17.07.2011 · Bradley Manning war die wichtigste Quelle in der Geschichte von Wikileaks. Jetzt zeigen zwei Gesprächsprotokolle, in welchen Nöten der Informant sich befand.
Von Detlef BorchersWährend sich die Welt mit Wikileaks-Chef Julian Assange beschäftigt, der mit Philosophen debattiert und Mittagessen mit seiner Person versteigert, ist es um Bradley Manning recht still geworden. Der mutmaßliche Informant, auf den alle medienwirksamen Leaks von Wikileaks zurückgehen sollen, sitzt streng bewacht in einem Militärgefängnis und wartet auf seinen Prozess. Ihm drohen bis zu fünfzig Jahre Haft. Nun haben der britische „Guardian“ und die amerikanische Zeitschrift „Wired“ zwei lange Gesprächsprotokolle von Manning mit Personen veröffentlicht, denen sich Manning in seiner Notlage im Computer-Chat anvertraut hatte.
Was Manning Zach Antolak, einem Aktivisten der Schwulenbewegung, und Adrian Lamo, einem ehemaligen Hacker und FBI-Informanten, beichtete, zeigt die verheerenden Folgen der „Don’t ask, don’t tell“-Politik des amerikanischen Militärs, an der Manning zerbrach. Der junge Soldat, der im Irak mit der Analyse von Geheimdienstmaterial beschäftigt war, litt unter seiner sexuellen Identität und plante, nach der Entlassung aus dem Armeedienst eine Geschlechtsumwandlung als Breanna Manning einzuleiten. Mannings Pech war es, dass er sich mit Adrian Lamo einen geheimdienstlich geschulten Beichtvater ausgesucht hatte, der ihm gekonnt nach und nach viele brisante Details seiner Arbeit entlockte.
Die Spur reicht bis ins Weiße Haus
„Ich bin ein Journalist und ein Geistlicher, such dir was aus, und nimm es als Beweis, dass unsere Unterhaltung oder unser Interview (das niemals publiziert wird) mit einem Fünkchen von rechtlichem Schutz geführt wird“, schrieb Lamo zu Beginn der Konversation. Das reichte offenbar für Manning aus, um sich dem Informanten vollständig anzuvertrauen. „Ich komme aus meinem Kokon. Es braucht eine Zeit, aber hoffentlich werde ich dann kein Geist mehr sein.“ In beiden Gesprächen geht es Bradley Manning vor allem um die Aufarbeitung seiner traumatischen Jugend, die Nöte, denen ein Homosexueller im Militär ausgesetzt ist und um den Beginn eines neuen Lebens als Breanna.
Durchsetzt sind die Gespräche von Klagen über den stumpfsinnigen Militärdienst und typische Nerd-Themen: Welche Programmiersprache ist besser, wie wird der Arbeitsspeicher optimal genutzt. Geschickt wird er dabei von Lamo ausgefragt, was etwa in der „Szene“ passierte, in der sich Manning in den Vereinigten Staaten bewegte. Wenn das von „Wired“ veröffentlichte Protokoll stimmt und Manning nicht übertrieb, hatte er Kontakt zum Beispiel mit Shin Inouye, einem engen Berater Obamas, der im Weißen Haus als „Director of Specialty Media“ für schwule und lesbische Medien zuständig war und Obamas Statement zur Marriage Equality Bill verfasste.
Verzweifelte Hoffnung auf ein neues Leben
Manning berichtete auch von Kontakten zu bisexuellen Kreisen im Pentagon, die helfen sollten, die „Wahrheit“ zu verbreiten. Denn das, was er als Computerspezialist in den ihm zugänglichen Netzen findet, empört ihn. So beschreibt er für Lamo, wie er das Video fand, das später als „Collateral Murder“ Wikileaks’ Weltruhm einbrachte ("Collateral Murder"-Video: Auf der DVD mit den geheimen Dokumenten stand „Lady Gaga“). Was dem kaum am Krieg interessierten Gefreiten zunächst wie eine normale Kampfhandlung erschien, empörte ihn erst dann, als er das Datum und die GPS-Koordinaten der Kampfhandlung in Google eingab – und auf den entsprechenden Artikel in der „New York Times“ aus dem Jahre 2007 stieß. Dieser Artikel ist der erste Zeitungsbericht von der Tötung zweier Reuters-Journalisten im Irak. Was Manning besonders empörte, war das Schweigen der „eingebetteten Reporter“ wie David Finkel. „Dieser Vorfall beschäftigte mich über Wochen, vielleicht anderthalb Monate lang, bis ich mich entschloss, es ihnen zu schicken.“
Gemeint sind hier die Wikileaks-Aktivisten. Im Gespräch mit Adrian Lamo schilderte Manning, wie er den Kontakt zu Julian Assange, diesem „weißhaarigen verrückten Kerl“, suchte und das verschlüsselte Video anonym bei Wikileaks deponierte. Dabei wird er mehrfach von Lamo befragt, wie man Assange erreichen kann und was noch an Material an Wikileaks ging. So gelang es dem FBI-Informanten, nach und nach eine komplette Liste der Dateien zu bekommen, die an Wikileaks gingen. Es gelang ihm auch, über Fangfragen den Aufenthaltsort von Manning herauszufinden. Kurz danach wurde dieser verhaftet. Die Beichte war zu Ende.
An einer Stelle berichtete Manning stolz, dass er für seine neue Identität als Breanna Manning bereits die entsprechenden Seiten bei Facebook, Twitter und Youtube eingerichtet habe: Als könnten die Hormonbehandlung und danach das neue Leben getrost beginnen, wenn nur der digitale Kokon schon gesponnen ist. Die letzten Sätze Mannings laut „Wired“ zeugen von der Verzweiflung des Vierundzwanzigjährigen: „Ich weiß nicht, ob ich dann Leute treffe, die mich wirklich lieben. Niemand ist lang genug geblieben, um mich wirklich kennenzulernen. Die, die da waren, wurden gute Freunde. Aber das ist nicht dasselbe. Ich bin immer noch deprimiert.“
Was für ein Elend.
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 17.07.2011, 00:40 Uhr
Bradley Manning...
Maik Trommer (MaikTrommer)
- 17.07.2011, 10:02 Uhr
Transphober Artikel
Kim Schicklang (ScharfeKlinge)
- 18.07.2011, 00:38 Uhr