07.10.2008 · Bei Reinhold Beckmann erklärte Andrea Ypsilanti, warum eine Lüge keine Lüge ist, sondern zur politischen Macht und also zur Wahrheit führt und vielleicht zu einer richtigen Koalition mit der Linken. Der einstige „Stern“-Chef Michael Jürgs ließ das nicht gelten. Das sei eine „Verarschung“ der Wähler, nichts sonst. Es war ein bunter Abend bei Beckmann.
Von Michael HanfeldMan kann Andrea Ypsilanti nur bewundern und bestaunen. Denn mit ihr kehrt eine Form der Lüge in die Politik ein, die in ihrer schlichten Dialektik den Rahmen jedweder Verständigung sprengt. In der Welt dieser Politikerin führt die Lüge direkt zur Wahrheit; zu den ominösen politischen „Inhalten“ nämlich, deretwegen sie das Recht, ja die Verpflichtung zu haben glaubt, nach der Macht zu streben. Sie muss die Menschen - vorerst nur in Hessen - einfach mit ihrem Regime beglücken.
Dass sie in die Lage, an die Regierung zu gelangen, nur gekommen ist, weil sie den Wählern versprochen hatte, nicht mit den Linken zu paktieren, zählt nicht. Und auch, dass siebzig Prozent der Hessen gegen das anstehende rot-rot-grüne Bündnis sind, hat keine Bedeutung. Das ist nur eine Momentaufnahme und kein Grund, sich zu wundern, schließlich ist das Projekt der Andrea Ypsilanti „neu und ungewöhnlich“, aber sie traut es sich zu. Nur darauf kommt es an.
Sie spricht von sich in der dritten Person
Das war schon geisterhaft, was Andrea Ypsilanti am Montagabend in der Talkshow von Reinhold Beckmann im Ersten vertrat und wie sie es vertrat. Sie vermag von sich in der dritten Person zu reden, als ginge es um eine Fremde. Sie vermag einen „Fehler“ zuzugeben, wenn auch nur einen einzigen, nämlich den, dass ihr Wortbruchschwenk (sie nennt es jetzt: „anders überlegen“) für viele „zu schnell“ gewesen sei. Gleichwohl kann sie sich eine richtige Koalition mit der Linken in Hessen jetzt auch schon vorstellen - bei dem Tempo muss man erst einmal mithalten.
Andrea Ypsilanti vermag sich aber nicht an ihre eigene Diplomarbeit zu erinnern, aus der Beckmann einen Satz zur „Sucht nach der Macht“ zitierte (die sich nämlich hinter dem Gerede, es gehe allein um „die Sache“ verberge), und ihre eigenen Worte von damals für Männergeschwätz von heute zu halten (das muss von einem Mann sein). Sie vermag auch dann noch, wenn sie derart nackt dasteht, ein Lächeln anzuwerfen, an das wir uns wohl werden gewöhnen müssen. Und sie vermag zwei Sätze später ungerührt von „Glaubwürdigkeit“ zu sprechen, die jemand verloren habe und deswegen verklagt werden müsse, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ypsilanti und die Glaubwürdigkeit
Die „Glaubwürdigkeit“, die Andrea Ypsilanti meint, ist natürlich nicht ihre eigene, sondern die des Senders Radio ffn, der sie mit einem getürkten Anruf hereingelegt hat, bei dem sich ein Stimmenimitator als Franz Müntefering ausgegeben hatte. Obwohl Andrea Ypsilanti die Ausstrahlung verweigerte, ist ein Stück des Gesprächs im Internet gelandet. Bei Youtube kann sich jeder von der Qualität ihrer Wendigkeit überzeugen.
Reinhold Beckmann fragte all das in der ihm eigenen Art aus Andrea Ypsilanti heraus. Das heißt, er kam nicht direkt mit einem Vorhalt um die Ecke, sondern häppchenweise und hintersinnig - etwa mit dem Zitat aus Ypsilantis Diplomarbeit - dabei ganz und gar nicht so gewunden wie Kollege Kerner im Zweiten.
Ein klares Wort zur rechten Zeit
Für ein klares Wort zur rechten Zeit nach all den wunderbaren Ausflüchten hatte Beckmann den nächsten Gast eingeladen - den ehemaligen „Stern“-Chefredakteur Michael Jürgs, der dafür bekannt ist, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. „Lüge“ und „Verarschung“ der Wähler, das fiel Jürgs zum Verhalten von Andrea Ypsilanti ein, die endlich einmal nicht so nett guckte und treu lächelte, wie sie es sonst bei der Verabreichung ihrer politischen Medizin tut.
