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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ZDF-Produktion Die letzte Fahrt der „Wilhelm Gustloff“

 ·  In Stralsund wird ein Film über die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten gedreht: Am 30. Januar 1945 starben auf der Ostsee neuntausend Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs. Die Inszenierung des Untergangs kostet zehn Millionen Euro.

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Sobald die Leute im Kunstschnee stehen, fangen sie an zu frieren“, sagt Lothar Holler. Der Szenenbildner hat recht. Man muss die von ihm errichtete Kulisse nur sehen und darin die rund hundert Statisten, und die Kälte des 30. Januar 1945 wird spürbar. Minus achtzehn Grad hatte es damals, als mehr als zehntausend Menschen in Gotenhafen auf die „Wilhelm Gustloff“ drängten. Heute, in Stralsund, sind es ein paar Grad über null, doch sie fühlen sich im scharfen Ostseewind um einiges kälter an.

Den Schauspielern und dem Team sieht man das an. Sie sind gerade mit dem Schlepper „Petersdorff“ aufs Meer gefahren, um eine Szene zu drehen, die erst viel später im Film zu sehen sein wird - nach dem Beschuss durch das russische U-Boot S 13, nach den drei Torpedotreffern und nach dem Untergang, bei dem mehr als neuntausend Menschen ertranken, darunter fünftausend Frauen und Kinder.

Zehn Millionen Euro für das Ende aller Hoffnung

Als das verfrorene Team anlandet, drängen sich die Schaulustigen am Ufer. Eine Schulklasse steht zwischen Wachturm und Signalbaum, der den Bereich markiert, an dem in Stralsund die Szenerie von 1945 beginnt. Zu der sechzig Meter langen, grauen Schiffswand, die auf Pontons schwimmend am Kai vertäut ist, werden die Schüler nicht vorgelassen, ihr Lehrer muss aus der Ferne erklären, um was es hier geht.

Es geht um die Geschichte der größten Schiffskatastrophe aller Zeiten und um ein „Event-Movie“, das mit einen Budget von mehr als zehn Millionen Euro in mehr als sechzig Drehtagen in Stralsund, Köln, Leipzig und auf Malta anknüpft, wo Filme wie „Dresden“ und „Die Flucht“ schon waren oder aufgehört haben. Denn die Geschichte der Wilhelm Gustloff kennt ausschließlich die Katastrophe, sie ist das Ende aller Hoffnung.

Des Produzenten Gespür für die Reife der Zeit

Mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Deutsche Fernsehen ein Thema entdeckt, dessen Aufbereitung - nach den fünfziger Jahren - auch in der Literatur einige Jahrzehnte lang verschüttet blieb, bis Walter Kemposki und Günter Grass darauf zurückkamen. Erst einmal, 1959 mit dem Film „Nacht fiel über Gotenhafen“, war der Untergang der „Gustloff“ auf der Leinwand. Vor fünf Jahren nun entstand die Idee, das Schicksal der Flüchtlinge, die auf diesem zwischenzeitlich zum Lazarettschiff umgerüsteten einstigen KdF-Dampfer den Tod fanden, fürs Fernsehen zu adaptieren.

Und wie bei den anderen Stücken, die einem inzwischen wie ein historisches Programm vorkommen, wie ein Masterplan der Sender, steht dahinter die Überzeugung und der Umsetzungswille eines einzelnen Produzenten, der ein Gespür dafür hat, für welche Themen Zeit und Gesellschaft reif sind. Im Falle von „Dresden“ und der „Flucht“ war es der Produzent Nico Hofmann, bei dem Film „Hafen der Hoffnung - Die letzte Fahrt der ,Wilhelm Gustloff'“ ist es Norbert Sauer von der Produktionsgesellschaft Ufa. Er hat seit je ein Faible für historische Stoffe, zu Zeiten des Kalten Krieges hat er sich vornehmlich mit innerdeutschen Themen beschäftigt, er hat - vor allem für den WDR - seit den siebziger Jahren Geschichten „von drüben“ erzählen lassen, und zwar von Autoren aus der DDR wie Jurek Becker, deren Manuskripte er zum Teil selbst über die Grenze schmuggelte.

„Lordsiegelbewahrer der ,Gustloff'-Geschichte“

Norbert Sauers Eltern entstammen einer Flüchtlingsfamilie, doch auf die Geschichte der „Gustloff“ kam er durch Heinz Schön, der als Kind selbst auf dem Schiff war und zu den etwas mehr als 1200 Glücklichen gehörte, die den Untergang überlebten. Schön, meint Sauer, sei der „Lordsiegelbewahrer der ,Gustloff'-Geschichte“. Also verpflichtete er ihn als Fachberater, heuerte den Drehbuchautor Rainer Berg an und machte dem ZDF das Angebot, einen Zweiteiler zu drehen, als vom „Event-Fernsehen“, wie es heute grassiert, noch kaum die Rede war. Der Sender, erinnert sich Sauer, schlug schnell ein. Gemeinsam mit dem Regisseur Joseph Vilsmaier hätte Sauer schon vor drei Jahren loslegen können, wäre das Geld dagewesen. Doch das Budget von mehr als zehn Millionen Euro zusammenzubekommen dauerte bis jetzt.

Wofür das Geld gebraucht wird, kann man in Stralsund sehen. Im Hafen liegt nicht nur die sechzig Meter lange Schiffswand, um die herum im Computer der restliche Schiffskörper der 208 Meter langen „Wilhelm Gustloff“. die im März 1938 als Kreuzfahrtschiff in Dienst gestellt woren war, komponiert wird. Der Szenenbildner Lothar Holler hat die ganze Mole umgestaltet, zwei längst fahruntüchtige Kähne herbeigeschleppt, uralte Rettungsboote aus der Türkei importiert und eine alte Speicherhalle in ein Lazarett verwandelt - um die Not der Flüchtenden, um das ganze „Elend des Krieges“ darzustellen.

