur, wenn sie davon auch Gebrauch machen.
Kritische Journalisten brauchen wir, aber sie werden stetig seltener
David Elshorst (ewolve)
- 20.05.2009, 19:00 Uhr
Nagel auf den Kopf getroffen
Philipp Tangerding (Schippe)
- 20.05.2009, 19:07 Uhr
wer will das bezahlen?
otto fort (ottofort)
- 20.05.2009, 20:13 Uhr
Gibt es noch Journalisten? Werden Schreiber gekauft?
egon soppe (egonsoppe)
- 20.05.2009, 22:26 Uhr
Die sogenannte Qualitätspresse
Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 20.05.2009, 23:26 Uhr