Das war kein Wunder, benannte Jürgs doch klipp und klar die Folgen des Giftes, das sie den Menschen verabreicht: Was immer man von dem Linkspakt in Hessen halten mag, eines vernichtet er in jedem Fall - das Vertrauen der Wähler in die Politik, in die Politiker, in die Parteien. Denn was und wem soll man noch glauben, wenn einem noch die größte Lüge als allein selig machende Wahrheit verkauft wird? Niemandem, und also wächst die Partei der Nichtwähler. Auch das ist ein politischer „Erfolg“.
Ein prima Verhältnis zu Kurt Beck
So kam Andrea Ypsilanti bei Reinhold Beckmann nicht ganz so billig weg, wie es ihrem einstigen Parteichef Kurt Beck in der Woche zuvor noch gelungen war. Der hatte die Dolchstoßlegende in eigener Sache vertreten und dabei bekannt, dass er sich den Posten des Kanzlers doch zugetraut hätte. Dass er schlicht auf ganzer Linie versagt hat und seine Partei gar nicht anders konnte, als ihn loszuwerden - wenn auch auf unrühmliche Weise - diese Erkenntnis lässt Kurt Beck nicht an sich heran. Andrea Ypsilanti bekundete, sie habe zu ihm ein prima Verhältnis.
Nach ihren versammelten Unwahrheiten ging es bei Reinhold Beckmann dann tatsächlich wahrhaftig zu. Michael Jürgs berichtete von seinem Reportagebuch, mit dem er die Lage Deutschlands knapp zwanzig Jahre nach der Einheit beleuchtet; die Schauspielerinnen Anja und Gerit Kling erzählten von ihrer abenteuerlichen Flucht aus der DDR - die sie im Herbst 1989, vier Tage vor dem Fall der Mauer, angetreten hatten. Und die Schauspielerin Ulrike Folkerts war mit ihrer Lebensgefährtin Katharina Schnitzler da, um über das „Glück“ zu sprechen - die beiden haben dazu gerade ein Buch geschrieben, worum es dabei geht, blieb ein wenig im Ungefähren.
Die „Tagesthemen“ spielen mit der Panik
Zusammen passte das alles nicht, musste es aber auch gar nicht, deswegen bemühte sich Reinhold Beckmann auch erst gar nicht um künstliche Verbindungslinien. Gleichwohl waren die Schnitte in seiner Sendung viel weniger hart als diejenigen, die das Erste seinem Publikum an diesem Abend insgesamt zugemutet hatte.
Der Erinnerung an Ostpreußen in einer bewegenden Dokumentation folgte eine „Report“-Sendung, die Alarmierendes über die Kriminalität im Internet zu berichten wusste und dann eine Ausgabe der „Tagesthemen“, die man nur noch meschugge nennen kann, spielte sie doch in unverantwortlicher Weise mit der Panik der so genannten kleinen Leute, die noch nicht eingetreten ist - mit der Angst davor, dass die Krise an den Finanzmärkten auch die Sparguthaben von Millionen Menschen verschlingt und jeder schleunigst zur Bank rennen und seine Groschen retten sollte.
Wie eine Lüge zur Wahrheit wird
Doch erinnern wir uns an glücklichere Tage, jene der friedlichen deutschen Revolution etwa, auf welche die „Ossis“ ja so erstaunlich wenig stolz sind. Michael Jürgs weiß, warum: Weil die „Wessis“ sie ihnen weggenommen haben. Dann sollten die „Ossis“ sie sich wohl schnellstens zurückholen, am besten ganz schnell, bevor die Frau aus dem Osten im Kanzleramt bei der nächsten Bundestagswahl von einem Mann aus dem Westen abgelöst wird, wahrscheinlich mit Hilfe der Linken, die diesen Teil ihrer (SED-)Geschichte schleunigst umdeuten und die Verklärung der deutschen Teilung vorantreiben wird. Mit aller Macht und den Methoden, auf die sich Andrea Ypsilanti so gut versteht.
Man muss eine Lüge nur lange genug wiederholen, dann wird sie zur Wahrheit. Und wo war Andrea Ypsilanti am 9. November 1989, als die Mauer fiel? Vor dem Fernseher natürlich.