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Veröffentlicht: 09.04.2017, 10:00 Uhr

Jakob Augsteins „Freitag“ Ist die Mafia jetzt der Gewinner?


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45616632 © Simone Casetta / Anzenberger Vergrößern Für den „Freitag“ wird sie wohl kaum ein weiteres Mal schreiben: Petra Reski.

Das Vorgehen des Klägers legt die Vermutung nahe, dass es ihm in erster Linie darum geht, die Journalistin einzuschüchtern. Denn die Unterlassungsforderung hatte er, ein für die Mafia typisches Muster, zunächst nur ihr und erst danach auch dem „Freitag“ zugestellt. Als dieser, ohne sich vorher mit der Autorin zu verständigen und zu beraten, unterschrieben hatte, wurde die Klage gegen Petra Reski durchgezogen. Es war offenkundig, dass die Zeitung nicht zu ihrer Autorin steht, und diese war auf sich allein gestellt. Diesen Zusammenhang hat Augstein womöglich nicht bedacht, aber, ostentativ und mit lauten Schuldzuweisungen, aufgekündigt: Eine unnötige und unfaire Bloßstellung, denn der Verleger hätte zumindest versuchen müssen, den Dissens mit Petra Reski, um sie zu schützen, intern zu regeln.

„Mangelhafte Recherche“, dieser Vorwurf Augsteins gegenüber Petra Reski ist hart, nicht haltbar und, gerade in diesem Zusammenhang, grotesk. In dem Gespräch mit dem DLF sagte Augstein weiter: „Übrigens haben die ,Zeit’ und die F.A.Z. 2015 und 2014 ähnliche Artikel über diesen Sachverhalt geschrieben, und da taucht der Name nicht auf. Das heißt, die Kollegen waren einfach gründlicher und haben den Namen von vornherein gelöscht. Das ist ja auch deshalb interessant, weil die F.A.Z. uns ja jetzt sehr stark angegriffen hat, sie hat aber selber den Namen nicht genannt.“

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Das klingt sachlich und moderat selbstkritisch, entspricht aber nicht den Tatsachen. Die F.A.Z. hat über den Sachverhalt nicht berichtet, und auch im Archiv der „Zeit“ findet sich dazu kein Artikel. Die Behauptung kann schon deshalb nicht stimmen, weil die Dokumentation des MDR am 4. November 2015 ausgestrahlt und die Klage 2016 verhandelt wurde.

In dem Gespräch mit dem DLF sagte Augstein auch: „Na ja, das Problem mit Frau Reski, die ich jetzt persönlich nicht kenne, deren Texte ich aber immer sehr, sehr geschätzt habe, (ist, dass sie) hier wirklich massive Angriffe gegen uns gefahren hat“. Das hört sich differenziert an, ist aber wenig glaubhaft. Denn schon am nächsten Tag, am 4. April, teilte Augstein in der „Süddeutschen Zeitung“ geradezu höhnisch gegen Petra Reski aus: „Es ist vielleicht kein Zufall, dass sie vor allem auch als Romanautorin bekannt ist.“ Schon vorher hatte Augstein getwittert, Petra Reski „hat uns den Text untergejubelt“.

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Könnte es sein, dass sich Augstein taktisch verhält und, flexibel und gewieft, im seriösen Sender anders auftritt als in den sozialen Medien? Auch im DLF hat er die „sehr, sehr geschätzte“ Autorin in einer Weise diskreditiert, die die Frage aufwirft, ob das sein Stil und die Form der Auseinandersetzung sein kann: „Wir sind ja froh, dass wir einen Rechtsstaat haben, und wir wollen keine Fake News drucken und der Lügenpresse-Vorwurf, den wollen wir uns von niemandem sagen lassen, und wenn man solche Sachen schreibt, dann stärkt das ja im Grunde die Mafia, weil die jetzt als Gewinner dasteht, das ist für alle sehr misslich.“

Andersherum wird eher ein Schuh draus. Indem er eine „gängige Praxis“ (DJV) der Zusammenarbeit aufkündigt und damit einen Präzedenzfall schafft, der Schule machen könnte, schwächt Augstein den Journalismus in einer Zeit, da dieser von außen massiv unter Druck steht, von innen und schreibt die Einschüchterung, auf die es der Kläger abgesehen haben dürfte, fort. Warum es sein könnte, dass die Mafia jetzt als Gewinner dasteht, ist tatsächlich die Frage.

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