Ein Mord geschieht und hinterlässt Besessene: den Polizisten, der den Fall bearbeitet und nicht lösen kann, die Mutter des ermordeten Mädchens, die dem Mörder unbedingt in die Augen schauen möchte, und den Täter, der sich nach seinem Komplizen sehnt, der ihn verlassen hat. Der Komplize ist der Einzige, der ein normales Leben führt. 23 Jahre lang versteht er es, seine Pädophilie vor der Familie zu verbergen. Dann geschieht wieder ein Mord, am selben Ort. Die Tat gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, ihre Obsessionen wiederaufleben zu lassen.
Der inzwischen pensionierte Kommissar Mittich (Burghart Klaußner) will unbedingt an den Ermittlungen beteiligt werden und mischt sich ständig ein. Sein Nachfolger Jahn (Sebastian Blomberg) ist irgendwie kaputt, hat aber eine genialische Ader und das richtige Gespür. Die Mutter (Elena Lange) des einst ermordeten Mädchens hat im Zimmer der Tochter nichts verändert. Hinter ihrer stoischen Mimik verbergen sie schreckliche Erinnerungen. Nur einmal, wenn sie das Kinderzimmer verwüstet und das Bild ihrer Tochter zerschlägt, zeigt sich ihre Gebrochenheit. Die Eltern des neuen Opfers gehen derweil durch die Hölle. Wenige Worte kommen über ihre Lippen, vieles bleibt ungesagt.
Bis zum Schluss im Ungewissen
Der Komplize von damals ist Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring). Mittlerweile lebt er seine Phantasien nur noch verborgen im Internet aus. Dennoch gerät sein Leben nach dem zweiten Mord an den Abgrund. Immer steifer wird er, sein Unterkiefer verkrampft zusehends. Besonders überzeugend ist die Szene, in der er nachts auf dem Boden seines Hotelzimmers sitzt und vor Selbstekel weint. Er hat den gleichen Verdacht wie die Polizei: Der Mörder von einst ist auch der von jetzt. Als er den Verdächtigen zur Rede stellt, findet er aber nur einen einsamen älteren Herrn (wunderbar dargestellt vom Dänen Ulrich Thomsen), der die Tat abstreitet.
Nebensächlich ist im ersten langen Spielfilm des Drehbuchautors und Regisseurs Baran bo Odar fast nichts. Einige Wendungen der Handlung, die auf dem Roman „Das Schweigen“ von Jan Costin Wagner beruht, sind aber etwas zu vorhersehbar. Hoch anzurechnen ist dem Film jedoch, dass er die Zuschauer bis zum Schluss im Ungewissen lässt, wer den zweiten Mord begangen hat. Sehenswert ist der Thriller auch wegen der Auflösung des Falles, die ohne Knalleffekt auskommt. Das lässt über die teilweise klischeehaften Figuren, wie den zwischen Genie und Wahnsinn agierenden Kommissar Jahn oder den von seinem alten Fall beherrschten Mittich, ebenso hinwegsehen wie über die bisweilen hölzerne Darstellung.