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Veröffentlicht: 04.10.2016, 23:22 Uhr

ZDF-Dokumentation Datenleck zeigt Putins Propaganda-Strategie

Vieles ist über Russlands Medienmanipulationen bekannt. Eine ZDF-Dokumentation zeigt jetzt anhand eines Datenlecks neue Details auf – und präsentiert einen bislang unbekannten Akteur in Putins Netzwerk.

von Rebecca Barth
© dpa Russischer Netzwerker und Putin-Vertrauter: Wladimir Jakunin

Eine ZDF-Dokumentation verspricht, das „geheime Netzwerk“ von Wladimir Putin zu beleuchten und dessen Medienmanipulationen im Ausland nachzuweisen. Journalisten des Magazins „Frontal 21“ wollen die Beziehungen Russlands zu Geschäftsleuten, Stiftungen und Medien beweisen. Dabei können sich die Macher der Dokumentation auf ein Daten-Leck aus der Ostukraine stützen. Anfang Juni stellten vermutlich proukrainische Aktivisten einen elf Gigabyte großen Datensatz ins Netz. In dem Leak sind hauptsächlich E-Mails der russischen Informationsministerin Elena Nikitina und ihrer Berater enthalten. Für die Dokumentation sind insgesamt 10.000 Mails durchsucht worden, die aus dem genannten Leck stammen. Anhand dieser Daten ist es erstmals möglich, nicht nur gezielte Propagandastrategien nachzuweisen, sondern auch nachzuvollziehen, wie diese funktionieren.

In den E-Mails findet sich unter anderem ein 41 Seiten langes Strategiepapier, in dem den Separatisten vorgeschrieben wird, wie sie die Berichterstattung über den andauernden Krieg im Donbass steuern sollen. Die ukrainische Regierung soll demnach bewusst diffamiert und als „Junta“ dargestellt werden, die eine „Terrorherrschaft im Land“ errichtet habe.

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Teil der Strategie ist auch die Einschüchterung von Journalisten. Die Macher der Dokumentation erfahren selbst, was passiert, wenn sie kritisch über die selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine berichten. So drehten sie in der Vergangenheit einen Beitrag über minderjährige Kadetten, die in der Ukraine für die Separatisten an die Front geschickt werden. Nachdem der Beitrag ausgestrahlt ist, beginnt die Gegenkampagne. Der deutschsprachige Sender RT Deutsch, der von der russischen Regierung finanziert wird, berichtet negativ über die Journalisten von Frontal 21. Redakteure von RT Deutsch haben die zwei vom ZDF interviewten Kadetten aufgesucht und berichten nun, dass die jungen Männer von den Journalisten schlecht behandelt worden sein.

In der Dokumentation präsentieren die Macher „Dmitrij“, einen Journalist aus der Ostukraine, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. Er sagt, diese Art der Diffamierung seitens russischer oder separatistischer Medien sei inzwischen übliches Vorgehen der russischen Seite, wenn man Vorwürfe nicht anderweitig entkräften könne.

Russische Propagandamaschine

Durch die ausgewerteten Daten gelingt es den Autoren zudem einen bislang unbekannten Akteur des Propagandanetzwerkes zu enttarnen – Aleksandr Kasakow. Von prorussischen und separatistischen Medien wird er laut Frontal 21 als eine Art Politikwissenschaftler präsentiert. Dabei sei er eigentlich Vizepräsident des „Zentrums für politische Konjunktur“ (ZPK), einer Beraterfirma, in deren Management laut der Sendung enge Vertraute von Wladimir Putin sitzen. Außerdem erhält das Unternehmen offenbar regelmäßig "Regierungsaufträge".

In Kasakow sehen die Autoren die Verbindung zu Wladimir Putin. Tatsächlich taucht in den Daten immer wieder die Abkürzung „AP“ auf, was für die Administration des Präsidenten stehen soll. Ein Andrej Federowitsch taucht ebenfalls in den Dokumenten auf, in Klammern hinter seinem Namen steht dessen Funktion: „Berater aus der AP“.

Die ausgewerteten Daten sind wohl der große Gewinn der Dokumentation und ein weiteres Puzzlestück, um das Bild der russischen Propagandamaschine zu vervollständigen. Einige Aspekte sind bereits seit längerem bekannt. Dazu zählt etwa die Trollfabrik in Sankt Petersburg, über die häufig berichtet wurde. Von hier aus werden Kommentare in ausländischen Foren gestreut. Auch das Werben russischer Eliten um rechte und europakritische Politiker ist bekannt. Frontal 21 fasst dieses komplexe Netzwerk detailliert zusammen und zeigt anhand einiger Personen auf, wie es zusammenspielt.

Einer dieser Akteure des Netzwerks ist Wladimir Jakunin, ehemaliger Präsident der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft. Er präsentiert im Juli in Berlin eine neue Stiftung: „Dialog der Zivilisationen“. Im Publikum sitzen unter anderem Matthias Platzeck, Manfred Stolpe, Harald Kujat und Hartmut Mehdorn. Die Welt solle nicht auf Konfrontation, sondern auf Dialog setzen, eröffnet Jakunin die Präsentation. Doch er spricht an anderer Stelle auch auf der Konferenz „Friede mit Russland“ des rechten Magazins Compact. Dort warnt er vor "Identitätsverlust" durch zu viel Zuwanderung. Aus derselben Konferenz trat auch Alexander Gauland (AfD)  auf.

Russland wirbt um rechtspopulistische Aufsteiger wie Gauland, ebenso wie um Vertreter etablierter Parteien wie Platzeck oder Stolpe. Teil der Strategie ist es, sich Wege in Konferenzen und Medien Wege zu bahnen, um dort Kontakte zu knüpfen.

45 Minuten dauert die Dokumentation und das ist, um das Ausmaß des Netzwerks darzustellen, zu knapp. Zusätzliche Informationen stehen in einem Storytelling des ZDF zur Verfügung. http://webstory.zdf.de/putins-geheimes-netzwerk/

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Erst befördert ein Spiegel-Redakteur das umstrittene Buch auf die Bestsellerlisten, nun befördert es das Magazin wieder heraus. Über einen kontraproduktiven Eiertanz. Mehr 20 145

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