http://www.faz.net/-gqz-75vdm

„Wetten dass ...?“ : Voll auf Quote

Keine Schleichwerbung für Gabelstapler: Markus Lanz fährt Assistentin „Cindy aus Mahrzahn“ (Ilka Bessin) ins Studio Bild: dapd

Relevanz kann man kaufen: Warum sich das ZDF um jeden Preis eine Sendung wie „Wetten, dass . . .?“ leisten will und wie es sich dabei in seinen widerstreitenden Interessen verheddert.

          Es war, wenn man die Größe eines Skandals nach der seiner Wirkung beurteilt, höchstens ein mittelgroßer Schock, den die Titelgeschichte des „Spiegels“ in dieser Woche verursachte: Besonders neu war sie jedenfalls nicht, die Nachricht, dass es Schleichwerbung gebe bei „Wetten, das . . .?“, oder hinter welchen juristisch korrekteren Begriffen man die Marketingexperimente der Show auch immer verbergen will. Gummibärchen auf dem Tisch, internationale Stars in deutschen Autos, Gewinnspiele und Sponsoren gehörten zur Show wie Thomas Gottschalk (der in der Sache derzeit nur seinen Anwalt sprechen lässt). Und welche Wirkung die vom „Spiegel“ enthüllten Geheimverträge hatten, in denen sich angeblich der Autohersteller Daimler durch erschreckend konkrete Regieanweisungen zusichern ließ, wie lange ein Auto zu sehen zu sein hatte, lässt sich tatsächlich nur schwer nachweisen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass die Empörung über die Zustände beim ZDF ein paar Tage später aber eher größer geworden ist, das ist vor allem den Reaktionen der Verantwortlichen zu verdanken. Sie nämlich scheinen zu glauben, auch sie könnten die Probleme schon dadurch aus der Welt schaffen, dass sie sich der allgemeinen Gleichgültigkeit anschließen. Die Vorwürfe des „Spiegels“ seien alt oder haltlos, so hieß es sinngemäß in einer ersten Stellungnahme, die Verträge kenne man nur als Entwurf, Gelder seien nur für Marketingrechte gezahlt worden, nicht für die Nennung von Markennamen in der Sendung - alles juristisch einwandfrei und legitim.

          Bad Bank der ZDF-Buchhaltung

          Sämtliche Probleme der „Kooperationspraxis“ habe man 2004 „nach einer kritischen Diskussion in der Öffentlichkeit und in den Gremien überprüft und geändert“, wobei man offensichtlich das Kunststück schaffte, die Kooperationen zu ändern, die Praxis aber beizubehalten. Heute würden Kooperationserlöse „ordnungsgemäß buchhalterisch erfasst und versteuert“ und im Abspann ausgewiesen, Problembewusstsein sieht anders aus. (Tatsächlich werden solche Einnahmen in der Jahresbilanz im Posten „Verwertungserlöse“ versteckt, zusammengerechnet mit Einnahmen aus dem Auslandsvertrieb der Programme oder aus Geräteabgaben.) Bemerkenswert ist auch das Instrument der Clearingstelle, die der heutige Intendant Thomas Bellut 2004 einführte, um gegen Schleichwerbung vorzugehen. Schon deren Existenz scheint Schleichwerbung performativ unmöglich zu machen: „Schleichwerbung ist im ZDF-Programm durch die Clearingstelle ausgeschlossen“, sagte Bellut in einem „Zeit“-Interview. Man kennt ja die mächtigen Effekte solcher Institutionen: Seit es Gerichte gibt, ist das Verbrechen bekanntlich so gut wie ausgerottet.

          Weltstars fürs Quoten-Popcorn: Denzel Washington am vergangenen Samstag in Offenburg
          Weltstars fürs Quoten-Popcorn: Denzel Washington am vergangenen Samstag in Offenburg : Bild: dpa

          Das Schlimme ist: Vermutlich hat das ZDF tatsächlich jeden Grund, einer juristischen Auseinandersetzung gelassen entgegenzusehen. Sogar der Fall aus der „Wetten, dass . . .?“-Sendung im November 2007, in der Thomas Gottschalk ein „wunderschönes“ Auto präsentierte, das „frisch mit dem Goldenen Lenkrad ausgezeichnet“ war, ist für das ZDF allenfalls auch „grenzwertig“, weil es bei Gewinnspielen erlaubt sei, „auch positive Eigenschaften des Preises hervorzuheben, um den Lesern oder Zuschauern einen Anreiz zur Teilnahme zu geben“. Wer aber all die spitzfindigen Begründungen hört, mit welchen der Sender seine Kooperationspraktiken rechtfertigt, wird das Gefühl nicht los, dass sich die Werbeabteilung des ZDF in all den rechtlichen Grauzonen gar nicht so unwohl fühlt. Wenn jedenfalls im Sommer der Vertrag mit Christoph Gottschalks Firma „Dolce Media“ ausläuft, die jahrelang so etwas wie die moralische Bad Bank der ZDF-Buchhaltung war, dann kann man das wohl auch deshalb beruhigt tun, weil man längst auch in Mainz weiß, wie man Kooperationsverträge wasserdicht macht.

          Weitere Themen

          „Der Ball liegt bei den Russen“

          Paralympischer Sport : „Der Ball liegt bei den Russen“

          Andrew Parsons ist Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees. Im F.A.Z.-Interview spricht er über russischer Sportler bei den Winterspielen, Nordkorea und die Zukunft des Para-Sports.

          Söder spricht nach Abschluss der CSU-Klausur Video-Seite öffnen

          Livestream : Söder spricht nach Abschluss der CSU-Klausur

          Nach dem Abschluss der Klausur der CSU-Landtagsfraktion im Kloster Banz treten Markus Söder und der Fraktionschef Thomas Kreuzer vor die Presse. Verfolgen Sie ihre Statements hier ab etwa 12.30 Uhr im Livestream.

          Topmeldungen

          Eine Diskussionsveranstaltung zu den Berliner Studentenunruhen hinter dem Bockenheimer Studentenhaus in Frankfurt.

          Fünfzig Jahre nach 1968 : Die Zeiten konnten nicht finster genug sein

          Vom Familienrecht bis zur öffentlichen Dauerentrüstung: Wer sich heute über das „versiffte links-rot-grüne 68er-Deutschland“ ereifert, übersieht, wie viel er in der eigenen Lebensführung jenen Protesten verdankt. Ein Kommentar.
          In Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) hat Sturm „Friederike“ ein Schild umgeworfen.

          Wetter zu verkaufen : 236,81 Euro für „Friederike“

          Ob Kyrill, Burglind oder Friederike: Ein Berliner Institut verkauft die Namen der Hoch- und Tiefdruckgebiete, die das Wetter in Europa beeinflussen. Auch prominente Paten sind dabei.
          Der A380 ist das größte Passagierflugzeug der Welt.

          A380 : Fluggesellschaft bestellt den Riesen-Airbus

          Rettung für den Airbus A380: Die Fluglinie Emirates ordert 36 Maschinen des größten Passagierflugzeugs der Welt. Von Airbus kommt nun eine optimistische Ansage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.