http://www.faz.net/-gqz-7ts57

Häusliche Gewalt : Sie blieben, obwohl man sie quälte

  • -Aktualisiert am

„Die Person, die ich liebe und der ich mich verschrieben habe, kann doch nicht mein Peiniger sein“: Manche Opfer spielen den Übergriff zunächst herunter Bild: dpa

Manche suchten die Schuld bei sich selbst, andere glaubten an Besserung: Auf Twitter erzählen Opfer häuslicher Gewalt, warum sie ihren Peinigern nicht entflohen.

          „Warum bist du geblieben?“ Meistens ist das die erste Frage, die man Opfern häuslicher Gewalt stellt. Diese Frage wird jetzt auf Twitter mit den Hashtags #WhyIStayed und #WhyILeft massenweise beantwortet.

          Anlass für die Hashtags ist die Ray-Rice-Affäre. Am Mittwoch setzte die amerikanische National Football League (NFL) eine unbegrenzte Sperre für den Footballspieler, der bei den Baltimore Ravens tätig war. Anfang des Jahres war Rice dabei gefilmt worden, wie er seine damalige Verlobte Janay Palmer zusammenschlug. Einen Tag nach dem Freispruch von der Anklage wegen Körperverletzung hatten Rice und Palmer geheiratet. Im Juli hatte die NFL Rice für seine Tat lediglich mit einer Zwei-Spiel-Sperre und einer Geldbuße bestraft, was in den Vereinigten Staaten für Empörung gesorgt hatte. Jetzt ist ein zweites Video aufgetaucht, auf dem ein weiterer Angriff von Rice auf Palmer zu sehen ist. Diesmal musste die NFL schärfer reagieren.

          Der Geliebte kann doch nicht der Peiniger sein

          In der Debatte zu der Affäre tauchte mehrmals der Vorwurf gegen Palmer auf, Rice trotz des Missbrauchs bewusst geheiratet zu haben. Diesen Vorwurf sprechen jetzt Opfer von häuslicher Gewalt auf Twitter an. Sie wenden sich damit gegen die Mythen, die um Missbrauch und Gewalt entstanden sind.

          Der erste zerschlagene Mythos ist, dass sich Gewalt in der Beziehung immer als solche erkennen ließe. Durch die Tweets wird klar, wie häufig das Opfer den Missbrauch nicht als solchen wahrnimmt. „Ich war gegenüber häuslicher Gewalt ignorant“, schreibt eine junge Frau. „Ich dachte, es sei nur eine Frage von klug/stark/liebevoll genug sein, um ihm es überwinden ,zu helfen‘“. Eine andere erzählt die Erfahrung ihrer Mutter, der es „beigebracht wurde, die Makel ihres Mannes zu akzeptieren“. Eine dritte redete sich ein, es sei nur „ein einmaliger Vorfall“, weil „die Person, die ich liebe und der ich mich verschrieben habe, doch nicht mein Peiniger sein könnte“.

          Vertraute als Vermittler des Missbrauchs

          Daneben werden die psychische Manipulationen angeführt, denen Missbrauchsopfer ausgesetzt sind. Ein wiederholtes Motiv ist die Überzeugung der Opfer, man habe das alles „verdient“ und sei an dem Missbrauch „selbst schuld“. „Ich sah nicht ein, dass ich mehr verdiene, weil er mir immer das Gegenteil sagte“, lautet ein entsprechender Tweet. An anderer Stelle heißt es: „Nach jahrelanger körperlicher, verbaler und psychischer Gewalt glaubt man nicht, es verdient zu haben, glücklich zu sein“. Oder: „Er sagte, dass mich niemand lieben würde, und ich habe ihm geglaubt“.

          Die Tweets beleuchten, wie unterschiedlich die Lebensumstände der Leidtragenden sind. Einerseits wissen gewalttätige Partner die Opfer von Freunden und Familie zu isolieren. Viele berichten davon, sie hätten sich an niemanden wenden können, der ihnen geholfen hätte. Anderseits werden oftmals die vertrauten Personen selbst zu Vermittlern des Missbrauchs. „Wie man sich bettet, so liegt man“, bekam eine Frau nach eigener Aussage zu hören, als sie erzählte, dass ihr Partner sie demnächst umbringen könnte.

          Wenn er mich doch nur schlagen würde

          Auch der religiöse Glaube spielt eine ambivalente Rolle. Während eine Frau in der gewalttätigen Beziehung blieb „weil Jesus für seine Sünde gestorben“ sei, ist für eine andere ihr „Verständnis von Jesus und Gott“ der Grund dafür gewesen, warum sie der Beziehung entkommen konnte.

          Kompliziert ist es besonders bei psychischer Gewalt, die keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Demütigungen, Erpressungen und Zerstörung des Selbstbewusstseins lassen sich oft erst im Nachhinein erkennen. „Er hat mich nie geschlagen“, taucht immer wieder in den Tweets auf. „Ich wünschte mir, dass er mich schlägt, damit man mir glauben würde, dass ich missbraucht werde“, beschreibt eine Frau ihre missliche Lage.

          Weil Männer alles ertragen können sollen

          Trotz der Tatsache, dass die meisten Beiträge von Frauen kommen, gestehen zum Teil auch Männer, Gewalt in der Beziehung erlitten zu haben. „Ich war in einer gewalttätigen Beziehung gefangen, weil Männer alles ertragen können sollen“, schreibt einer. „Sie war die Mutter unserer Kinder und ich wollte nicht, dass sie in einem zerrütteten Zuhause aufwachsen, so wie ich“, gibt ein anderer zu. „Häusliche Gewalt kennt kein Geschlecht“.

          In Deutschland haben rund 25 Prozent der Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch Beziehungspartner und -partnerinnen erlebt. Nach Angaben einer EU-weiten Studie von März dieses Jahres haben etwa acht Prozent der interviewten Frauen körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch Partner oder Partnerinnen erfahren, wobei Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren besonders gefährdet sind. 43 Prozent der Frauen waren einer Form psychischer Gewalt durch einen Partner oder eine Partnerin ausgesetzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zum Tod von Aretha Franklin : Königin der Macht

          Der Respekt, den sie 1967 einforderte, ist ihr sicher wie keiner Zweiten. Der Unterhaltungsmusik erschloss sie neue Dimensionen, mit ihr begann der moderne Soul: Zum Tod der amerikanischen Sängerin Aretha Franklin.
          Vertrackter Fall Sami A.: Tunesier demonstrieren Ende 2016 in Tunis gegen die Rückkehr von Dschihadisten ins Land.

          Fall Sami A. : Der Kampf um den Rechtsstaat

          Wer gedacht hat, dass die Düsseldorfer Landesregierung nach der Entscheidung des OVG Münster im Fall Sami A. klein beigibt, wurde am Donnerstag eines Besseren belehrt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.