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Zensurvorwurf gegen Apple Kein Sex bitte, wir sind Amerikaner

25.02.2010 ·  Apple löscht Inhalte. Damit hat die Presse ein Problem. Es geht angeblich um Schutz vor Pornographie. In der Zensur, deren Reichweite niemand einschätzen kann, drückt sich jedoch ein spezifische amerikanisches Reinlichkeitsdenken aus. Die Verleger schlagen Alarm.

Von Edo Reents und Michael Hanfeld
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Was ist die „Bild“-Zeitung ohne das „Bild“-Girl wert? So viel wie James Bond ohne das Bond-Girl: die Hälfte. Man muss es nicht mögen und auch nicht hinsehen, zumal an freizügigen Fotos ohnehin kein Mangel herrscht. Aber wenn es der Springer-Verlag so will und es niemanden gibt, der ihn daran hindert, dann muss man es hinnehmen. Nicht so Apple. Getreu der Losung „No Nipples“ verhindert der Konzern Nacktfotos. Doch nicht nur das: Was als App auf dem iPhone erscheint, unterliegt einer Kontrolle, man kann auch sagen: Zensur, deren Kriterien unklar sind. Und dabei geht es nicht nur um blanke Busen und die „Bild“-Zeitung.

Unlängst wurde zum Beispiel auch die Fotogalerie einer „Stern“-App gelöscht. Apple kann das, in der Welt der Apps sind die Verlage nicht länger Herren ihrer Inhalte. Das brachte Donata Hopfen, Geschäftsführerin von „Bild“-Digital, auf die Palme. „Heute sind es nackte Brüste, morgen womöglich redaktionelle Artikel“, die verschwänden, schrieb sie in einer Brand-E-Mail an den Zeitschriftenverlegerverband VDZ.

Sperrpolitik ohne Regeln und Absprachen

Der Verband nahm die Kritik umgehend auf und wird deutlich. Der Vorsitzende Wolfgang Fürstner will gegen die Zensurpolitik von Apple richtig in die Offensive gehen. Beim Treffen des Verleger-Weltverbandes in der nächsten Woche will er darauf hinwirken, dass die Verlage sich weltweit Apple entgegenstellen. Die Einschätzung des VDZ, festgehalten in einem Grundsatzpapier, ist eindeutig: „Wir kritisieren das Verhalten von Apple als unfair, willkürlich, geschäftsschädigend und für die Pressefreiheit gefährlich.“

Die Ablehnung oder Sperrung von Apps, so der VDZ, folge keinen klaren, vorher festgelegten Regeln, Apple habe mit den App-Anbietern keine Vereinbarungen getroffen, sondern „verschärft rückwirkend die Spielregeln“. Auch sei nicht klar, ob App-Anbieter gleich behandelt werden; angesichts Apples unklarer Haltung zu den Inhalten werde zudem die Schaltung von Werbung erschwert. „Die Beschränkung“, schreibt der VDZ, „ist mit unserem deutschen Verständnis von Pressefreiheit nicht vereinbar. Was heute möglicherweise noch halbwegs vertretbare Erwägungen sein mögen – die Unterdrückung von zu viel Nacktheit, kann morgen schon viel weiter gehen und andere für Apple missliebige Inhalte betreffen.“ Transportplattformen wie das iPhone dürften sich keinen redaktionellen Einfluss anmaßen. Offenkundig verstehe sich Apple als Verleger, ohne die Grundlagen dafür zu offenbaren. Apple sei gefordert, seine Maßstäbe offenzulegen, „klar und transparent vorzugehen, zu kooperieren und Macht nicht zu missbrauchen“.

Rauchverbot für Paul McCartney

Die Kritik an Apple ist keine deutsche Angelegenheit. Erst diese Woche hat Apple mehr als 5000 Apps aus seinem store genommen – durchweg solche, die spärlich bekleidete (nicht nackte) Frauen zeigten und gegen die aus sieben Punkten bestehenden Richtlinien verstießen. Fred Clarke, dessen kleine Firma „On the Go Girls“ fünfzig Apps vertrieb, die von einem auf den anderen Tag gekillt wurden, zeigte sich schockiert. Sein Bilderdienst zeigt zum Beispiel Damen im Bikini beim Fensterputzen. Das gibt es bei Apple nun nicht mehr. Seine Angebote seien zwar etwas gewagter als die von Disney, sagt Clarke, aber auch nicht mehr.

