Es gibt Tage, an denen Andrew Ross seine Arbeit nur halbherzig macht. So ein Tag war etwa der 10. Dezember 2010, als dem inhaftierten chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo in Abwesenheit der Friedensnobelpreis verliehen wurde und Ross, wie er sagt, „Schrott“ redigieren musste. Den „Schrott“ nämlich, den Chinas Führung den Journalisten der Staats- und Parteimedien in den Block diktiert hatte.
Sätze wie: „Chinas Menschenrechtsexperten erklärten, dass verantwortungsvolle internationale Institutionen ihre Handlungen im Interesse einer friedlichen Weltordnung abwägen sollten, anstatt einer Mentalität des Kalten Krieges anzuhängen.“ So formulierte es die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua in ihrem englischsprachigen Dienst. Wer die vermeintlichen Menschenrechtsexperten waren, blieb unerwähnt.
Sie sollen Chinas Stimme hörbar machen
In allen Pekinger Staatsmedien hätten sich die westlichen Redakteure an jenem Tag ähnlich verhalten, sagt Ross. „Sie redigierten die Texte gerade so weit, dass sie den Minimumstandard an korrektem Englisch erfüllten.“ Das komme häufiger vor: „Wenn man sich nationalistische Exzesse in chinesischen Medien anschaut, sind sie fast immer in schlechtem Englisch geschrieben, weil niemand sich die Arbeit macht, sie zu verbessern.“ Erkennen kann man das zum Beispiel an kruden Überschriften oder an doppelten Ausrufezeichen in vermeintlichen Meldungen.
Ross, der in Wirklichkeit anders heißt, ist einer von Hunderten westlichen Journalisten, die in den englischsprachigen Ausgaben der chinesischen Staats- und Parteimedien arbeiten. Allein in der Parteizeitung „China Daily“ sitzen etwa sechzig sogenannte Polisher, deren Aufgabe darin besteht, die englischen Texte chinesischer Journalisten in eine Form zu bringen, die dem westlichen Leser zugänglich ist. Aus Verlautbarungen sollen sie Meldungen machen. Seit 2009 hat China seine Auslandsmedien als Teil einer Soft-Power-Initiative systematisch ausgebaut, um - wie es offiziell heißt - „Chinas Stimme“ gegen die Dominanz westlicher Medien hörbar zu machen. Inzwischen gibt es zwei englischsprachige Fernsehsender, die - ausgestattet mit viel Geld - immer neue Büros auf fernen Kontinenten eröffnen. Auch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua lässt keinen Zweifel an ihren Ambitionen: Für ihre Amerika-Zentrale mietete sie eine ganze Hochhaus-Etage auf dem Broadway an, in der Nachbarschaft von Reuters und der „New York Times“. Das Parteiorgan „Volkszeitung“ bekam mit der „Global Times“ einen englischsprachigen Ableger. Die „China Daily“, Chinas älteste englischsprachige Tageszeitung, betrieb einen aufwendigen Relaunch. In all diesen Medien entstanden Jobs für westliche Journalisten.
Der Journalismus geht dahin, wo die Jobs sind
Anfangs gab es kaum qualifizierte Bewerber dafür. Es waren Briten, Amerikaner, Kanadier oder Australier, die nach China gekommen waren, um Chinesisch zu lernen. Ihre wichtigste Qualifikation war die englische Muttersprache. Entsprechend war die Qualität.
Inzwischen ist das anders: „Das Zeitungssterben im Westen führt dazu, dass es eine Menge guter Leute gibt, die Arbeit suchen. Das wissen auch die Chinesen“, sagt der Amerikaner James Palmer. Er arbeitet für die „Global Times“ und ist als einziger der befragten Redakteure bereit, seinen richtigen Namen zu nennen. In seiner Heimat sei „das Ausmaß der Verzweiflung“ unter Journalisten so groß, dass viele Kollegen ihn um seinen krisenfesten und gutbezahlten Job beneideten. Kritik an seiner Arbeit im chinesischen Propagandaapparat hört der Amerikaner immer seltener. „Ich glaube, die meisten Leute haben erkannt, dass der Journalismus dorthin geht, wo die Jobs sind.“ Als Beispiel berichtet er von einem amerikanischen Kollegen, Mitte fünfzig, der seinen Hauskredit nicht mehr bedienen konnte, weil seine Zeitung schließen musste.
