31.08.2011 · Westerwelle taumelt dem politischen Aus entgegen, Philipp Lahm bewegt die Gemüter der Fußballkenner. Beide Fälle haben etwas gemeinsam: Sie sind Medienohnmachtsanfälle.
Von Jürgen KaubeUnerhört, sie treten einfach nicht zurück. Obwohl es doch die Medien ganz entschieden gefordert haben und zwar um so lauter, je weniger Wirkung es zu haben scheint. „Es ist vorbei“, titelt Spiegel-Online über den Minister, obwohl es noch gar nicht vorbei ist. Der Kapitän sei unwürdig, heißt es allerorten, habe sich unmöglich gemacht, das Vertrauen der Mitspieler missbraucht, obwohl sonst bisher gar keine Spieler, sondern nur Ex-Spieler so etwas sagen. Es ist einstweilen ein klarer Beweis für Medienohnmacht oder für Mediengebrauchsohnmacht, Medienmachtanmassungsohnmacht: Guido Westwelle (FDP) und Philipp Lahm (FC Bayern München) treten einfach nicht zurück.
Um nun gleich einem naheliegenden Reflex vorzubeugen: Die Fälle liegen unterschiedlich. Das eine – der Außenminister mit seinen merkwürdigen Libyen-Analysen und seinem mangelnden Gespür für das richtige Wort zu deren Irrtümern – ist ein ernster Vorgang. Es geht darum, wie die Regierung dasteht, wie sie es mit militärischen Einsätzen hält und wie sie Realitätsverluste verarbeitet. Das andere hingegen – der Rummel um den Nationalmannschafts-Kapitän, der ein harmloses und durchaus gar nichts enthüllendes Jugendbuch geschrieben hat, wofür er nun mit dem Vorwurf, illoyal zu sein, überzogen wird – ist eine Farce. Es geht allenfalls darum, ob Sportler mehr als jene Phrasen von sich geben dürfen, mit denen die Sportmoderatoren schon zufrieden sind.
Großes Ausmaß an Desinteresse
Das macht die Blindheiten der Berichterstattung im Fall Westerwelles zu einem Ärgernis. Die Behauptung hingegen ausgerechnet von Medienleuten, man veröffentliche als Fußballspieler keine Interna, das sei unanständig, es gelte im Profisport ein besonderes Gesetz der Ehre und so weiter – ist bloß unfreiwillig komisch. Nicht nur, weil es ja gar keine Interna gab.
Doch beide Fälle haben durch die Art, wie sie zu Fällen gemacht werden, auch etwas gemeinsam. Das Ausmaß des Desinteresses an der Sache ist beidesmal beträchtlich. Als die Bundesregierung bei den Vereinten Nationen sich in der Abstimmung über den Libyen-Einsatz enthielt, war es Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), der diese Position geradezu unwirsch verteidigte. Auch Angela Merkel (CDU) dürfte an der Entscheidung beteiligt gewesen sein. Und, wie man hört, haben diese Leute sogar Berater. Und Kriterien. Und Angst vor Blamagen.
Irrtümer werden zu Existenzfragen
Aber man fragt jetzt nicht, worauf die Fehleinschätzungen beruhten, die de Maizière unterdessen zugibt. Was selbst ja keine Information ist. Denn dass es Fehleinschätzungen waren, dazu bedarf es keiner Bestätigung des Ministers. Das sieht jetzt jeder.
Wenn es aber so ist, und viele – Portugal, Kolumbien, Gabun! – im Sicherheitsrat das Offensichtliche sahen, nämlich die stehende Mehrheit für einen Einsatz, die Zustimmung der Arabischen Liga samt der Organisation Islamischer Staaten, die Notwendigkeit, ein Massaker zu verhindern, die Chance, den Einsatz zu begrenzen, die Unterschiede zum Terrorregime Saddam Husseins – wenn das alles offensichtlich war, wieso hat es dann eine ganze Bundesregierung nicht gesehen? Wie viele Sachfragen ließen sich daran nicht anknüpfen: nach dem Programm der Außenpolitik, nach den Kräften in den Ministerien, dem militärischen Rat, nach dem taktierenden Stil der „bürgerlichen Mehrheit“, wie sie sich einst nannte, oder nach dem Analogiedenken im Völkerrecht. Und wenn man schon den Reflex zur Personalisierung in sich spürt, ließe er sich dann nicht verfeinern, um zu fragen, wie es die stärkste Person im Kabinett schafft, Stärke regelmäßig dadurch zu beweisen, dass ihre Irrtümer zu Existenzfragen für andere Politiker werden.
Der Preis der Stumpfheit
Dasselbe Desinteresse an der Sache im Fall Lahm. Wenn es denn ein Tabu im Fußball gibt, selbst über Ex-Trainer nichts mitzuteilen, läge es für Journalisten nicht nahe, nach der Funktion dieses Tabus zu fragen? Des Bundestrainers Wort, es stehe Spielern nicht zu, sich über Trainer öffentlich zu äußern – weshalb wird es nur apportiert und nicht zurückgefragt: Wieso denn? Weshalb darf jeder über Jürgen Klinsmann sagen, dass er kein großes Taktikgenie ist, außer denen, die es am besten wissen? Wieso erträgt das härteste Geschäft als Selbstbeschreibung nur Gemeinplätze, Eigenlob und Titanengequatsche, aber die biedere Abgeklärtheit eines Aktiven nicht einmal dann, wenn sie so verbindlich daherkommt wie bei Philipp Lahm? Aber nein, man mischt lieber mit, als sich zu wundern.
Medien personalisieren gern. Naiv, wer es ihnen ausreden wollte. Aber müssen sie es besinnungslos tun, auch um den Preis der Stumpfheit? „Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?“, hat einmal ein Journalist als Motto angegeben, der die Lacher meist auf seiner Seite und die Entrüsteten auf der anderen weiß. Recht wohl. Doch das Personalisieren, das gar nicht streiten, nur mitlaufen, moralisieren und Trophäen jagen will, ist gedankenfaul und fad. Gnade ihm, wenn ein schärferes Temperament als Philipp Lahm und Guido Westerwelle eines Tages zurückpersonalisiert und schreibt, was es so alles mit Reportern und Kolumnisten erlebt hat.
Sehr guter Kommentar
Gregor Keuschnig (GregorKeuschnig)
- 01.09.2011, 11:57 Uhr
glotzt nicht so personell
andreas götze (anda88)
- 01.09.2011, 06:27 Uhr
Die Saure-Gurken-Zeit
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 01.09.2011, 02:28 Uhr
danke!
hans meiser (hansmeiser42)
- 01.09.2011, 00:54 Uhr
Vielen Dank, Herr Kaube!
Nikolaus Klassen (NikolausKlassen)
- 01.09.2011, 00:52 Uhr