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Wissenschaft und Wikipedia : Es geht darum, einen kollektiven Zettelkasten zu pflegen

  • -Aktualisiert am

Olaf Simons (geb. 1961) studierte Deutsch, Englisch und Philosophie und arbeitet am Forschungszentrum Gotha für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien Bild: Archiv

Der Verzicht auf die Nennung von Autoren bringt die Internet-Enzyklopädie mitunter um die besten Beiträger. Ein Gespräch mit dem Wissenschaftler und Wikipedia-Autor Olaf Simons.

          Herr Simons, Sie sind Literaturwissenschaftler. In Ihrer Freizeit schreiben Sie für die Wikipedia. Warum?

          Am Anfang war es pure Neugier, mit der Zeit entstand ein Gefühl der Verantwortung. Entscheidend war ein Ereignis im Herbst 2005. Damals wurden alle Einträge der Sparte Philosophie gelöscht, weil ein anonymer Nutzer systematisch Passagen aus einem DDR-Lexikon eingespeist hatte. Hunderte Artikel mussten neu geschrieben werden. Etwa zehn Leute trafen sich zunächst zu einem Online-Chat. Als jeder sagte, wo er philosophisch steht, dachte ich, wir schlagen uns die Köpfe ein.

          Aber das geschah nicht?

          Nein, wir teilten die Themen auf, und innerhalb weniger Monate entstanden Artikel, die eine neue Qualität hatten, weil sie in einem Guss gedacht waren. Danach war klar, dass es ein „Wir“ gibt: wir in der Philosophengruppe, die von nun an die Artikel überwachen und Veränderungen prüfen, um das Medium kollektiv zu schützen. Wir haben uns auch getroffen und waren angetan, wie weit wir uns vertrauen konnten. Nach dieser Erfahrung fühlte ich mich als Teil von Wikipedia.

          Haben sich aus Ihrer Autorenschaft für Wikipedia einmal Nachteile ergeben?

          Ja. Im Jahr 2005 wurde ich gebeten, für die „Enzyklopädie der Neuzeit“ des Metzler Verlags den Überblicksartikel „Erzählliteratur“ zu schreiben. Ich investierte einen Monat Arbeit. In der letzten Redaktionsstufe bemerkte dann jemand, dass die Perspektive der des Wikipedia-Eintrags „Roman“ ähnelte. Kein Wunder, denn den Eintrag hatte ich geschrieben. Doch das hat mich nicht gerettet. Zwar hatte ich nichts direkt aus dem Wikipedia-Artikel übernommen. Aber für eine Enzyklopädie ist es unmöglich, einen Text zu publizieren, der auf dem Stand eines frei verfügbaren Artikels ist. In der Wikipedia entwerte ich also mein eigenes Wissen, da es nicht mehr zitierfähig ist.

          Haben Sie dieses Problem in Wikipedia-Kreisen angesprochen?

          Ja. Die Antwort war, es bestehe kein Problem, solange ein Artikel eine neutrale Perspektive aufweise und nicht auf der eigenen Forschung basiere. Praktisch sind Überblicksartikel in den Geisteswissenschaften jedoch immer von methodologischen Vorentscheidungen und speziellem Wissen geprägt. Bei der Wikipedia herrscht mitunter die Vorstellung: Wenn zweitausend Leute je einen Roman gelesen haben, dann können sie denselben Artikel schreiben wie einer, der zweitausend Romane gelesen hat.

          Anders als viele Wissenschaftler publizieren Sie in der Wikipedia unter Ihrem Namen. Wie reagieren Kollegen?

          Die meisten runzeln die Stirn - oder sie sind amüsiert, weil sie mir das zutrauen. Alle Professoren, die ich kenne, nutzen Wikipedia regelmäßig. Aber wenn sie einen Fehler finden, beschweren sie sich, statt ihn zu korrigieren. Wir brauchen eine andere Kultur: Wikipedia ist ein kollektiver Zettelkasten, den jeder, der es besser weiß, pflegen sollte.

          Viele Wissenschaftler schreckt ab, dass dort jeder Artikel verändern kann.

          Wissenschaftler arbeiten meist auf Veröffentlichungen hin, die Jahre in der Zukunft liegen. In der Wikipedia schreibe ich etwas und sehe am nächsten Morgen einen Text, den andere überarbeitet haben. Sobald man sich auf die Reaktionen einlässt, geht das Schreiben in der Wikipedia sehr schnell. Dass man später Veränderungen vornehmen kann, empfinde ich als befreiend. Problematisch wird es, wenn Sie sich mit Benutzern herumschlagen, die hinter Pseudonymen abstruse Sichtweisen durchsetzen wollen.

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