Die englischsprachigen Publikationen und Sender sind deutlich weniger parteiisch und nationalistisch als ihre chinesischen Muttermedien. Viele der chinesischen Mitarbeiter sehen sich deshalb als direkte Konkurrenz zu westlichen Medien. Mit Abstrichen. „Sie wären alle gern ,Al Dschazira’, aber das ist zum Scheitern verurteilt“, sagt Jason Keller, ein Kanadier, der für Xinhua arbeitet. „Sie sind gefangen in dem Widerspruch, glaubwürdig sein zu wollen und gleichzeitig kontrolliert zu werden.“
Mit Ironie die Zensur unterlaufen
Und die westlichen Journalisten? Was heißt es für sie, gelenkte Berichterstattung zu betreiben? „Ich empfinde die Zensur nicht als sonderlich frustrierend“, sagt Keller. „Das tun nur Leute, die es persönlich nehmen und nicht erkennen, dass ihre chinesischen Vorgesetzten den gleichen Zwängen unterliegen.“ Es sei besser, „peinliche Gespräche“ zu vermeiden.
Zwanzig Prozent der Texte, die er redigiere, seien wirkliche Nachrichten, schätzt er. „Der Rest sind Pressemitteilungen der Regierung.“ Für Keller ist das kein Problem. Er hat früher als Sachbearbeiter in der kanadischen Regierung gearbeitet. „Jetzt mache ich das Gleiche für eine andere Regierung.“
Andere versuchen, mit subtilen Mitteln die Zensur zu unterlaufen. „Chinesen verstehen keine Ironie“, sagt Claire Bradshaw von der „China Daily“. Zum Beispiel titelte ihre Zeitung im September 2011, in Amerika sei eine „Mediensperre“ gegen die Berichterstattung über die Occupy-Wall- Street-Bewegung verhängt worden. Der Begriff aus der Sprache der Diktatur brachte der Zeitung Hohn und Spott ein.
Die chinesischen Kollegen meiden sie
Weil Auseinandersetzungen über Inhalte kaum möglich sind, kämpfen manche Westler an anderer Front, um sich ihr Selbstwertgefühl zu erhalten. „Ich habe viel über Grammatik gestritten, weil sie dachten, dass sie es besser wüssten“, sagt Tim Fisher fast empört. Häufig würden sprachliche Änderungen, die er vorgenommen habe, wieder rückgängig gemacht. „Das ist eine Beleidigung, warum bin ich dann überhaupt hier?“, fragt der Amerikaner, der die „Global Times“ inzwischen verlassen hat. Die Fluktuation unter den „Polishern“ ist groß. Auf elf Monate schätzt „Beijing Review“-Mitarbeiter Brian Steward die durchschnittliche Verweildauer.
Auch die chinesische Seite zieht kurze Einsätze der Ausländer vor. Es gibt eine unausgesprochene Regel, dass westliche Journalisten nur zwei, drei, höchstens fünf Jahre beschäftigt werden. „Damit sie nicht zu viel Einfluss gewinnen“, sagt Steward.
Die meisten chinesischen Redakteure gehen ihren westlichen Kollegen aus dem Weg, um nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Ich habe kein Problem damit, allein essen zu gehen“, sagt die Engländerin Bradshaw. „Aber es fühlt sich nicht gut an, in einem Raum mit zweihundert Leuten zu sein, von denen niemand neben dir sitzen will.“ Gespräche gebe es trotzdem: heimlich über Kurznachrichtendienste im Internet.
Angeheuert mit vollmundigen Versprechungen
„Wir gegen die“, so sei die Stimmung in seiner Redaktion, sagt der Amerikaner Steward. „Deshalb habe ich mir die Haltung zugelegt: Das ist ihre Zeitschrift, ich bin hier nur Gast. Ist mir doch egal.“ Die chinesischen Auslandsmedien sind angetreten, die Kommunikation mit dem Westen zu verbessern - und scheitern schon in der eigenen Redaktion.
Dabei gab es anfangs viele, die dachten, Chinas internationale Medienoffensive werde das System von innen reformieren. „Ich war wirklich enthusiastisch“, sagt der Amerikaner Fisher, der bei der Gründung der „Global Times“ im April 2009 dabei war. Er sei mit vollmundigen Versprechungen von offeneren Medien angeheuert worden und habe gedacht, er könne Themen setzen, Formate vorschlagen und die einheimischen Kollegen fortbilden. Stattdessen bestand seine Aufgabe darin, Texte aus schlechtem Englisch in gutes Englisch zu übertragen. Nun tröstet er sich mit einem Eintrag in seinem Lebenslauf. „Eine Zeitung mit einer Auflage von einer halben Million, das sieht gut aus“, glaubt Fisher. „Vor allem in den Augen von Amerikanern, die nichts über chinesische Medien wissen.“
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