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„World of Warcraft“ Die Onlinekrieger sind nackt

27.01.2010 ·  Seit Jahren liefern sich die Spieler von „World of Warcraft“ eine nicht enden wollende virtuelle Schlacht. Zwölf Millionen Teilnehmer schlagen sich Tag und Nacht in Azeroth die Schädel ein. Nun stellt sich heraus: Jeder, der mitmacht, ist zu erkennen.

Von Oliver Jungen
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Stellen wir uns vor, es ist Krieg und keiner stirbt. Seit fünf - mit Vorgeschichte gar schon fünfzehn - Jahren tobt inzwischen das fürchterlichste Gemetzel seit dem Zweiten Weltkrieg: Zwölf Millionen Teilnehmer schlagen sich Tag und Nacht in Azeroth die Schädel ein. Und doch geht alles geordnet zu in der „World of Warcraft“ (WoW): Noch hinter dem verbeultesten Krieger steht ein quietschfideler Spieler, der monatlich Gebühren an den obersten Kriegsgewinnler abführt, die 1991 gegründete Firma Blizzard Entertainment. Allein im Geschäftsjahr 2009 erwirtschaftete der Online-Multiplayer mit 939 Millionen Dollar knapp ein Viertel des gesamten Unternehmensumsatzes. Durch viele finanzstarke Hände wurde der kalifornische Spieleentwickler bereits gereicht, zuletzt hat Activision im Jahre 2008 sieben Milliarden Dollar für Blizzard hingeblättert. Der Krieg zwischen „Allianz“ und „Horde“, ohne dass man noch wüsste, wer eigentlich angefangen hat oder warum, mag virtuell sein, seine wirtschaftliche Bedeutung ist es nicht.

Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man die nun ausgebrochene Revolte gegen den Kriegsherrn betrachtet. Blizzard hat vor wenigen Tagen auf der das Spiel begleitenden „Arsenal“-Website die Möglichkeit geschaffen, Informationen über alle Aktivitäten jedes WoW-Avatars per RSS-Feed zu beziehen. Die Empörung schlägt hoch in der Community. Zigtausend zumeist wütende Einträge kamen in den WoW-Foren weltweit schon zusammen. Es sei nicht allzu schwer, wird argumentiert, die zugehörigen Spieler zu enttarnen: Damit könne exakt verfolgt werden, wer zu welcher Zeit online war und was er vollbracht hat; ein schwerer Eingriff in die Anonymität.

Die Forumsmanager schweigen, was weithin die Maulkorb-Vermutung nährt. Blizzard hat bislang nicht auf die massive Kritik reagiert. Auch eine Anfrage der F.A.Z. blieb unbeantwortet. Trotzdem geht es in den Foren recht gesittet zu. „Beschwert Euch bei den für Euch zuständigen Datenschützern und diskutiert hier weiterhin sachlich“, ruft im deutschsprachigen Forum etwa der dummflinke „Fumarick“ (Intelligenz 58, Beweglichkeit 1448) die Sarkasten zur Ordnung, fügt aber dann selbst hinzu: „Allerdings scheint der RSS-Feed eben nicht nur ein kleiner ,oops, sind wohl mit diesem unüberlegten Feature übers Ziel hinausgeschossen'-Fehltritt gewesen zu sein, sondern ist der Auftakt für neue Geldquellen.“ Kurz: Man fühlt sich verraten und noch einmal verkauft - ob nun tatsächlich auf diese umständliche Weise Arbeitgeber ihren Angestellten oder Freundinnen ihren angeblich bei einem wichtigen Termin weilenden Freunden nachschnüffeln oder nicht.

Widerstand gegen die Online-Überwachungsmentalität

Von außen betrachtet, lässt sich dem Aufruhr einiges abgewinnen, denn auf breiter Front formiert sich hier - explizit im Namen des Grundgesetzes - Widerstand gegen eine immer salonfähiger werdende Online-Überwachungsmentalität. Wie die schlaufaule „Cypress“ (Intelligenz 939, Beweglichkeit 61) fragt: „Wieso muss man sich eigentlich rechtfertigen, wenn man seine Privatsphäre nur um der Privatsphäre willen geschützt wissen möchte?“ Dann allerdings ist dieses Spiel ohnehin nicht zu empfehlen. Bereits 2005 hat es Blizzard einen „Big Brother Award“ eingebracht, weil jeder Spieler erlauben muss, dass der heimische Computer permanent durchsucht wird (angeblich wegen der Gefahr von Betrugsprogrammen).

Erstaunlicherweise finden sich in den Foren jedoch kaum Einträge, die auf strategische Nachteile durch das Öffentlichmachen aller Kampfdetails hinweisen. Dabei weiß man doch nicht erst seit Clausewitz, welche Bedeutung die genaue Kenntnis des Feindes im Kriege hat. Doch spätestens seither ist bekannt, dass ein guter Teil des Spaßes am Krieg aus der zu überwindenden Täuschung resultiert. „Es ist im Kriege alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig“, schreibt Clausewitz: die Wahrheit und das Aufhören. Letzteres könnte Blizzard nun gefördert haben.

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