http://www.faz.net/-gqz-7gnyc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 16.08.2013, 19:05 Uhr

Zukunft der Zeitung Die Odyssee der Online-Onkels

Bei „Spiegel Online“ läuft eine „Zeitungsdebatte“, über die man sich nur wundern kann. Dort reden Blinde von der Farbe, verkennen die Vorteile gedruckter Medien und fordern, was es längst gibt.

von Stefan Schulz
© AP Dieser Mann kann zukunftsweisend sein: Er liest in seiner Brille Zeitung und stellt im selben Moment mit seinem Telefon eine neue her

Offenbar nehmen Zeitungen auf der Liste historischer Irrtümer einen Spitzenplatz ein. Und folgt man einigen Autoren der von Cordt Schnibben begonnenen „Zeitungsdebatte“ des „Spiegel“, sind vor allem die Journalisten an der Misere schuld. Weil sie im „Dienstwagen, mit Arroganz und dem unbedingten Willen, dass die Welt sich nicht verändert“ (Sibylle Berg), „Copy-and-Paste-Journalismus, umgeschriebenes PR-Material und als Information getarnte Mutmaßungen“ (Richard Gutjahr), für die sich „kein Leser interessiert“, „im nutzlosen Zeitungs-Bündel“ (Mario Sixtus) verkaufen. Da Zeitungen eine „Technologie der Informationsübermittlung“ seien, erlebten wir folgerichtig das „Sterben der Zeitungen“ (Thomas Knüwer).

Das Schicksal scheint besiegelt. Doch wer schuldet den meinungsstarken Gastautoren nun den digitalen Echtzeitjournalismus, den sie für ihre Minibildschirme einfordern – Texte im „Einzelverkauf“, die den „fließenden, dynamischen Dauerbewegungen des Weltgeschehens“ Rechnung tragen und zwar „ausschließlich online“? Genaugenommen gibt es das längst. Nachrichtenseiten wie „n-tv.de“, „Bild.de“ oder „Focus online“ bedienen nach sorgsam ermitteltem Maß und Rhythmus die Vorlieben ihrer ruhelosen Leser.

Journalismus war nie so erfolgreich wie heute

Selbst in der Onlineredaktion dieser Zeitung, die unter Internetliebhabern als konservativ und langsam gilt, geben die Klicks des Publikums den Takt vor. Tachonadeln klären über die Anzahl der Besucher auf, kleine Balken über deren Verhalten. Und obendrein sind die klickmarktoptimierten Angebote der Medienhäuser fast vollständig kostenlos. Mehr als zehn Millionen Menschen informieren sich regelmäßig und gezielt auf „Bild.de“ und „Spiegel Online“. Die Visionen der „Spiegel“-Autoren sind schon Realität – und erreichen ihre Leser.

Nur hat der Onlinejournalismus mit Zeitungen wenig zu tun. Die „Zeitungsdebatte“ geht von falschen Prämissen aus und stellt Forderungen und Thesen auf, die sich leicht zurückweisen lassen. Richard Gutjahr wünscht sich „mehr Tiefe, Analyse und Experimentierfreude“. Der vom ZDF bezahlte Mario Sixtus verdammt den „Aus-die-Maus-Redaktionsschluss“, nach dem „essentielle Fakten“ nicht mehr zur Geltung kämen. Thomas Knüwer bemängelt „Limitierungen wie Druckzeiten, Verteilung, Längenbegrenzungen und die Beschränkung auf Schrift und Bild“. Das passt nicht zusammen – weder online noch gedruckt.

Die Limitierungen einer Zeitungen sind die Bedingungen für Qualität

Mehr journalistische Tiefe, Analysen und Experimente, das ist immer möglich. Nur stellt gerade der Onlinejournalismus die Bedingungen dafür nicht her, im Gegenteil. Die als Fehler benannten Limitierungen einer Zeitung sind tatsächlich Garanten journalistischer Qualität. Sie bedingen, dass Redaktionen entscheiden, abwägen und aushandeln, wie ihr Blatt aussieht. Auch das dieser Prozess auf einen täglichen Termin hinausläuft, ist nützlich.

Selbst die Enge auf dem Papier trägt zur Steigerung journalistischer Qualität bei, weil ihr das Zugeständnis an die Aufmerksamkeitsgrenzen der Leser innewohnt. Der weite Raum des Internets hat kaum Probleme gelöst – sondern im Gegenteil verschärft. Selbst die Reduktion auf Text und unbewegtes Bild zeigt im Internetzeitalter ihre Vorteile, weil es dem Leser überlassen bleibt, ob er sich in drei Minuten einen Überblick verschafft oder sich drei Stunden Zeit nimmt, eine Zeitung zu studieren.

25548445 © Google Analytics Vergrößern Journalistische Qualität wird im Internet noch mehr als im Zeitungsmarkt anhand von Ziffern, Balken und Tortenausschnitten gemessen

Für gute Texte braucht man in erster Linie gute Autoren, in der Tat. Journalistische Qualität allerdings ist eine Leistung, die Organisationen erbringen. Der Fokus der „Zeitungsdebatte“, deren Autoren es bei den Ansprüchen der Lesern an Inhalte belassen, ist verengt. Er widerspricht nicht nur mediensoziologischen Argumenten und wirtschaftlichen Thesen zur Querfinanzierung, er widerspricht selbst dem Alltagsverständnis twitternder Blogger. Denn wichtiger noch als Inhalte sind im Internetzeitalter ihre Quellen. Die Ordnung der Information wird, gerade wegen ihrer Fülle, von der Reputation ihrer Vermittler bestimmt. Demgegenüber ist es im Internetzeitalter wiederum fast unerheblich, welcher Institution oder Person einzelne spektakuläre Enthüllungen gelingen. Zeitungen garantieren geruhsam, dass sie im Chaos der Informationen nicht verlorengehen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Barfuß über das ganze Dach

Von Andreas Rossmann

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Mehr 4