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ZDF-Serie „Die Deutschen“ : Geschichte im Fernsehen ist immer Roman

Majestät spricht Schulfunksätze: David C. Brunners als Otto der Große Bild: ZDF/Jan Prillwitz

An diesem Sonntag beginnt das ZDF mit einer neuen Serie aus seiner Historienschmiede. Dieses Mal sind „Die Deutschen“ dran. Zehn Filme zu tausend Jahren: Naturgemäß ist da eine Menge los.

          Die vor 928 Jahren an der Weißen Elster abgeschlagene Schwurhand des schwäbischen Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden wurde gleich nach dem Tod des Recken mumifiziert und in ein passgenaues Reliquienkästchen gelegt. Dort konnte sie über die Jahrhunderte hinweg ruhen.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber wenn das ZDF eine aufwendige Geschichtsserie über „Die Deutschen“ dreht, ist es auch für Rudolfs Rechte mit der Ruhe vorbei. Also wird das Kästchen flugs geöffnet, die Reliquie ins Anthropologische Institut nach Mainz gebracht und der Computertomograph in Gang gesetzt. Ergebnis? „Wenn die Hand im Kampf abgehackt worden wäre“, sagt der Institutsleiter Kurt W. Alt, „müsste sich der Schnitt entlang der ganzen Handwurzelknochen zeigen, wir finden aber nur einen Schnitt im äußeren Teil der Hand – und glauben deshalb, dass die Hand erst nach seinem Tode abgetrennt worden ist.“ Müssen wir also die Geschichte der Schlacht vom 15. Oktober 1080 umschreiben? Sind wir bisher der Propaganda König Heinrichs IV. und seiner Schreiber aufgesessen? Ihnen zufolge hat Rudolf die Hand in der Schlacht selbst verloren – was sich nur zu gut als „Gottesurteil“ über einen Verräter deuten und verkaufen ließ.

          Rührende Vermutung

          Die Rudolf-Szene findet sich gegen Ende der zweiten Serienfolge, die unter dem Titel „Heinrich und der Papst“ am kommenden Dienstag zu sehen ist und natürlich auch nach Canossa führt. Der „überraschende Befund“ entpuppt sich dabei jedoch als eine fast rührende Vermutung. Rudolf, das ist unstrittig, wurde im Kampf tödlich verletzt. Ob er sofort oder am Tag danach starb, ist ungewiss. Wenn er noch auf dem Schlachtfeld verschieden sein sollte, löst sich die Mainzer Hypothese ohnehin in Luft auf. Und wenn nicht – wo ist der Beweis dafür, dass das Abtrennen erst „nach“ dem Tod geschah?

          Nun aber seien weder das ZDF noch der Mainzer Anthropologe sonderlich gescholten. Denn die Szene selbst ist ja nicht unspannend – und sie gibt auch passable Bilder her. Aber es ist eben eine Szene des Fernsehens, also nach dessen Gesetzen entstanden, und nicht eine der Wissenschaft, schon gar nicht der Geschichtsschreibung und ihrer Hilfsdisziplinen. Und damit ist auch schon das meiste gesagt über die an 220 verschiedenen Drehorten, mit Dutzenden von Schauspielern, Hunderten von Komparsen und einem halben Tausend von computergraphischen Animationen entstandene Serie. Sie bietet genau das, was Geschichte in Film und Fernsehen immer nur sein kann: ein Roman in Bildern oder eben ein Drama, dessen Autor die Vergangenheit ist. Und dabei spielt es nicht die geringste Rolle, ob innerhalb des romanhaften Doku-Dramas Forscher und Fachleute möglichst wohlbegründete Thesen in die Kamera sprechen: Was sie – und übrigens auch die Erzählerstimmen hinter den Bildern – tun können: Sie steuern zur Gesamtfiktion eben einige Fakten und Erläuterungen bei.

          Berechtigte Bannsprüche

          Nun gibt es unter Fernsehkritikern schon eine lange Tradition der Verdammung von Geschichtsproduktionen des ZDF und manche Polemik gegen deren öffentlichkeitswirksamen Repräsentanten Guido Knopp, der auch dieses Mal wieder verantwortlich mit von der Partie ist. Diese Bannsprüche sind berechtigt, wenn sich die in den Spielszenen dargebotenen Geschichtsfiktionen ins Phantastische und oder rundum Faktenfalsche davonmachen. Sie beruhen aber auf einem Missverständnis, wenn sie die mediale Eigengesetzlichkeit historischer Themen im Fernsehen außer Acht lassen – und zu diesem Missverständnis mag Knopp mit seinen szientifischen Seriositätsansprüche einiges beigetragen haben. Letztlich aber geht es nur um eines: Sind die einzelnen Filme der Serie als Filme gut?

          Den Auftakt bilden die sächsischen Ottonen im zehnten Jahrhundert – Otto I. im Mittelpunkt mit der Aachener Königswahl von 936, den Kämpfen gegen die innerfamiliären Rivalen und die Stammesherzöge von Bayern, Franken oder Schwaben, mit dem Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld und der Kaiserkrönung in Rom im Februar 962. Das alles kommt selbstredend vor. Und dass, wie der Historiker Gerd Althoff weiß, mit dem Lechfeld und der römischen Krönung die deutsche Geschichte recht eigentlich beginnt, fasst das Geschehen angemessen zusammen. Für die dokumentarische Legitimation sorgen zudem ein erklärender Blick auf die Restaurierungsarbeiten der Quedlinburger Stiftskirche oder eine Kamerafahrt durch die herrliche Stiftsbibliothek von St. Gallen: Der Codex Abrogans, den sie birgt, ist das früheste Wörterbuch des Althochdeutschen.

          Viele trampelnde Pferde

          Alles Übrige aber ist mal Roman und mal Drama – und das Ganze: Unterhaltung. Der Schauspieler David C. Bunners verkörpert Otto I. in allen Lebenslagen. Und da Krieg die hauptsächtliche Lebenslage ist, gibt es von Beginn an viele trampelnde Pferde zu sehen, brüllende Kämpfer zuhauf, manches Trinkgelage und manch nachgestelltes Gemetzel. Über all dem ziehen die Wolken und die Vögel unangefochten ihre Bahn, Feld, Wald und Flur, Burgen und Dome kommen ins Bild, hinterlegt von meist pathetischen Klängen. Die erfundenen Dialoge funktionieren immer dann überhaupt nicht, wenn die Figuren reinen Schulfunk reden müssen: Dass sich also der greise Otto auf dem Rückweg aus Italien über das Bier der Bayern und die Herkunft des Wortes „deutsch“ verbreitet, ist ziemlich ridikül.

          Wer illusionistisch illustrierte Geschichtsbücher nicht mag und historische Romane nicht zu seinen Lieblingslektüren zählt, kann auch auf „Die Deutschen“ im ZDF verzichten. Die bei den Ottonen erprobte Dramaturgie und die an ihnen entfaltete Ästhetik werden sich in den weiteren Folgen nicht ändern, neu werden – von Barbarossa bis Wallenstein und am Ende Bismarck und Wilhelm II. – nur die handelnden Figuren und deren Schauspieler sein. „Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehören wir hin?“ fragt uns das ZDF im Vorspann zu jeder Folge. Man soll auch dieses Pathos so ernst nicht nehmen.

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