Apple nimmt für sein Vorgehen Beschwerden zum Anlass. Vizepräsident Philip Schiller berichtete der „New York Times“ von Frauen, die Inhalte als entwürdigend empfunden hätten, und von Eltern, die sich besorgt zeigten, dass ihre Kinder so etwas sähen. Dies alles ist aber Ausdruck eines spezifisch amerikanischen Reinlichkeitsdenkens, das in Europa auf Unverständnis stößt und die tollsten Blüten treibt: beispielsweise, als in Amerika das berühmte „Abbey Road“- Plattencover der Beatles retuschiert und einfach Paul McCartneys Zigarette beseitigt wurde, oder unlängst, als Zuschauer beanstandeten, dass Sigourney Weaver in dem Film „Avatar“ raucht. Hinter Apples Prüderie stecken freilich auch eine knallharte Geschäftsstrategie und die Sorge vor Kursverfall: „Am Ende“, sagt Gene Munster, Analyst von der Bank Piper Jaffray in der „New York Times“, „geht es um die Marke, und die will man blitzsauber halten“. Deutschsprachige Internetkommentare gehen von Achselzucken – „Ich sehe mir so etwas sowieso nicht an“ – bis hin zum offen Kulturkämpferischen: „Warum soll hier in Europa diese puritanische Sexfeindlichkeits-Zensur eingeführt werden?“

Die Antwort von Apple auf die Kritik erfolgt auf Anfrage dieser Zeitung kurz, knapp und ganz und gar nicht in der von den Verlegern gewünschten Klarheit: „Code, Inhalt und Funktionsweise werden vorab geprüft. Nicht erlaubt sind Anwendungen mit beispielsweise pornographischen, illegalen oder die Privatsphäre verletzenden Inhalten oder welche, die arglistige Hintergründe haben. Detailliertere Kommunikation zwischen Apple und Entwicklern unterliegen einer Vertraulichkeitsvereinbarung.“

Arglistige Hintergründe? Die Privatsphäre verletzende Inhalte? Damit ließe sich wohl ein großer Teil der Presse-Apps weltweit in Apples Sinne einfangen, zensieren und löschen. Der VDZ hat, wie es scheint, allen Grund, Apple zu einer transparenten Darlegung seiner Grundsätze aufzufordern.

Ein eigener Online-Kiosk

Gruner + Jahr und die WAZ haben noch einen anderen Schluss aus der Sache gezogen – ein „Online Kiosk“ soll es richten, eine digitale Verlagsplattform für alle Endgeräte. Damit behielten die Verlage die redaktionelle Hoheit über ihre Inhalte, unterstünden nicht einem technischen Dienstleister wie Apple, der sich zugleich als Zensor versteht, und behielten zugleich die Kontrolle über ihre Anzeigeneinnahmen (von denen Apple ein Drittel nimmt) und die Beziehungen zu ihren Kunden. Doch müssten dabei viele mitmachen, will man ein Gewicht gegen die großen digitalen Spieler bilden. Und auf das geliebte iPhone kommt man so natürlich nicht.

Dem Springer-Verlag, der in der Debatte nicht unbedingt den Vorreiter geben will, ist übrigens an Einvernehmlichkeit gelegen. Nacktfotos seien zwar ein integraler Bestandteil der Zeitung, aber bei weitem nicht der einzige, sagt der „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich. Doch gebe es „in Amerika offenbar einen anderen Umgang mit Nacktheit als bei uns in Europa. Wir hoffen jedenfalls auf ein Einsehen bei Apple. Wir wollen das in Gesprächen lösen, nicht auf der Barrikade.“ Das aktuelle App der „Bild“ sei freigegeben worden. Mehr als hunderttausendmal soll die Applikation verkauft worden sein, die den Seite-1-Strip der „Bild“ zum „Schüttelmädchen“ macht: Wenn man das Gerät schüttelt, entblättert sich die Grazie; den Bikini behält sie an.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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