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Veröffentlicht: 14.07.2012, 10:53 Uhr

Wikipedia und die Streitkultur Im wilden Zoo der Sockenpuppen

Eine überaus aktive Gemeinschaft hält die Online-Enzyklopädie Wikipedia am Laufen - das führt auch zu Konflikten: Von „Checkusern“ und „Sockenpuppen“.

von Jürgen Oetting
© Frank Röth Nicht „Liesbeth“, sondern „Labbo“: Diese Offline-Puppe tritt an der Oper Frankfurt auf

Die Datensammler von Google oder Facebook fordern bei Anmeldung die Angabe des wirklichen Namens. Das ist in der Online-Enzyklopädie Wikipedia (WP) anders. Die ganz überwiegende Zahl der Autoren präsentiert sich dort mit einem sogenannten „Nickname“, von „Asthma“ bis „Zaungast“. Das schützt die Privatsphäre, gerade wenn es um die Arbeit an umstrittenen Artikeln aus den Bereichen Zeitgeschichte und Politik geht. Es lädt aber auch zum Missbrauch ein, wie aktuelle Ereignisse in der deutschsprachigen WP zeigen. Eine Benutzerin, die unter dem Pseudonym „Liesbeth“ schrieb, unterhielt mindestens fünfzehn weitere aktive Benutzerkonten und manipulierte damit Administratoren-Wahlen.

In der WP werden Elemente der direkten Demokratie gepflegt, obwohl in letzter Instanz die „Wikimedia Foundation“ entscheidet. Administratoren sind Benutzer, die über zusätzliche „Knöpfe“ verfügen, mit denen sie Seiten löschen oder Benutzer sperren können. Sie werden von stimmberechtigten Benutzern gewählt. Stimmberechtigt sind Angemeldete, die seit mindestens zwei Monaten dabei sind und zweihundert Artikelbearbeitungen vorweisen können - selbst wenn es zweihundert Tippfehlerkorrekturen sind. Auch über diese Regelung wurde abgestimmt.

Die Zahl der Egos entscheidet

Zusätzliche Benutzerkonten angemeldeter Autoren werden „Sockenpuppen“ genannt und meist geduldet. Der Gebrauch zum Zwecke der Konfliktaustragung („Pöbelsocken“) und der Manipulation ist jedoch untersagt. Bei begründetem „Sockenpuppenverdacht“ wird dann einer der derzeit fünf gewählten „Checkuser“ tätig und ermittelt in den Tiefen des Internetprotokolls, von welchem Anschluss die Beiträge stammen. Der wird aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht.

Ein Checkuser fand Anfang Juli „Liesbeth“ und ihren „Sockenpuppenzoo“, der in kontroversen Hintergrunddiskussionen aufgefallen war. Darin geht es nicht nur um die Verfeinerung des Regelwerks. Es werden auch Fragen der politischen Ausrichtung des Projekts debattiert - nicht selten in verletzender Schärfe. Besonders in der Debatte um den geringen Frauenanteil in der WP war „Liesbeth“ engagiert. Sie wehrte sich dabei vehement gegen den Verdacht, im wahren Leben ein Mann zu sein. Skurril wirkt deshalb, dass sie sich auch drei männliche „Puppen“ züchtete und, wenn es passte, zum Einsatz brachte.

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Zur sofortigen Sperrung führte jedoch, dass „Liesbeth“ mit ihren fünfzehn anderen Ichs diverse Administratorenwahlen manipuliert hatte, was zweimal das Ergebnis signifikant verfälschte. In den anhaltenden Diskussionen über den Vorfall wird vermutet, dass sie längst einen „Schläfer“ aktiviert hat und weiterschreibt. Nicht nur zum Spaß wird auch danach gefragt, wer denn sonst noch in der deutschen Wikipedia mit sich selbst diskutiert.

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