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Kaminers Deutschlandreise : Allgäu, die Himmelspforte

  • -Aktualisiert am

Sieht aus wie eine Prozession, ist aber eine Aktion des Landschaftskünstlers Guenter Rauch: Auf dem Berg Mittag soll eine „Himmelspforte“ stehen; der Autor trägt mit. Bild: ZDF und Christian A. Roeder

Für den Sender 3Sat soll ich in Deutschland auf Reisen gehen und erkunden, „wie aus Kultur Heimat wird“. Erlebt habe ich, dass Menschen beides schaffen, in allen Teilen des Landes.

          Eine Woche lang musste ich mich im Allgäu ständig kneifen, so unwirklich schön war diese Landschaft, das Gras übertrieben grün, die Berge am Horizont wie von Caspar David Friedrich gemalt, nur ohne Nebel, die Kühe hatten derart verträumte Schnauzen und runde lustige Augen, als würden sie gerade in einem Softporno mitspielen. Überall auf der Welt haben Kühe eigentlich traurige Augen, weil sie vielleicht ihr Schicksal ahnen. Im Allgäu haben sie einen ungemein erotischen Gesichtsausdruck, sie genießen jeden Augenblick ihres Lebens.

          Auch die Menschen im Allgäu sehen übertrieben gesund aus, so als würden sie nie husten. Man hätte sie roh essen können, so frisch und knackig wirkten sie. Außerdem sind sie den Fremden gegenüber unglaublich offen. In jedem kleinen Dorf leben dort Flüchtlinge, die Einheimischen nehmen es als selbstverständlich hin, dass Menschen aus allen Ecken der Welt ins Allgäu wollen.

          Brüderlichkeit wird großgeschrieben

          Ich dachte, die Berge machen die Leute konservativ und fremdenfeindlich, kleine Hotels heißen hier „Fremdenzimmer“, die Kneipen werden als „Fremdenwirtschaft“ bezeichnet, so als würden sie damit sagen wollen: „Willkommen Fremder, schön dass du da bist, aber wenn du gehst, weinen wir dir nicht nach.“ In Wahrheit wird dort die Brüderlichkeit großgeschrieben. In jeder Kneipe kam der Wirt persönlich an den Tisch, um einem echten Russen die Hand zu schütteln und einen „Russ“ mit mir zu trinken, so heißt dort Bier mit Limonade vermischt.

          In der Speisekarte haben sie unzählige Biersorten, die in jeder Fremdenwirtschaft nach einem eigenen, geheimen Rezept gebraut werden, dazu essen sie Steinschafe, die besser als Hühnchen schmecken. Diese Steinschafe sind eine tausend Jahre alte Rasse, sie wurden bereits vom Ötzi persönlich gehütet, später von Abel, bevor ihn sein Bruder, der Landwirt Kain, ermordete. Noch später fielen die Steinschafe dem Nationalsozialismus zum Opfer, erzählte mir einer ihrer Hirte.

          Unter Steinschafen: Begegnung mit der Züchterin Corelia von Redwitz.
          Unter Steinschafen: Begegnung mit der Züchterin Corelia von Redwitz. : Bild: ZDF und Christian A. Roeder

          Der Hitler, obwohl Vegetarier, war ein zorniger Mann, er suchte sich immer neue Feinde, um seinen Zorn zu stillen. Nachdem ihm die Juden, die Homosexuellen, die Waldorfschüler und die Behinderten ausgegangen waren, richtete er seinen Blick auf die kleinen Steinschäfchen. Die haben ihm überhaupt nicht gefallen. Ein gesunder Volkskörper brauche große und fette Schafe als Nahrungsquelle, schrie der Führer und brachte die Merino-Schafe aus Italien nach Deutschland. Diese dicken großen Schafe mit langen Ohren hatten die Römer einst aus Afrika nach Europa gebracht, alle Tiere mit langen Ohren kommen aus Afrika, sie sind dort der harten Sonne ausgesetzt und lassen sich deswegen die Ohren wachsen, damit sie ein wenig Schatten ins Gesicht bekommen. Die Steinschafe wurden vom Führer ausgemerzt. Nach dem Krieg fuhren die Allgäuer durch Europa, in der Hoffnung, noch ein paar ihrer Ötzi-Schäfchen mit kleinen Ohren zu finden. Sie fanden auch einige - in Slowenien, und brachten sie ins Allgäu zurück.

          Aufstieg zum Gipfel des „Mittag“

          Ich bin natürlich nicht zum Schafebesuchen ins Allgäu gefahren, sondern mit einem wichtigen Anliegen. Ich wollte an einer Kunstaktion teilnehmen, bei der Aufstellung der Himmelspforte „Porta Alpinae“ auf dem Berg Mittag. So heißt hier ein mittelgroßer Berg, wenn man am frühen Morgen hochsteigt, ist man gegen Mittag da. Die Himmelspforte ist eine Erfindung des Natur- und Landschaftskünstlers Günter Rauch, den ich sehr schätze.

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