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Der Zürich-Krimi im Ersten : Wer darf entscheiden, wann es Zeit ist zu gehen?

  • -Aktualisiert am

Seine Klage geht nach hinten los: Borchert (Christian Kohlund) muss für die Entlastung seiner Mandantin sorgen. Bild: ARD Degeto/Graf Film/Roland Suso

In „Borchert und die letzte Hoffnung“ ermittelt der gefallene Anwalt in einem Fall von Sterbehilfe. Der neue Zürich-Krimi ist überraschend sensibel und berührend.

          Die Nacht war schwer für Anton Schneider (Beat Marti). In den Wochen zuvor hat sich sein Zustand rapide verschlechtert. An diesem bleigrauen Morgen will er nicht mehr. Er verlangt von seiner Frau Louise (Jenny Schily), was beide vor fünfzehn Jahren, als sie einer Schweizer Sterbehilfeorganisation beigetreten sind, vereinbart haben. Ein letztes Mal erinnern sich beide an ihre Liebe und ihr gemeinsames Leben, dabei wird Schneider immer wieder von Krampfanfällen unterbrochen. Seine Frau bereitet unter Tränen das tödliche Getränk zu. Damit sie straflos bleiben kann, muss er es ohne Hilfe zu sich nehmen. Sein Zittern schüttelt den Körper. Ganz zart singt jemand im Hintergrund das Lied „Mad World“. Die Gesichter des Paars spiegeln das Leid in Großaufnahmen.

          So grenzüberschreitend intim gespielt ist diese Szene, dass man wegschauen, kein Voyeur sein möchte. Die Kamera wendet sich ab. Wer aber wird später, als Louise Schneider verhaftet wird, sagen können, wie es genau war? Es gibt keinen Zeugen für den Tod von Anton Schneider, nicht einmal den Zuschauer. Die entscheidende Szene, beleuchtet durch nun grelles Morgenlicht, wird erst sehr viel später Aufklärung bringen.

          Gerupfter Vogel aus der Asche, aber mit Stil

          Thomas Borchert (Christian Kohlund), Züricher „Anwalt ohne Lizenz“, in Frankfurt zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilte ehemalige Wirtschaftsgröße, zieht schwer erkältet um. In der Kanzlei der Nachwuchsanwältin Dominique Kuster (Ina Paule Klink) stellt er seine Biedermeier-Récamiere vorerst neben den Schreibtisch. Wenn er schon gerupfter Vogel aus der Asche spielen muss, dann mit Stil und blauverspiegelter Sonnenbrille.

          Wenig später haben Kuster und Borchert ihren ersten richtigen Fall. Viola Schneider (Lucie Heinze) will den Arzt ihres Vater wegen Behandlungsfehlern verklagen. Markus Hoffer (Nicki von Tempelhoff) hat den an multipler Sklerose leidenden Patienten konservativ behandelt und angeblich seit Wochen nicht gesehen, aber dessen penibel geführtes Krankheitstagebuch verzeichnet in beider Hinsicht anderes. Klinikleiter Professor Maibach (Gerhard Gabers) reagiert nervös. Selbst der Hauch eines Skandals werde Hoffers Chefpostenanwartschaft schaden, warnt er. Verpflichtet wird ein erfahrener Top-Anwalt mit besten Kontakten in die Welt des Züricher Geldadels. Reto Zanger (Robert Hunger-Bühler) ist außerdem Dominique Kusters Vater. Womit die Interessenkonflikts- beziehungsweise Problemgemengelage vollständig ist und die neue Kriminalgeschichte nach zwei Auftaktfällen 2016 ihren nicht gänzlich vorhersehbaren Lauf nehmen kann.

          Tochter-Vater-Konflikt im Anwaltsmilieu, gedoppelt zudem in der ungleichen Berufspaarung des alten Fuchses Borchert, dem nach Jahren im Bankenturm-Milieu nach Läuterung zumute ist, und der jungen Juristin, die sich trotz chronischer Anfänger-Unterschätzung durch Prinzipienfestigkeit behauptet; dazu die naheliegende Konfrontation idealistischer und zynisch instrumentalisierender Rechtsauffassung, ergänzt durch einige noch ausbaufähige Nebenfiguren wie den attraktiven Polizisten Hauptmann Marco Furrer (Felix Kramer), die patente Kanzleisekretärin und Rechercheallzweckwaffe Regula Gabrielli (Susi Banzhaf) oder die lebenserfahrene Ärztin Marlene Vogt (Angela Roy), der Borchert nahestand, bevor er vor Jahren verschwand: man kennt solcherlei Beziehungsgeflecht aus zahlreichen Anwaltsserien.

          Einen Originalitätsbonus verdient der erste der beiden neuen Fälle des „Zürich-Krimis“, „Borchert und die letzte Hoffnung“, durch die Geschichte, die sich vom Sterbehilfe- und Arztfehlerdrama zur Ermittlung im Geschäftsbereich der Pharmaindustrie und Medikamentenzulassung weitet. Die Inszenierung von Roland Suso Richter lenkt in der Hauptverhandlungssache des assistierten Suizids sensibel und emotional klug die Dramaturgie, die Bildgestaltung von Max Knauer findet oft den ungewöhnlichen Blickwinkel. Dass neue Erkenntnisse von allen Beteiligten, Anwälten wie streitenden Parteien, mitten in der Pathologie am Fuß der in Frage stehenden Leiche diskutiert werden, dass Borchert mit Billigung des Bestatters nach Geschäftsschluss Tote begutachtet oder dass über Untersuchungshaft in einer Art Charles-Dickens-Gerichtskarikaturverhandlung entschieden wird, verstimmt etwas. Alles in allem aber ist der erste neue Fall aus Zürich berührend. Der nächste, „Borchert und die Macht der Gewohnheit“, hält dagegen nicht, was dieser verspricht.

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