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„Wetten, dass ..?“ im ZDF Gerührt, nicht geschüttelt

04.12.2011 ·  Thomas Gottschalk verabschiedet sich ganz prosaisch vom Zweiten. Seine letzte Sendung, in der ihn Iris Berben ans Sofa ketten wollte, zeigt deutlich: Das ZDF hat jetzt ein Problem.

Von Michael Seewald
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© dpa Abschiedsgast: Günther Jauch (links) mit Thomas Gottschalk

Ganz am Schluss hat er es dann geschafft. Thomas Gottschalk hat in seiner 151. und letzten Sendung von „Wetten, dass ..?“ den Beweis angetreten, dass Quote und Qualität doch nichts miteinander zu tun haben. Mit einem Marktanteil von 46 Prozent und genau 14,73 Millionen Zuschauern deklassierte er in seinem Finale den alten Widersacher Dieter Bohlen mit dem „Supertalent“ bei RTL ganz lässig. Die RTL-Show hatte nicht einmal fünf Millionen Zuschauer. Sollte Gottschalk angesichts dessen nicht vom Rücktritt zurücktreten?

Iris Berben will ihn ans Sofa ketten

Er sollte nicht. Denn selbstverständlich lebte der Abschied von den persönlichen Schwachheiten der Protagonisten. Es war, als wär der Backstage-Blick, den das ZDF schon von 19.25 Uhr an für seine Zuschauer freigegeben hatte, bis zum Ende um 23.17 Uhr durchgehalten worden. Gottschalk verzichtete erstmals seit einem Jahrzehnt auf seine Kärtchen, die ihm sagen, mit wem er da gerade spricht und wie die Wette aussieht. Die Redaktion hatte es ihm aber auch leicht gemacht. Denn sie schickte Gottschalk nur Gäste in den Saal, die schon so oft da waren, dass er sie eigentlich langsam kennen müsste, wie zum Beispiel Iris Berben, die ihn schon mehr als zehn Mal behelligte und zum Abschied Handschellen mitbrachte: Sie wolle ihn damit ans Sofa ketten. Er solle doch bitteschön weitermoderieren.

Iris Berben provozierte den Showmaster auch zu einem kleinen, wahren Einblick in seine quotengebeutelte Seele: „Ach viel lieber wär mir, ich könnte Millionen Zuschauer vor den Fernseher ketten.“ Die traurige Wahrheit des Abschieds hat also wenig mit dem Unfall des schwerverletzten Wettkandidaten Samuel Koch zu tun. Es geht um die Quote, um die Frage, ob „Wetten dass ..?“ am Samstagabend für das ZDF Zuschauer in zweistelliger Millionenzahl anzieht.

Gottschalk kann auch schüchtern sein

Dann schickte die Redaktion einen Großen, den Gottschalk auch privat aus der Ferne anhimmelt, wie er dem überraschten Basketballspieler Dirk Nowitzki verriet, der seinen Rückflug nach Dallas extra einen Tag verschoben hatte, um Gottschalk seine Aufwartung zu machen: . „Ich dachte, du siehst mich, ich saß ganz weit oben bei eurem Spiel in Los Angeles“, sagte Gottschalk, und dass er sich nicht getraut habe, zu dem berühmten Deutschen ans Spielfeld zu eilen. Auch eine Erkenntnis der letzten Sendung: Gottschalk ist in fremder Umgebung sogar schüchtern.

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© dpa Thomas Gottschalk geht, Michelle Hunziker bleibt wohl

Dann hatten sie ihm noch einen ganz Kleinen geschickt, der Musik macht und bei dem Gottschalk auch schon privat in Miami zum Frühstück war: Lenny Kravitz. Ein musikalischer Gast, der, wie so viele, die Gottschalk in seine Show holte, den Zenit seiner Karriere überschritten hat (Oasis kamen auch erst, als sie keiner mehr hören wollte). Assistentin Michelle Hunziker machte das mit einer ungeschickten, aber ehrlichen Bemerkung deutlich. Sie sei als Kind in der Schweiz in alle Kravitz-Konzerte gegangen - der Gast war peinlich berührt

Michelle Hunziker ist einfach überdreht

Für Michelle Hunziker war es ohnehin ein bitteres Finale. Sie scheiterte an allen Fronten. Ein auswendig gelerntes Gedicht mit simplen Reimen brachte sie nicht zu Ende. Eine Torte verteilte sie so ungeschickt, dass Nowitzki darum bat, das selbst in die Hand nehmen zu dürfen. Bei ihr war an diesem Abend alles zu: zu laut, zu hysterisch, zu stark geschminkt, zu aufgesetzt das Lachen, kurz: zu unecht. In dieser Verfassung dürfte sie keine Chance auf die Fortsetzung der Karriere im Samstagabendprogramm des ZDF haben.

