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TV-Doku zu Amoklauf in München : Panikmache in der Stadt

  • -Aktualisiert am

Zeichen der Trauer am Ort des Anschlags: Blumen vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München. Bild: dpa

Man mag es befremdlich finden, dass Schreckenstaten im Fernsehen immer schneller verwertet werden. Für den Dokumentarfilm über den Amoklauf von München gibt es jedoch gute Gründe.

          Beim Amoklauf von München erschoss am 22. Juli 2016 ein Achtzehnjähriger neun Menschen. Der Tat nämlich folgte eine regelrechte Hysterie in den sozialen Netzwerken, die sich auf die aufgeregte „Brennpunkt“-Berichterstattung übertrug und zu panikartigen Szenen an ganz anderen Orten in München führte. So wurde deutlich, wie eng Totalvernetzung und Alarmismus zusammenhängen.

          Das Erstaunliche am Film von Gunnar Mergner und Carsten Frank ist allerdings, dass sie diese Dimension nicht weiter interessiert. Einzig Marcus da Gloria Martins thematisiert im Interview die aus dem Nichts entstandenen, via Smartphone geteilten Gerüchte, die zu Dutzenden Fehlalarm-Einsätzen der Polizei führten. Der Sprecher der Münchner Polizei war in besagter Nacht zum Helden geworden, weil er nicht müde wurde, sachlich und nüchtern den wilden Gerüchten zu widersprechen.

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          Wie die Geschehnisse im Film vergegenwärtigt werden, ist freilich alles andere als nüchtern und sachlich, nämlich unterlegt mit dramatischer Musik, übertrieben detailreich, hemmungslos emotional und sprachlich reißerisch: „Die Stadt – in Panik. Das Land – unter Schock. Im Chaos werden viele Menschen vermisst: Eltern, Kinder, Brüder, Schwestern.“ Der aus dem Boulevardjournalismus bekannte Sensationstonfall fällt deshalb so unangenehm auf, weil sich die Filmemacher und die recht albern als Rechercheurin inszenierte Reporterin Sarah Tacke einem besonders sensiblen Aspekt widmen. Die Leitfrage lautet: Wie gehen die Hinterbliebenen des ersten Mordopfers, der vierzehnjährigen Armela Segashi, mit ihrem Schmerz um? Schon kurz nach der Tat war die beeindruckende, aus dem Kosovo stammende Familie Segashi oft in den Medien präsent. Diese Aufmerksamkeit hat nicht zuletzt dazu geführt, dass an der Beerdigung im Kosovo Tausende Menschen teilnahmen. Armelas Bruder Arbnor wirkte damals vorbildlich stark. So ist er immer noch: gefasst und eloquent, aber vom Horror der Ereignisse gezeichnet. Das Argument, man wende sich endlich den Opfern zu, weil deren Leid „im Radau um den Täter untergegangen“ sei, lässt sich angesichts Dutzender Zeitungsartikel, Interviews und Beiträge zu den Segashis kaum nachvollziehen.

          Einen guten Grund aber braucht es in der Tat für eine solche nah am Voyeurismus gebaute Opferausstellung, denn das macht den Kern des Films aus: mit Betroffenheitsmiene geführte Gespräche mit den Angehörigen Armelas, die unter Tränen noch einmal erzählen, wie sie die Amoknacht erlebten, vom Tod ihres Kindes oder ihrer Schwester erfuhren. Alle denkbaren Hilfsangebote wurden gemacht und oft auch angenommen, erfahren wir. Auf Missstände hinweisen möchte der Film also auch nicht. In Ansätzen immerhin geht es um das Allgemeine an diesem Fall, denn Interviews mit einem Traumaexperten, dem Polizeisprecher oder Arbnors Fußballtrainer sollen aufzeigen, was Menschen nach einer solchen traumatischen Erfahrung hilft. Leider aber liegt der Erkenntniswert dieser Interviews nahe null.

          Sarah Tacke wirkt hier ebenso überfordert wie in den Gesprächen mit den Angehörigen. Vom Psychologen will sie wissen, ob die Zeit alle Wunden heilt (Jein), vom Polizeisprecher, wie man von den Schüssen erfuhr (ein Notruf), vom Trainer, ob er eine Veränderung an Arbnor feststellte (erwachsener geworden). Den Eltern Armelas rückt Sarah Tacke zu Leibe mit den Worten: „Ich merke, Sie kämpfen richtig. Bei Ihnen wird es noch gar nicht besser, oder?“ (Nein.) Gegen Ende fragt die vibrierende Sprecherstimme wie in einem Trailer zu einer schlechten Soap tatsächlich: „Können die Segashis sich vom Schatten des Verbrechens befreien?“ Diese Doku ist ein Lehrstück, weil sie so gut wie alles falsch macht.

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