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„Wild Germany“ bei ZDFneo Schluss mit der Coolness

 ·  Die vom Lifestyle-Magazin „Vice“ produzierte Reportageserie zeigt ein Deutschland der kuriosen Phänomene. Das ist lustig, wenn es um Schamanismus geht - beim Thema Pädophilie jedoch völlig unangemessen.

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„Wild Germany“ geht in die vierte Runde, die Reportagereihe bei ZDFneo, in welcher der mit selbstironischen Sicherheitsnadeln tätowierte Hipster-Reporter Manuel Möglich „unglaublichen“ Phänomenen in Deutschland „ohne vorgefasste Meinung“ auf den Grund geht.

So war er in der letzten Staffel bei verwirrten Rechtsextremen zu Besuch, die glauben, einer „Exilregierung Drittes Reich“ anzugehören, und er erforschte das „Dogging“: Verheiratete Männer haben auf Parkplätzen anonymen homosexuellen Sex.

Auf Felltrommeln einschlagende Biedermänner

Das Konzept von „Wild Germany“ hat sich Tom Littlewood ausgedacht, der Chefredakteur des deutschen „Vice“-Magazins. „Vice“ ist ein ursprünglich aus Kanada stammendes, kostenloses Lifestyle-Magazin und mittlerweile so erfolgreich, dass es als Vice TV auch eigene Video-Reportagen produziert.

„Vice“ bedeutet „Laster“, und der Name prägt den Stil, der bei allen „Vice“-Kreationen, ob Print oder Video, derselbe ist: Rotzig, überexplizit, dreist und leicht gelangweilt wird in schludriger Sprache auf kuriose Phänomene gedeutet. Das ist meist unterhaltsam und auch vom Standpunkt eines investigativen Journalismus her beeindruckend. So ist es „Vice“ jüngst gelungen, eine Dokumentation in Nordkorea zu drehen.

Der Student ist gerade dabei, seine Kinderpornographie-Sammlung zu löschen

Auch in den neuen Folgen von „Wild Germany“ ist der Auftakt vielversprechend: Manuel Möglich geht dem Phänomen des Schamanismus nach, unterzieht sich energetischen Ritualen und findet sein inneres „Krafttier“. Das ist furchtbar komisch, auch wenn man sich fragt, ob die krächzend auf Felltrommeln einschlagenden Biedermänner und -frauen („Es ist ein Baum. Man glaubt es kaum.“) nicht unnötig bloßgestellt werden. Man muss Möglich anrechnen, dass er bemüht ist, sein jeweiliges Gegenüber ernst zu nehmen. So bemerkt er dann auch nach manchen der Prozeduren „tatsächlich eine Veränderung“. Schön und gut.

Was allerdings gar nicht geht, ist die zweite Folge dieser Staffel von „Wild Germany“. Sie ist dem Thema „Pädophilie“ gewidmet. Möglich hat in einem „Spiegel“-Artikel gelesen, dass sich mehr als 250 000 Männer in Deutschland sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Er will sich „mit diesem Thema beschäftigen, das wie kein anderes negative Emotionen produziert“. Nun könnte man einer Auseinandersetzung mit Pädophilie in einem Fernsehformat wie „Wild Germany“ eine gewisse Aufklärungsarbeit zugutehalten - etwa wenn Möglich einen pädophilen Studenten interviewt, der sich einer Therapie unterzieht, um nie zum Täter zu werden und gerade dabei ist, seine Kinderpornographie-Sammlung zu löschen.

Pädophilie ist kein Kuriosum

Möglichs zweiter Interviewpartner aber ist ein Dieter Gieseking, der von Kindesmissbrauch spricht, als wäre dieser eine harmlose Freizeitbeschäftigung, und sich für eine Legalisierung „sexueller Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen“ einsetzt. So wird etwas nicht Verhandelbares - die sexuelle Unversehrtheit von Kindern - in den Diskursraum des Fernsehens gerückt. Möglich hat seinem Gesprächspartner nichts entgegenzusetzen als einen kameratauglich entrüsteten Blick. Gieseking darf sich nach dem Interview fröhlich winkend verabschieden.

Als Gegengift wird ein Dr. Dr. Beier aufgefahren, der die Verirrung aus der Perspektive der Psychiatrie (er betreibt das Präventionsprogramm „Kein Täter werden“) ins rechte Licht rückt. „Pfui, so etwas tut man nicht“, versucht Manuel Möglich auszustrahlen. Das aber ist viel zu wenig und sträflich verharmlosend. Man lässt Täter nicht so über ihre Straftaten reden. Pädophilie ist kein Kuriosum, sexuelle Gewalt an Kindern eines der übelsten Verbrechen. Da ist es mit dem coolen „Vice“-Stil endgültig vorbei.

„Wild Germany“ läuft am 14. Februar um 23.30 Uhr bei ZDFneo.

Quelle: F.A.Z.
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