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Ypsilantis Scheitern Denn sie wissen jetzt, was sie nicht tun

04.11.2008 ·  Spiel mit dem Untergang: Wer zu früh aussteigt, der hat verloren. Doch wer es zu spät tut, zahlt womöglich mit dem Leben. Was Andrea Ypsilantis Scheitern mit James Deans Film „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ verbindet.

Von Jochen Hieber
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In Nicolas Rays dreifach oscarnominiertem Film „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ aus dem Jahr 1955 geht es um Kleinmut, Mut und Übermut, um Empörung, Wut und Glaubwürdigkeit, um Scheitern, Aufbruch und Opfer. Wenige Wochen nach dem Unfalltod des in den Monaten zuvor zu Weltruhm gelangten Hauptdarstellers James Dean kam der Film ins Kino - der Kultursender Arte zeigt ihn am heutigen Nachmittag um 14.55 Uhr gleichsam als Einstimmung auf den Abend und die Nacht der amerikanischen Präsidentenwahl. Im Zentrum der Handlung steht das sogenannte „chicken game“: eine Mutprobe, bei der Buzz, Anführer einer Jugendgang, und der von Dean gespielte Rebell Jim Stark mit gestohlenen Autos auf eine Klippe zurasen; Verlierer, also das „chicken“, ist derjenige, der als erster aus dem Wagen springt.

„Spiel mit dem Untergang“ nennt die Spieltheorie ein solches Muster. Dessen klassische Ausprägung ist die direkte Konfrontation der Kontrahenten: Sie rasen nicht wie im Film auf ein Drittes, also auf die Klippe, sondern unmittelbar aufeinander zu. Zwei Ergebnisse sind möglich. Variante 1: Einer der Fahrer weicht aus: er ist der Feigling, bleibt aber am Leben. Variante 2: Keiner von beiden gibt nach, beide sind Sieger - aber auch tot. Als Einstimmung auf die Präsidentenwahl in Amerika mag Nicolas Rays Filmklassiker durchaus atmosphärischen Reiz entfalten, das „chicken game“ allerdings taugt als Metapher für die beiden Kandidaten nicht. Denn über Sieg und Niederlage entscheiden sie selbst nur sehr mittelbar. Vielmehr entscheidet ein Drittes, das im Gegensatz zur Klippe des Films vom Duellgeschehen zwischen Barack Obama und John McCain aber ganz unabhängig ist - das Volk mithin, genauer: die registrierten Wähler.

Die Rettung des Gewissens

Entschieden anders war die Lage beim gestrigen Entscheidungsspiel zwischen der hessischen SPD-Vorsitzenden Andrea Ypsilanti, der SPD-Frührebellin Dagmar Metzger und den SPD-Aufständischen der letzten Minute, also Carmen Everts, Silke Tesch und Jürgen Walter. Diese spezifische Konstellation zeigte auch eine zusätzliche Variante des „chicken game“. Gerade die drei Spätabweichler versuchten durch den Ausstieg das Kostbarste ihrer Existenz als Abgeordnete zu retten - ihr Gewissen. Sie taten das nicht in der Geheimniskammer der Wahlkabine, sondern vor aller Öffentlichkeit und in vollem Bewusstsein der Ächtungs- und Verdammungsrhetorik, die dann auch sofort auf sie hereinbrach. „Das ist moralisch verwerflich“, sagte prompt die nordrhein-westfälische SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft, von „einer Schande“ sprach der Schleswig-Holsteiner Ralf Stegner, „eine hinterlistige Schweinerei“ meinte ein Repräsentant der Links-Partei zu erkennen. Einzig der SPD-Vorsitzende Müntefering bewies Augenmaß. Missbilligend äußerte er sich auch, fügte aber hinzu: „Besser im letzten Augenblick als heimlich.“

Die Eindruckvollste unter den Spätrebellen war Carmen Everts. Die gelernte Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Extremismus-Forschung konnte den Konflikt zwischen Loyalität und Gewissen höchst glaubwürdig formulieren und durch ein sehr persönliches Bekenntnis auch individuell beglaubigen. Spieltheoretisch gesehen, wollten aber alle vier Aussteiger nicht aufgrund und zusammen ihrer Vorsitzenden über die Klippe der Glaubwürdigkeit in den Abgrund der Wählertäuschung rasen. Dass diese für ihre Pläne in den vergangenen Wochen die Parteibasis hinter sich gebracht hatte, war ein Scheinsieg: „Die Verantwortlichkeit“, so Müntefering sehr zu recht, „liegt einzig bei den gewählten Abgeordneten.“ Also wussten die Rebellen doch, was sie keineswegs tun würden. Im Film übrigens weiß Jim alias James Dean dies schließlich auch. Er wird dafür übel belohnt.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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