Home
http://www.faz.net/-gsb-7h66h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zeitschrift „The Baffler“ Wider den amerikanischen Humbug

 ·  Der gedruckte Störkörper: „The Baffler“ stellt sich quer zur akademischen, literarischen, politischen und digitalen Welt. Eine Begegnung mit John Summers, dem Chefredakteur der frechen Zeitschrift.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)
© The Baffler Vergrößern Die auch zeichnerisch originell und witzig gestaltete „Baffler“-Cover, illustriert von Mark Fisher, Stephen Kroninger, Brad Holland und Lou Beach, wenden sich an den unangepassten Verstand des Lesers.

Wer die wenigen Intellektuellen treffen will, die in der amerikanischen Öffentlichkeit noch eine Rolle spielen, muss sich den „Baffler“ kaufen. Namen wie David Graeber, Thomas Frank, Susan Faludi und Evgeny Morozov tauchen regelmäßig in dieser Zeitschrift auf, die im Meinungskonzert der Nation ohne Vergleich ist. Weil sie für ungewohnte Dissonanzen sorgt. Statt die gängigen Debatten der Zeit aufzuwärmen, werden sie vom „Baffler“ völlig neu gewürzt. Für die alten Rezepte ist keine Verwendung mehr. Was andernorts nur an der Oberfläche brodelt, wird auf seine Substanz geprüft, in tief auslotenden, hart zupackenden, oft auch polemisch zugespitzten Geschichten. „Was wir tun, tut sonst niemand“, sagt Chefredakteur John Summers.

Die Taktik, die er dafür einsetzt, trägt der „Baffler“ im Titel. Er will uns also verwirren und verblüffen, wenn nicht gar etwas vereiteln, etwas durchkreuzen. Technologisch verstanden, ist ein „baffler“ aber auch ein Störkörper. Und so, als Störkörper, bringt sich das Magazin am liebsten und besten ins intellektuelle Spiel. Summers, der vor gut zwei Jahren den „Baffler“ übernahm und ihn seitdem im Namen der „Baffler Foundation“ leitet, verspricht seinen Lesern „anspruchsvolle Analysen mit satirischem Biss“. Analysiert wird die Macht, vor allem Amerikas Macht.

Kritik an der „Kultur des Geschäfts und dem Geschäft der Kultur“

Ein weites Feld, wie Summers sogleich zugibt, ein Feld aber auch, das sich vielfältig beackern lässt. Leicht mag es nicht sein, über ökonomische Vorgänge verständlich und sogar unterhaltsam zu schreiben, unmöglich ist es nicht. Wird dabei die Gesellschaftskomödie gestreift, hat Summers sein Ziel erreicht. Seit 1988, als der „Baffler“ erstmals erschien, ist das immer wieder vorgekommen. Gegründet von Thomas Frank und Keith White, unruhigen Geistern an der University of Virginia, setzte das Magazin in unregelmäßigen Abständen zur Kritik an der „Kultur des Geschäfts und dem Geschäft der Kultur“ an. 2007 war damit Schluss. Den „Baffler“ gab es bloß noch in archivarischer Form.

Zu seinem zweiten Leben hat ihn John Summers ein paar Jahre später erweckt. Finanziell leistet ihm jetzt die MIT Press Beistand, aber die Suche nach Sponsoren und Partnern geht weiter. Über das dreimal im Jahr erscheinende Magazin hinaus peilt Summers ein Drehkreuz von Ideen an, das in Richtung Bücher, Blogs, Vorträge, Symposien und Forschungsgelegenheiten alle Wege offen lässt. Zu seinen akademischen Nachbarn in Cambridge, Massachusetts, geht er allerdings auf Distanz. Die Nähe zum Verlag des Massachusetts Institute of Technology schützt die gesamte Hochschule und ihre Einrichtungen nicht vor Kritik der Leute vom „Baffler“. Und Harvard zählt ohnehin zu ihren beliebtesten Zielscheiben. Auch aus eigener Erfahrung in der universitären Schlangengrube hat Summers, von Haus aus Geistesgeschichtler, kein Faible für amerikanische Elite-Institute, die er nur allzu ausführlich als verkrustet, von krassen Geschäftsinteressen bestimmt und sozial unbeweglich kennenlernte.

Schrägdenker sind gefragt

Der „Baffler“ kann da zuschlagen, ohne auch nur vorzugeben, fair und ausgewogen zu argumentieren. Polemik und Satire schließen aber die sorgfältige Recherche nicht aus. „Ich freue mich, wenn sich Grenzen auflösen“, erklärt Summers, und das gilt auch für die politische Ausrichtung. So klar sich die progressive Grundlinie der Zeitschrift abzeichnet, so unvorhersehbar fährt sie ideologiefrei an rechten und linken Gewissheiten vorbei. Ihr Chefredakteur unterstreicht: „Wir sind kein Magazin, das sich einer Bewegung verschrieben hat.“ Das wäre auch ein Ding der Unmöglichkeit bei den unterschiedlichen Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten, die Summers um sich schart. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie dem Mainstream, der vorherrschenden Meinung, dem schnellen, profithörigen Konsens misstrauen.

Schrägdenker sind gefragt, originale und originelle Ideen. Thomas Frank, Mitbegründer des „Baffler“, Autor des Bestsellers „What’s the Matter with Kansas“ und Kolumnist der Zeitschrift „Harper’s“, ist wieder dabei, und mit Stammlieferanten wie Morozov, Faludi und Graeber ist eigentlich garantiert, dass vom Feminismus über die demokratische Gesellschaftsstruktur bis zum aktuellen Techniküberwachungswahn alle vertrauten Positionen ins Wanken geraten und es an gedanklichen Störkörpern, ob zum Lachen oder Weinen, nicht fehlt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (34) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Eskalation in der Ukraine Muss die Welt wirklich keine Angst vor Russland haben?

Im Osten der Ukraine wird geschossen, in Moskau herrscht blinder Hurrapatriotismus. Kritische Stimmen haben dagegen kaum eine Chance. Mehr

14.04.2014, 07:29 Uhr | Feuilleton
Michael Chabons Roman „Telegraph Avenue“ Was von Brokeland übrig bleibt

Eine solche Verbindung von Musik- und Sozialgeschichte hat es noch nicht gegeben: Michael Chabon hat einen grotesk komischen, dabei wirklichkeitssatten Amerika-Roman geschrieben. Mehr

04.04.2014, 16:47 Uhr | Feuilleton
Streit im deutschen Sport Der Preis des Rechtsstaates?

Der Streit um die Schiedsgerichtsvereinbarungen im deutschen Sport eskaliert. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper ignoriert dazu das Urteil von München. Die Verbände sind verunsichert. Mehr

16.04.2014, 14:01 Uhr | Sport

05.09.2013, 11:14 Uhr

Weitersagen
 

Haben ist Sein

Von Mark Siemons

Ein Frau wurde verlassen und weiß nicht warum: Sie hat doch einen guten Job und zwei abbezahlte Wohnungen. Warum in Peking das Eigentum und die Liebe einander bedingen. Mehr 4