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Veröffentlicht: 03.07.2015, 11:21 Uhr

Umfrage Das Vertrauen in Qualitätsmedien besteht

Kritik an ihrer Arbeit sind Journalisten gewohnt. Doch traut man ihnen heute weniger? Eine Umfrage zeigt, wie Zeitungen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk geschätzt werden. Ein Gastbeitrag zur Debatte über die Glaubwürdigkeit der Medien.

von Thomas Bellut
© dpa Fertigmachen für den O-Ton: Meinungen bilden sich heute oft in den „sozialen Medien“. Doch auch diese stützen sich auf die Berichterstattung der klassischen Presse.

In den Medien gibt es derzeit eine angeregte Debatte über die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung. Die Themenfelder Ukraine – Russland, Gaza-Konflikt und auch der „Lügenpresse“-Vorwurf haben für teilweise heftiges Engagement von Zuschauergruppen gesorgt, die jeweils ihre Ansichten in der Berichterstattung wiederfinden wollten. Was früher direkt per Mail, Brief und Anruf an – beispielsweise – das ZDF gerichtet war, wird nun auch öffentlich in Foren diskutiert.

Die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung ist für alle Medien ein wichtiges Thema, für einen öffentlich-rechtlichen, von allen finanzierten Sender ist es die Existenzgrundlage. Vertrauen die Zuschauer der Unabhängigkeit, der Korrektheit der täglichen Nachrichten, Dokumentationen und Reportagen, oder stehen sie der Werthaltigkeit, der Korrektheit der Botschaften skeptisch gegenüber? Die Debatte verlangt nach einer wissenschaftlichen Untermauerung zur Eigendiagnose. Deshalb hat die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF im Juni eine repräsentative Umfrage durchgeführt, um die Glaubwürdigkeit der Mediengattungen und einzelner Medien aus der Sicht ihrer Nutzer abschätzen zu können. Bei der Bewertung wurde analog zum Politbarometer eine Elfer-Skala (Thermometer von minus fünf bis plus fünf mit einem Nullpunkt dazwischen) benutzt. Dadurch ergeben sich vergleichbare Durchschnittswerte. Die Ergebnisse sind eindeutig.

Soziale Medien sind für Nutzer weniger glaubwürdig

Sie zeigen, dass die regionalen und überregionalen Tageszeitungen, die wöchentlichen Nachrichtenmagazine sowie die öffentlich-rechtlichen Sender von der großen Mehrzahl der in Deutschland Lebenden als glaubwürdig angesehen werden und weiterhin unverzichtbar sind. An der Spitze liegen die Zeitungen. Ihre allgemeine Vertrauenswürdigkeit wird bei den regionalen mit plus 2,5 und bei den überregionalen Tageszeitungen wie dieser Zeitung mit plus 2,4 besonders hoch bewertet. Dichtauf folgen die wöchentlichen Nachrichtenmagazine (+2,2) sowie die öffentlich-rechtlichen Sender (+2,0). Wenig überraschend das schwache Abschneiden der Boulevardmedien wie „Bild“ (-2,0). Die Führungsposition der Tageszeitungen ist beeindruckend. Sinkende Auflagen haben nichts mit einem Vertrauensverlust zu tun, sondern offenbar mit einem veränderten Nutzungsverhalten.

Thomas Bellut - Der Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehen im Gespräch mit Werner D'Inka und Peter Lückemeier für die Reihe "Gesprächsstoff" © Marcus Kaufhold Vergrößern Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Die privaten Fernsehsender werden deutlich schwächer (+0,1) und die sozialen Medien (-1,4) wie Twitter und Facebook besonders schlecht bewertet. Letzteres ist in dieser Deutlichkeit überraschend, zumal in dieser Bewertung alle Befragten ausgeschlossen sind, die mit den sozialen Medien nichts anfangen können. Selbst bei den unter Dreißigjjährigen und bei Menschen, die das Internet mehr als zwanzig Stunden wöchentlich nutzen, erhalten soziale Medien unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit ziemlich schlechte Werte. Sie werden offenkundig als Austausch-, Meinungs- und Protestmedium erlebt und nicht als relevante Informationsquelle.

