19.02.2008 · Nicht mehr ein Redakteur entscheidet hier, was er dem Leser vorsetzt, sondern serviert exakt das, was letzterer bestellt hat. Die im Internet geträumte Utopie eines Journalismus 2.0 nennt sich „Zoomer.de“.
Von Jörg ThomannLeser „lokutus“ hat da noch einen „Hinweis an die Redakteurin Frau Preuß“. Ihn würden, schreibt er unter den Beitrag zum Kosovo, „weitere Hintergründe zum Engagement der Bundeswehr und der Nato im Kosovo interessieren“. Frau Preuß, Redakteurin beim neuen Internetportal „Zoomer.de“, ist dieser Wunsch Befehl: „Lieber lokutus, ich mach mich sofort an die Arbeit!“
Mit diesem Dialog scheint sie Wirklichkeit geworden, die im Internet geträumte Utopie eines Journalismus 2.0, die die vermeintlichen Hierarchien auf den Kopf stellt: Nicht mehr ein Redakteur entscheidet hier, was er dem Leser vorsetzt, sondern serviert exakt das, was letzterer bestellt hat. Stets zu Diensten, signalisiert am Rande mancher Beiträge auch das Bildchen jenes Redakteurs, der „dieses Top-Thema“ betreut.
Geschicktes Ballspiel der unsichtbaren Hand
Was so ein Topthema ist, das sollen bei Zoomer die Leser bestimmen. Je häufiger ein Artikel angeklickt wird, desto intensiver werde das Thema weiterverfolgt, verspricht die Redaktion; was zu wenige lesen, rutscht rasch von der Seite. Zur Orientierung soll ein nicht nur für Farbenblinde nicht auf Anhieb zu durchschauendes „Plazierungstool“ dienen, in dem grüne Bällchen das Leserinteresse und blaue die Aktualität repräsentieren. Es steht indes zu vermuten, dass eine unsichtbare Hand durch geschicktes Ballspiel dafür sorgt, dass zum Spitzentext eben nicht das einladende „Arbeitsloser brät Hund der Nachbarin“ wird, sondern Beiträge, die auch bei den anderen Nachrichtenseiten oben standen, etwa der Steuerskandal und Fidel Castros Rückzug.
Völlig fremdbestimmen lassen möchte sich die Zoomer-Redaktion wohl doch nicht. Dennoch brüstet man sich, „das erste echte Internet-Nachrichtenportal“ zu sein, das ausschließlich Nachrichten bringe, „die euch“ - Zoomer, das sich an ein Publikum zwischen zwanzig und fünfunddreißig richtet, ist eine siezfreie Zone - „wirklich interessieren“.
Ein Fidel-T-Shirt zur Castro-Meldung
Doch natürlich geht es bei Zoomer nicht um die Umsetzung von Utopien, sondern um wirtschaftliche Interessen. Der Holtzbrinck-Konzern, der Zoomer betreibt, will - was manchem utopisch genug erscheint - im Internet endlich Geld verdienen, nachdem er Unsummen investiert hat. Rund achtzig Millionen Euro hat man sich das Portal StudiVZ kosten lassen, das 4,8 Millionen Mitglieder aufweist - mit denen sich dummerweise bislang kaum Geld verdienen lässt.
Also suchen nun Geschäftsführer und Chefredakteur von Zoomer.de bei StudiVZ nach Freunden für ihr Portal, dessen Besuchern sie ans Herz legen, sich zu registrieren und aufs persönliche Profil zugeschnittene Nachrichten liefern zu lassen - sowie Werbung. Unsere erste persönliche Nachrichtenlieferung umfasste eine Packung Pressemitteilungen. Was die Werbung betrifft, so wird sie schon jetzt recht zielsicher plaziert: Die Castro-Meldung flankierte die Aufforderung eines Online-Händlers, sich ein Fidel-T-Shirt zu bestellen.
„Oops! Ein echter Hingucker“
Bei der Umschmeichelung des Lesers zeigt Zoomer.de durchaus erfolgversprechende Ansätze. Leserkommentare werden auffällig, mitunter wie ein vollwertiger Artikel präsentiert. Wer sich aber von einem Nachrichtenportal gezielte Information erhofft, der wurde in den ersten beiden Tagen arg enttäuscht. Neben den fünf opulent präsentierten „Top-Themen“ geraten weitere kaum in den Blick; die Seite wirkt statisch, auch wegen mehrerer zentral plazierter fester Elemente wie einer der üblichen Agenturbilderschauen, selbstverständlich inklusive des Models, dessen Kleid vom Busen gerutscht ist („Oops! Ein echter Hingucker“).
Bilder scheinen Zoomer stets wichtiger als die meist knappen, agenturlastigen Texte, denen wie zwanghaft Umfragen angehängt werden („Hast du Angst vor unkontrolliert umherfliegendem Weltraumschrott? - „Ein bisschen schon. Man weiß ja nie, wo das Zeug runterkommt.“). Ist man nach mühsamer Suche doch noch zu einer Ressortaufteilung vorgestoßen, so findet man im Bereich der Kultur zwar die Meldung, wer bei der Berlinale den schwul-lesbischen Filmpreis „Teddy“ gewonnen hat, nicht aber die Sieger der Hauptpreise. Sollte dies die Interessen der Zoomer-Leser widerspiegeln?
Old-Media-Ikone neben Germany's beinahe Top Model
Der „Tagesspiegel“, der wie Zoomer zu Holtzbrinck gehört, findet die Meinungsfreude der Zoomer-Nutzer faszinierend. Und so lesen wir gedruckt, was „dasbinich“, „kacktusse“ und „johewe“ von der „Meinungsmacherin“ Fiona Erdmann halten, die sich bei Zoomer mit dem Thema Fußball befasst.
Fiona Erdmann war mal Kandidatin bei „Germany's Top Model“, hat selbst Fußball gespielt und eine Mädchenmannschaft trainiert. Bei Zoomer macht sie nun mit Stücken, die sie im Stil einer Kinderfernsehsprecherin vorträgt, modellhaft Medienkarriere. Die Old-Media-Ikone Ulrich Wickert wirkt als Herausgeber von Zoomer inmitten der Redaktion wie ein alter Lehrer, der ein Fach unterrichtet, das es nicht mehr gibt. Das Fach hieß - „Journalismus“.
Zielgruppe getroffen
Frank Syré (zoomer)
- 19.02.2008, 19:37 Uhr
Zoomer.de
Siegfried Specho (specho)
- 19.02.2008, 20:03 Uhr
Spitze, dieses web 2.0!
Thomas Berger (tberger)
- 19.02.2008, 20:45 Uhr
Zoomer ungleich Journalismus
Till Großterlinden (thelastoutsider)
- 19.02.2008, 23:32 Uhr
@Thomas Berger: danke!
Frank Syré (zoomer)
- 19.02.2008, 23:51 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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