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Zweiteiler „Landgericht“ im ZDF : Sie finden nie wieder zusammen

Georg (Ronald Zehrfeld) muss von Tochter Selma (Lisa Marie Trense) Abschied nehmen: Szene aus dem Zweiteiler „Landgericht - Geschichte einer Familie“. Bild: ZDF und Walter Wehner

Das ZDF hat Ursula Krechels Roman „Landgericht“ verfilmt. Die Geschichte der jüdischen Familie Kornitzer folgt realen Vorbildern. Die Fernsehfassung macht vieles richtig, aber auch Fehler.

          Dieses Projekt schien zum Scheitern verurteilt. Wie sollte ausgerechnet aus Ursula Krechels Roman „Landgericht“, der die Geschichte eines deutschen jüdischen Richters und seiner Familie im nationalsozialistischen Deutschland und der jungen Bundesrepublik über den Bruch des Exils hinweg erzählt, ein ZDF-Zweiteiler werden, gedacht zur Ausstrahlung auf dem besten, aber auch kompromissträchtigen Sendeplatz um Viertel nach acht? Ein Roman, der so kompromisslos von seiner Sprache vorangetrieben wird, über fünfhundert Seiten? Einer spröden, kühlen Sprache, in der die Hauptfigur Richard Kornitzer sich einen Begriff, auch einen Rechtsbegriff, von ihrem unsäglichen Fall zu machen sucht. Bildferner, unszenischer kann eine Prosa kaum sein. Ursula Krechel verhandelt in ihr Kornitzers Ringen um Wiedergutmachung ebenso wie das Leid einer zerrissenen Familie und wurde dafür mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und dann ist da noch die wahre Geschichte hinter der mit dokumentarischem Material unterfütterten Fiktion. Der Mann, den die Schriftstellerin zum Vorbild für ihre Hauptfigur genommen hat, hieß Robert Michaelis. Als Jude aus dem Richteramt geworfen, floh er vor dem Holocaust nach Schanghai (Kornitzer wird von Ursula Krechel ins kubanische Exil geschickt). Michaelis’ Frau, eine Christin, musste in Deutschland bleiben; der Sohn und die Tochter des Paars entkamen 1938 mit einem der von Hilfsorganisationen auf den Weg gebrachten Kindertransporte nach Großbritannien. Der Kontakt brach im Krieg ab.

          Wo der Lebensfaden reißt

          Erst nach seinem Ende fanden die vier wieder zusammen: physisch unversehrt, doch einander fremd geworden und seelisch beschädigt. Robert Michaelis kämpfte um juristische Genugtuung für das erlittene Unrecht. Er fand sie auch als Direktor des Mainzer Landgerichts nie. Seine 1934 geborene Tochter Ruth Barnett, die heute in England lebt und nicht nach Deutschland zurückkehren wollte, hat die Geschichte ihrer Entwurzelung in dem autobiographischen Buch „Nationalität: Staatenlos“ (Metropol Verlag) festgehalten.

          Fernsehtrailer : "Landgericht - Geschichte einer Familie"

          Beidem gerecht zu werden, dem Schicksal der realen Familie ebenso wie der literarischen Zueignung, und darüber hinaus noch die Erwartungen des Fernsehpublikums an die Schauwerte des Genres Historienfilm zu bedienen - es ist kein Wunder, dass der Drehbuchautorin Heide Schwochow die Entscheidung, diese Aufgabe zu übernehmen, nicht leichtfiel. Sie hat sie über weite Strecken bravourös gelöst. So bravourös, dass man gar nicht fassen kann, wie tief „Landgericht - Geschichte einer Familie“ an anderer Stelle ohne Not in einem realitätsfernen Kitsch versinkt, der weder mit der wahren Geschichte noch mit dem Roman etwas zu tun hat. Denn bis es so weit kommt, macht die von Matthias Glasner inszenierte Verfilmung vieles richtig.

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