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Wikileaks Auch Millionen Details sind nicht die ganze Wahrheit

24.10.2010 ·  Ist das nun die angekündigte „Wahrheit über den Krieg“ oder nur ein sinnloser Rekord? Die knapp 400.000 Dokumente, die Wikileaks zum Irak-Krieg publiziert hat, enthalten wichtige Enthüllungen. Sie dokumentieren aber auch den Hang des Portals zum großen Auftritt.

Von Detlef Borchers
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Die Zahl ist imposant. 391.832 Berichte über militärische Aktionen aus fünf Kriegsjahren im Irak: Mit dieser Veröffentlichung der als geheim klassifizierten Dokumente hat Wikileaks einen neuen Rekord aufgestellt. Entsprechend großspurig teilte Wikileaks-Sprecher Julian Assange auf der die Veröffentlichung begleitenden Pressekonferenz am Samstag in London mit, dass nun die „Wahrheit über den Irak-Krieg“ ans Tageslicht kommt. Statt der „Wahrheit“ sind es viele Details über den Krieg, die in den Vereinigten Staaten wie im Irak für Diskussionsstoff sorgen.

Für Schlagzeilen sorgte vor allem die mit Wikileaks zusammenarbeitende Initiative Iraq Body Count, die an der Aufbereitung der Militärberichte beteiligt war. Nach ihren Angaben wurden 66.081 irakische Zivilisten getötet, rund 15.000 mehr als bisher angenommen. Noch wichtiger als diese Zahl dürfte indes die Erkenntnis sein, dass die amerikanischen Streitkräfte über ihre Einsätze penibel Buch führten: Aus dem Irak berichtende Journalisten wurden jahrelang von Militärsprechern für ihre Schätzungen der Opfer gerügt, immer verbunden mit dem Verweis, dass man selber die Opfer nicht zählen würde.

Neben dieser glatten Lüge enttarnen die Berichte Folterungen und Misshandlungen durch die irakischen Partner und die Anweisung an die amerikanischen Truppen, über derartige Vorfälle hinwegzusehen. Brisant im amerikanischen Kontext dürften die Berichte über die Einsätze privater Sicherheitsfirmen und logistischer Dienstleister sein, die in etlichen Situationen nach Recherchen der „New York Times“ die Lage verschlimmerten, weil deren Bewaffnete ohne militärischen Befehl das Feuer eröffneten.

Hang zum großen Auftritt

Wie bei der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente vor drei Monaten wird die Aktion von Wikileaks durch Medienpartner begleitet. Die „New York Times“, der „Guardian“ und auch der „Spiegel“ haben aufwendige Portale programmiert, in denen die ersten Erkenntnisse aus der schieren Masse von Berichten visualisiert sind. Wikileaks und die französische gemeinnützige Journalismus-Stiftung Owni bieten den Zugriff auf die Rohdaten, Iraq Body Count und das britische Bureau of Investigative Journalism sind dabei und bearbeiten eigene Fragestellungen. So beschäftigt sich das Bureau mit der Frage, ob durch Namensnennungen Menschenleben gefährdet sind, ein Vorwurf, der von US-Außenministerin Hilary Clinton unmittelbar nach dem Beginn der Veröffentlichung erhoben wurde.

Für die Veröffentlichung der Irak-Dokumente hat Wikileaks weitere neue Medienpartner gefunden, etwa Al Jazeera, das vor allem Dokumente über Selbstmordattentate auf eigenen Seiten auf Englisch und Arabisch präsentiert - und die von Wikileaks gesetzte Sperrfrist unterlief. Mit dabei waren diesmal auch Fernsehsender wie Channel 4 und Radiostationen wie Radio BBC. Neben live gesendeten Berichten von der Pressekonferenz und längeren Stücken über den Irak-Krieg präsentierten sie Nachrichten im Web, die wiederum auf Seiten von Wikileaks verweisen. Welche Bedingungen Wikileaks den mitpräsentierenden Medien stellte, ist derzeit nicht bekannt, doch legt ein Bericht von CNN nahe, dass sie zumindest für diesen Sender nicht akzeptabel waren. Rachsüchtig führte CNN unmittelbar nach der Pressekonferenz ein Interview mit Julian Assange und befragte den Sprecher so lange zu seinem Privatleben, bis dieser den Raum verließ.

400.000 Dokumente, neue Verbündete und ein gewaltiges Medienecho werfen die Frage auf, wie es mit Wikileaks weitergehen kann. Im Vorfeld zum Irak-Coup wurde intern von Aktivisten kritisiert, dass der Hang zum großen Auftritt wie die Konzentration auf US-Material kein besonders zukunftsträchtiges Konzept sei. Außerdem würden so wichtige Ressourcen blockiert. So ist die Website, über die anonyme Whistleblower Dokumente einreichen können, seit Monaten hinweg nicht aktiv. Wer sie anklickt, wird auf eine nahe Zukunft vertröstet. Auf die interne Kritik reagierte Assange, indem er die Kritiker suspendierte. Vielleicht ziehen die Abtrünnigen kleine Wikileaks-Projekte auf, die nicht auf den großen Coup aus sind. Gelogen und verheimlicht wird überall.

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