Die Informationsangebote sind entscheidend

Die Forschungsgruppe hat auch konkret nach der Glaubwürdigkeit der Nachrichtensendungen verschiedener Sender gefragt. Mit ihren Nachrichten erhalten ARD (+2,7) und ZDF (+2,6) noch bessere Glaubwürdigkeitswerte als für ihr Gesamtangebot. Sogar die Nutzer der Privatsender beurteilen die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen als glaubwürdiger als die von Sat.1 (+1,3) und RTL (+1,1). Politisch Interessierte schätzen die Nachrichten von ARD und ZDF in besonderem Maße, während sich die weniger Politikinteressierten mehr bei den Nachrichtenangeboten der Privatsender wiederfinden. Auch hier geben die Ergebnisse keinen Hinweis für eine grundlegende Glaubwürdigkeitskrise. Vielmehr hat die Untersuchung gezeigt, dass Nachrichten und politische Informationsangebote die entscheidende Basis für die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Sender sind. Es fällt aber auch auf, dass Menschen, die das Internet besonders intensiv nutzen, den Nachrichtensendungen tendenziell kritischer gegenüberstehen.

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Studien, die BBC und Reuters jüngst durchgeführt haben, bestätigen den aktuellen Befund. Auch dort wurde unter anderem das Vertrauen in die Nachrichtenangebote untersucht. Die allermeisten europäischen Fernsehsender haben in dieser Hinsicht nach wie vor eine hohe Glaubwürdigkeit bei den Zuschauern. Anders sieht es in den Vereinigten Staaten aus, wo gegenüber Nachrichten im TV eine große Skepsis besteht. Ganz offenkundig eine Folge der dort völlig anders strukturierten Medienlandschaft.

Das Publikum ist kritischer geworden

Was lehren uns die Ergebnisse? Das Publikum unterscheidet offenkundig die Quellen seiner Informationen nach dem Kriterium der Glaubwürdigkeit. Es lohnt sich daher für jedes Medium, auch für das ZDF, regelmäßig die eigene Glaubwürdigkeit zu überprüfen, um damit quasi Benchmark-Zahlen zu haben, an denen sich der Sender orientieren kann. Wir werden das deshalb künftig in regelmäßigen Abständen untersuchen lassen.

Zeitunglesen im Café am Maybachufer in Berlin © dpa Vergrößern Was die Glaubwürdigkeit von Informationen angeht vertrauen die Verbraucher eher den Zeitungen als den sozialen Medien.

Folgt man der These, dass Leser, Zuschauer, User vertrauenswürdige, unabhängige, sorgfältig geprüfte Informationen wollen, dann liegt der Schluss nahe, auch in dem Programm selbst das Zustandekommen von Informationen und die Quellen nachvollziehbar zu machen. Wir müssen Fehler, deren völlige Vermeidung unmöglich ist, zugeben und korrigieren, entweder direkt auf dem Bildschirm oder zumindest in der Rubrik „Korrekturen“ auf unserer Website, die wir vor kurzem eingerichtet haben. Außerdem haben wir bei dem neuen Format „heute plus“ eine weitere Dialogmöglichkeit für die Zuschauer eröffnet.

Die Debatte der letzten Monate hat unzweifelhaft gezeigt, dass das Publikum kritischer geworden ist, die Anforderungen an die Qualität sind gestiegen. Die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen hat aber keine Glaubwürdigkeitskrise aller Medien belegt, das Ergebnis fällt differenziert aus. Nach oben besteht übrigens durchaus noch Spielraum: Höchstwerte werden auch für die Spitzenreiter auf der Glaubwürdigkeitsskala nicht vergeben.

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