Aber bleiben wir bei der Gästeparade. Auch den nuschelnden, neuen „Tatort“-Kommissar Til Schweiger hatte die Redaktion ihrem Moderator zum letzten Auftritt spendiert. Auch Schweiger ist einer der Rekordgäste, sogar amerikaaffin und deshalb für Gottschalk auch ohne Kärtchen zu identifizieren. Aber schon der Name der hübschen jungen Frau, die Schweiger „beigeschleift“ hatte, um Gottschalk zu zitieren, interessierte diesen nicht wirklich. Starlet Jessica Biel wurde auch schon mal von ihm als Jennifer apostrophiert. Aber dass sie mal mit Justin Timberlake . . ., das wusste er wieder. Seine Nachfrage rügte sie: „Ich dachte, wir reden hier über meinen Film.“ Wie langweilig, mag Gottschalk gedacht haben und war für kurze Zeit wirklich schlecht gelaunt.

Karl Lagerfeld kleidet Gottschalk neu ein

Dann schickte die Redaktion Gottschalk ein Markenzeichen auf zwei Beinen. Karl Lagerfeld, der einzige Modeschöpfer, der wie seine eigene Karikatur durchs Leben näselt, brachte einen eigenhändig gemalten Entwurf eines Gottschalk-Outfits mit und den Zuschauern die Erkenntnis, dass Lagerfelds Mischung aus Intelligenz, Arroganz und innerer Freiheit (auch während der Sendung zu reden, mit wem man will) die einzige Möglichkeit ist, „Wetten dass …?“ aus dem Gefängnis der Promotion-Show zu holen.

Und dann war da noch Günther Jauch. Ihn kennt Gottschalk nun schon von Jugend an. „Ein Freund“, wie er Jauch schlicht vorstellte. Der revanchierte sich mit der Schilderung der Begeisterung für dessen erste Radiosendungen: Wie er gar nicht mehr seinen VW-Käfer verlassen wollte, nur weil er Gottschalks Radiosendung so spannend fand. „Du hast mich in die Unterhaltung reingequatscht“, sagte Jauch, Gottschalk spielte die beleidigte Leberwurst – dafür habe ihn sein Freund inzwischen quotenmäßig abgehängt. Dass er seinem Freund Günther in einer nur scheinbar plötzlichen Volte den Antrag machte, doch bitte „Wetten, dass ..?“ zu übernehmen, war vielleicht zu viel des Guten. Der Freund erbat sich einen Tag Bedenkzeit.

Wer soll es jetzt machen?

Aber wer soll es jetzt machen? Beim Warm Up hatte Thomas Gottschalk einem kleinen Jungen erklärt, wie leicht „Wetten, dass ..?“ zu moderieren sei: „In Wirklichkeit kann das jeder. Von rechts kommen die Stars, links die Wetten und wenn du nicht weißt, wie es weitergeht, rufst Du einfach Tante Michelle.“ Aber die letzte Sendung offenbarte, dass da auch so ziemlich alles ausgereizt ist. Einen etwas wirren Meat Loaf, der verzweifelt CDs in die Kamera hält, braucht niemand, und die Wett-Kandidaten, die Gottschalk in seiner Abschiedsansprache als das Herzstück der Sendung bezeichnet, haben inzwischen auch selbstreferentiellen Charakter. Er habe bei der letzten Sendung zwei alte Wetten gesehen und daraus eine neue entwickelt, sagte der fünfzehnjährige Schweizer, der mit der Zunge 120 Teelichter löschte.

Und dann war da auch noch Nadine, die, um ihrem Idol endlich nahe zu sein, alle Gottschalk-Outfits den vergangenen Sendungen zuordnen konnte und zur Belohnung einen Kuss auf den Mund bekam, gleich nach dem Geständnis, mit ihm durchbrennen zu wollen. Weniger ängstliche Naturen als Gottschalk hätten vermutlich den Stalker-Paragraphen zitiert. Bei Gottschalk aber schafft man es so aufs Wettparkett der letzten Show. Den letzten Audi entführte dann eine Turngemeinschaft, die auf zwei Quadratmetern saltoweise fünfzig Körper unterbrachte. Sah nicht ganz ungefährlich aus, wie auch der Freiluftwettbewerb zwischen Mountainbike und Snowboard auf der Skipiste in Ischgl – von Außenreporter Olli Dittrich eher uninspiriert kommentiert. Auch kein Nachfolgekandidat.

„Es war eine tolle Zeit“

„Für meine Legende wäre es natürlich besser, wenn die Sendung mit mir enden würde“, hatte Gottschalk noch am Tag vor der Sendung freimütig bekannt. Vielleicht sollte man ihm die Legende gönnen. Die Epoche von „Wetten, dass ..?“ ging gestern unwiderruflich zu ende. Wolfgang Lippert, auch das sah man gestern deutlich, war und ist nie eine Alternative gewesen, Bastian Pastewka und Anke Engelke erklärten in einem irrwitzigen Einspieler ihren Verzicht.

In seinem Dank für eine „tolle Zeit“ am Schluss der Show gab Gottschalk dann doch zu, dass ein Aufhören ohne zu wissen, dass für ihn persönlich etwas weitergeht, ihn in ein tiefes Loch hätte fallen lassen. So aber wird er – ohne Publikum im Saal – von Januar an täglich den ARD-Vorabend bereichern. Gottschalk wirkte ein wenig gerührt, aber nicht geschüttelt bei seinem Abschied. „Danke Tommy“ blendete das ZDF in Leuchtschrift ein. Er hat sich übrigens beim ZDF mit keiner Silbe bedankt. Und geweint hat auch niemand. „Gute Nacht. Es war eine tolle Zeit.“ Eben!

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