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Youtube-Star Flula Borg : Der verrückte Ausländer

  • -Aktualisiert am

Flula Borg lehrt German Bild: Screenshot F.A.Z.

Er heißt Flula Borg, kommt aus Erlangen, lebt in Los Angeles – und die Amerikaner lieben das fränkische Englisch, mit dem er in Youtube-Filmen deutsche Sprichwörter übersetzt.

          „What does sausage mean?“

          „Würstchen.“

          „Write it on the board.“

          „W-ü-r-s-t-c-h-e-n.“

          „Wirschthen? Wirschthen!“

          „Wirschthen!“

          So ging das damals an einer amerikanischen Highschool in Chardon, Ohio, jeden Mittwoch vorm Religionsunterricht. Bevor Mr. K kam, musste ich meinen Mitschülern ein deutsches Wort beibringen. Das einzige, das sie sich merken wollten, war Würstchen. Das klang schön konsonantisch und war einfach in Einklang zu bringen mit dem, was 15-jährige Amerikaner sonst von Deutschland wissen wollten – Bier, Autobahn, Rammstein, Nowitzki.

          Flula Borg, 32, hat die Würstchen-Taktik professionalisiert. Sie hat ihm bereits eine halbe Millionen Abonnenten auf Youtube eingebracht und mehr als 60 Millionen Klicks, eine Hauptrolle in der NBC-Adaption der britischen Serie „Cuckoo“ und eine Rolle als Mitglied einer deutschen A-Cappela-Band in der Komödie „Pitch Perfect 2“ mit Hollywood-Stars wie Anna Kendrick aus „Cinderella“ und Elizabeth Bank aus „Tribute von Panem“. One wall free, wie Borg sagen würde. Einwandfrei. Auch dank Dirk Nowitzki.

          Der DJ, Entertainer, YouTuber, Schauspieler und das Ein-Mann-Orchester Borg aus dem fränkischen Erlangen macht für seine amerikanischen Zuschauer alles richtig. Denn Borg ist so etwas wie der Deutsche-Bahn-Lokführer der amerikanischen Youtube-Gemeinde. Er bedankt sich zwar nicht fürs Mitreisen, aber seine Lacher kassiert er aus ähnlichen Gründen.

          What is Schmalzdackel?

          Auf seinem Youtube-Kanal macht Borg, der ein bisschen aussieht wie David Coulthard mit aufgerissenen Augen, entweder mit bekannten Persönlichkeiten in einem Kleinwagen Musik und nennt es Auto Tunes, oder er interviewt amerikanische Stars und lässt sie, anstatt Antworten zu geben, Geräusche machen, woraus er wiederum Songs bastelt, oder er gibt den Deutsch-Englisch-Übersetzer.

          Flula Borg mit Dirk Nowitzki und weiteren Fahrgästen

          Borg nimmt die Sprachbarriere sehr ernst. So wie Otto Waalkes damals in seiner Englischstunde: He has, der Hase. She has, Skihase. Borgs Witz liegt aber nicht nur an der phonetischen Oberfläche, sondern in der teils absurden Qualität deutscher Sprichwörter und Ausdrücke, die er Eins zu Eins ins Englische übersetzt. Sein Unterricht umfasst Vokabeln wie Schmalzdackel, greasy dachshund, oder das Sprichwort „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, wozu er aus seinem Bett, mit Schlaf in den Augen und nacktem Oberkörper über ein giftspeiendes Pferd philosophiert.

          Die Amerikaner haben scheinbar eine Schwäche für so etwas, das Listenportal Buzzfeed hat allein im letzten Jahr vier Mal fast denselben Artikel mit direkten Übersetzungen deutscher Sprichwörter und Ausdrücke gebracht. Von „worry bacon“ bis „to have had pig“. Borgs Youtube-Kanal, den er aus Los Angeles bespielt, wendet sich an dieses englischsprachige Publikum. Ihm als Deutschen beim Denglisch-Sprechen zuzuschauen, das schmerzt erst einmal.

          Diese überbetonten Konsonanten und das ausgereizte R. Aber das R amerikanisch zu verschlucken wäre ein Verrat an seiner Kunstfigur, die in neongrünen Jogginghosen und türkisfarbenen T-Shirts schrecklich nach Après-Ski mit Bierstiefel aussieht, dabei aber genau in die immer breiter werdende Kerbe aus Youtube und Hollywood schlägt, die auch der „Hangover“-Schauspieler Zach Galifianakis mit seiner Web-Show „Between Two Ferns“ bedient. Nur weniger brachial.

          An dieser Kerbe kommt nicht mal mehr der amerikanische Präsident vorbei, der das Konzept des viralen Hits so gut für sich nutzt wie kein anderer Politiker. Sein letztes Web-Video „Things everybody does but does not talk about“, das eigentlich eine Werbung für seine Gesundheitsreform war, hat das wieder bewiesen. Angela Merkel mit Selfie-Stick? Das geht in Deutschland nur montiert. Wo kämen wir denn da hin?

          Singen mit Nowitzki

          Für Borgs Musikvideoreihe Auto Tunes quetschte sich sogar schon Dirk Nowitzki auf die Rückbank eines Kleinwagens und sang „I Can’t Get No Satisfaction“ von den Rolling Stones – das Auto fuhren zwei Cheerleader der Dallas Mavericks. Zwei Deutsche unter sich.

          Die Pose des verrückten Ausländers, die Borg auch in seiner Rolle als unliebsamer Schwiegersohn in „Cuckoo“ spielen wird, ist dankbar. „So that’s what Germans do in their freetime!“, kommentiert ein Fan unter eines seiner Videos, in dem Borg in einem Kleinwagen sitzend „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana auf Tuba, Posaune, Trompete und Euphonium darbietet.

          Deutsche Comedians wie Idil Baydar bespielen seit Jahren das Feld des automigrantischen Scherzes, um im gemeinsamen Grölen Vorurteile aus- und damit wegzulachen. Ganz so politisch kommt Borg nicht rüber, auch wenn er in seinen Kommentarleisten gelegentlich Streitigkeiten zwischen Deutschen und Amerikanern schlichten muss. Dabei geht es meist um Nazis.

          Aber wer ist dieser Flula Borg wirklich? Er selbst sagt von sich, er sei ein Hamster, dem man einen Zaubertrank verabreicht hätte. Ok. Einmal tauchen seine Erlanger Eltern in einer Folge Auto Tunes auf. Performt wird „Mama said knock you out“ von LL Cool J. Borg beatboxt und bedient den Live Looper. Papa spielt Akkordeon. Mama fährt und sagt: „I am going to knock you out!“ Dann zeigt sie jemandem den Mittelfinger. Borgs Fans fanden das awesome und very european.

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