Kompetenzgerangel mit katastrophalen Folgen

Der Produzent Norbert Sauer hat nicht vor, die Geschichte der „Wilhelm Gustloff“ in irgendeiner Weise als „Schmonzette“ erscheinen zu lassen. Die Zuschauer werde ihn daran messen. Sein Film, sagt er, solle möglichst authentisch, möglichst nahe an der historischen Realität angesiedelt sein. Und die spielt der fiktionalen Umsetzung der Geschichte in die Hände - befanden sich am 30. Januar 1945, als die Gustloff von heutigen polnischen Gdingen in See stach, doch vier Kapitäne an Bord, deren Kompetenzgerangel und schließlich im Streit gefundene Entscheidung, nicht nahe der Küste gen Kiel zu fahren, sondern in tiefere Gewässer zu steuern, die Katastrophe erst möglich machte.

Denn so entging die „Gustloff“ zwar den Minen, doch fuhr sie dem russischen U-Boot S13 genau vors Zielfernrohr. Gegen dreizehn Uhr legte die ursprünglich für 417 Besatzungsmitglieder und 1463 Passagiere ausgelegte „Gustloff“ mit 10300 Menschen an Bord in Gotenhafen ab: 8800 Zivilisten und 1500 Wehrmachtsangehörigen, in der Mehrheit U-Boot-Soldaten, die von Kiel aus wieder am Krieg teilnehmen sollten.

Ihr Geleitschutz war gering, und als auch noch die Meldung kam, dass sich deutsche Minenleger auf Gegenkurs befänden, ließ der Kapitän Petersen Positionslichter setzen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. So fuhr die „Gustloff“ auf dem Präsentierteller ihrem Untergang entgegen. Am Abend des 30. Januar 1945, kurz nach neun Uhr, wurde sie von drei Torpedos getroffen, sie sank binnen zweiundsechzig Minuten, dreiundzwanzig Seemeilen vor der pommerschen Küste, nur 1252 Menschen wurden gerettet.

Nicht so abgenudelt wie „Dresden“ und „Die Flucht“

Der Film, der dies schildern soll, setzt drei Tage zuvor ein und erzählt die Geschichte vor allem aus der Perspektive des jungen Fahrkapitäns Hellmuth Kehding, den Kai Wiesinger spielt. Mit an Bord ist sein Bruder Harald (Heiner Lauterbach), ein ehemaliger U-Boot-Kapitän, der eine undurchsichtige Aufgabe für die deutsche Sabotageabwehr erfüllt. Im Hafen trifft Hellmuth Kehding seine Königsberger Jugendliebe Erika Galetschky (Valerie Niehaus) wieder, die als Marinehelferin ebenfalls an Bord geht.

Doch sei dies, beteuert der Produzent Norbert Sauer, mitnichten die inzwischen reichlich abgenudelte Konstellation, wie wir sie bei „Dresden“ oder der „Flucht“ vorgesetzt bekommen haben: „Wir wollten auf jeden Fall vermeiden, eine Frau zwischen zwei Kerle zu stellen“, sagt Sauer. Es gehe vor allem darum, die Endkriegssituation auf dem Schiff darzustellen.

Deswegen stehen nicht nur die beiden Brüder im Vordergrund, sondern auch eine ganze Reihe anderer Figuren: Dana Vavrova, die Frau des Regisseurs Joseph Vilsmaier, spielt eine von ihnen. Vilsmaier wiederum sei, etwa durch Filme wie „Comedian Harmonists“ und „Stalingrad“, als Regisseur ausgewiesen, der ein Gespür für die angemessene Umsetzung historischer Stoffe habe und jenseits der das Fernsehen beherrschenden Rosamunde-Pilcher-Ästhetik inszeniere. Dafür kann er in „Hafen der Hoffnung“ noch auf Michael Mendl und Karl Marcovics zurückgreifen, die zwei weitere Kapitäne der „Wilhelm Gustloff“ spielen.

Der Wintergarten wurde zum gläsernen Sarg

Kai Wiesinger musste sich, wie er in einer Drehpause erzählt, in den ersten Tagen am Set vor allem entschuldigen - weil er sich ein um das andere Mal den Weg durch die Menge der Komparsen bahnen musste. Einen strahlenden Helden spiele er nicht, meint Wiesinger, wohl aber einen Mann, dem es darum gegangen sei, die Menschen auf seinem Schiff in einen sicheren Hafen zu bringen. Stattdessen ertranken neun von zehn Menschen auf dem Schiff, unter ihnen all jene, die im Wintergarten des Schiffes saßen, dessen Fenster aus Panzerglas waren. Er wurde zum gläsernen Sarg.

Die wenigen Rettungsboote - etliche hatte man im Hafen gelassen, um mehr Platz zu schafen - waren vereist, nur wenige vermochte man seeklar zu machen. Die vier echten Kapitäne der „Wilhelm Gustloff“ retteten sich trotzdem allesamt. Der Kommandant des russischen U-Boots, das die „Wilhelm Gustloff“ und später noch die Steuben (mit viertausend Menschen an Bord) versenkte, wurde postum zum „Helden der Sowjetunion“ erklärt.

Die Crew in Stralsund muss nach der Mittagspause noch einmal hinaus auf die Ostsee. Joseph Vilsmaier will noch einmal auf dem kleinen Schlepper „Petersdorf“ drehen. Ein Gewitter ist aufgezogen. Es ist kalt, nicht nur des Kunstschnees wegen.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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