05.02.2007 · Die ARD hat die Aufgabe, die Nachfolge von Sabine Christiansen zu klären, mit ungewohnter Bravour gelöst. Niemand ist brüskiert worden: Anne Will bekommt ihre verdiente Chance, Frank Plasberg eine eigene, andere Sendung. Von Michael Hanfeld.
Von Michael HanfeldWer hätte das gedacht? Dass die ARD sich gleich mehrfach richtig entscheidet? Dass sie Anne Will mit der Nachfolge von Sabine Christiansen betraut und ihrem Konkurrenten Frank Plasberg dennoch nicht das Nachsehen gibt, sondern mit seiner journalistischen Schärfe, die inzwischen eine Rarität im Fernsehjournalismus ist, auch das erste Programm würzt? Was sich zum Wochenende hin angedeutet hatte, nämlich, dass sich die Intendanten für Will und für Plasberg entscheiden würden, löst viele Probleme auf einmal. Und es bleibt nur eins: die Nachfolge von Anne Will bei den „Tagesthemen“ zu regeln.
Noch Tage zuvor hatten sich der NDR und der WDR mit ihren Vorschlägen für die Christiansen-Nachfolge blockiert und die ARD in zwei Lager gespalten. Der NDR-Intendant Jobst Plog fühlte sich brüskiert, weil ihm andere aus dem Sendeverbund den bereits ausgehandelten Vertrag mit Günther Jauch nachträglich zerschossen hatten. Beim WDR beging man den Fehler, kaum dass Jauch abgesagt hatte, laut für Plasberg zu trommeln und das, wo aus dem Umfeld des Senders die Anti-Jauch-Kakophonie mitangestimmt worden war. Besonders im Rundfunkrat des Senders fühlen sich einige - wie der Rundfunkratsvorsitzende Reinhard Grätz - ganz stark und meinen offenbar, sie dürften nicht nur Intendanten wählen, sondern der ARD auch in Programmfragen sagen, wo es langgeht.
Es ändert sich viel - zum Besseren
So hätte es am Ende nach dem bewährten Machtspielmuster darauf hinauslaufen können, dass weder Anne Will noch Frank Plasberg zum Zuge gekommen wären, sondern Sandra Maischberger, von der man sich Besserung auf dem Sonntagstalkshowplatz der ARD nicht zuvörderst erwarten kann, nimmt man ihre Dienstagsshow „,Menschen bei Maischberger“ zum Maßstab. Jetzt ändert sich mit einem Mal viel bei der ARD und zwar tendenziell zum Besseren. Denn der Handel der Intendanten, die sich „einmütig“ für Anne Will entschieden, hat zur Folge, dass Frank Plasberg 2008 mit einer Sendung a la „Hart aber fair“ zur Hauptsendezeit - zwischen der „Tagesschau“ und den „Tagesthemen“ - loslegt. Am Zuschnitt seiner Sendung wird noch gearbeitet, sie soll aber mindestens sechzig Minuten lang sein.
Das ist in den Augen eines Quotenkönigs, wie der Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, einer ist, ein ziemliches Zugeständnis. Denn er hat die ARD fürs Quotenrennen stark gemacht, dabei aber vernachlässigt, dass für ein öffentlich-rechtliches Programm auch noch etwas anderes zählt: das journalistische Profil und die politische Relevanz. Insofern ist die Entscheidung für Will und Plasberg als Kompromiss widerstreitender Interessen zustande gekommen, die mit den beiden Personen gar nichts zu tun haben. Doch schadet das ausnahmsweise einmal nicht, nicht Will, nicht Plasberg, nicht dem ersten Programm und auch nicht der ARD, die zuletzt reichlich handlungsunfähig erschien. Sie schöpft dabei ja immer noch aus dem Vollen, was man daran erkennen kann, dass ihr Harald Schmidt als Alleinunterhalter erhalten bleibt.
Ansteckende Fröhlichkeit
Anne Will darf man sich persönlich als einen Menschen von ansteckender Fröhlichkeit vorstellen. Das Bleiern-Schwere deutschen Denkens ist ihr fremd. Ein prätentiöses Auftreten sowieso. Dabei prägt sie mit ihrem Gesicht das Antlitz eines ganzen Sendesystems. Ihr haben wir mit die spannendsten Interviews im deutschen Nachrichtenfernsehen zu verdanken. Nicht im Scherz hat Anne Will vor Jahren erst einmal das Angebot abgewiesen, überhaupt zum Fernsehen zu gehen. Ihr Mentor und Chef beim Sender Freies Berlin, Jochen Sprentzel, der sie als das größte Moderationstalent bezeichnete, das ihm in dreißig Berufsjahren untergekommen sei, hatte gefragt. Doch hielt es Anne Will zunächst mit dem Hörfunk.
Dass sie Journalistin werden wollte, das wußte sie schon mit sechzehn. Mit neunzehn fing sie als freie Mitarbeiterin bei der „Kölnischen Rundschau“ an. Sie studierte in ihrer Heimatstadt Köln und in Berlin Geschichte, Politik und Anglistik. In Berlin schrieb sie nebenher für das „Spandauer Volksblatt“. Zu Springer wollte sie nicht, beim „Tagesspiegel“ landete sie nicht, dafür machte sie Anfang der Neunziger ein Praktikum beim SFB. Daraus wurde ein Volontariat. Es folgten acht Jahre beim SFB, in denen sie für den Sport und die Politik arbeitete. Sie kam 1999 als erste Frau zur „Sportschau“ der ARD. Davor hatte sie beim SFB eine Talksendung namens „Mal ehrlich“. Drei Jahre lang moderierte sie die Medientalkshow des WDR „Parlazzo“.
Man brauche im Fernsehen „eine gewisse Selbstironie, das schützt davor, sich und andere zu wichtig zu nehmen“, hat Anne Will einmal im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt. In den „Tagesthemen“ drückt Anne Will dies bisweilen nonverbal aus - mit einer hochgezogenen Augenbrauen. In ihrer Talkshow wird sie diese Haltung noch ganz anders ausdrücken können. Die ARD tut gut daran, auf ihr Talent zu setzen.