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TV-Film „Hirngespinster“ : Vater dreht durch

Mit flackerndem Blick: Hans Dallinger (Tobias Moretti) greift zur Axt. Bild: © BR/Christian Hartmann

Hans Dallinger leidet unter Verfolgungswahn. Sein Sohn Simon versucht, die Familie zu schützen. Ein eigenes Leben hat er nicht. Der Film „Hirngespinster“ zeigt eindrucksvoll, was eine psychische Erkrankung bedeutet.

          Sinn für Humor hat sich Simon Dallinger bewahrt. Dabei sind die Umstände seines Lebens nicht so, dass er etwas zu lachen hätte. Er versucht es trotzdem, nach dem Motto: „Irgendwer sagte mal, wenn du dem Wahnsinn entkommen willst, musst du ihm halt vorauseilen.“ Darum bemüht sich Simon Dallinger, doch entkommen kann er dem Wahnsinn nicht. „Ich werde bald dreiundzwanzig“, sagt er, „und ich lebe in einem Irrenhaus.“ Er könnte auch sagen: In meinem Haus lebt ein Irrer. Sein Vater leidet an Verfolgungswahn. In diesem Wahn verfolgt er alle, die mit ihm zu tun haben, und das ist vor allem seine Familie.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In der hat Simon (Jonas Nay) die Rolle des Mittlers und Beschützers übernommen. Er vermittelt zwischen seinem Vater Hans (Tobias Moretti) und seiner Mutter Elli (Stephanie Japp), die auch dann noch zu ihrem Mann hält, wenn der wieder einmal völlig ausrastet.

          Mittler und Beschützer

          Simon beschützt seine kleine Schwester Maja (Ella Frey), die den Schizophrenie-Attacken des Vaters hilflos ausgesetzt ist. Das ist Simons Leben. Er ist zweiundzwanzig, hätte längst mit dem Studium beginnen können, fährt aber lieber den Schulbus. Er bleibt auf Abruf, er will jederzeit zu Hause sein können, um das Schlimmste zu verhindern. Ein eigenes Leben, das hat er nicht.

          Das wird ihm umso schmerzlicher bewusst, als er sich in die Medizinstudentin Verena (Hanna Plaß) verliebt, die gerade im Krankenhaus jobbt. Das erste Date der beiden hat noch gar nicht richtig begonnen, schon stürzt Simon davon. Sein Vater hat die Satellitenantenne der Nachbarn vom Dach geholt und ist mit der Axt auf die Handwerker losgegangen. Nun lässt sich die Polizei, die Simon und seine Mutter zuvor noch abwimmeln konnten, auf keine Beschwichtigungen mehr ein. Hans Dallinger, der sich wehrt wie ein Berserker, wird festgenommen und eingewiesen.

          Gewonnen ist damit wenig. Der Wahnsinn bleibt, die Hoffnung, der Vater möge in seinen lichten Momenten erkennen, dass er krank ist und Medikamente nehmen muss, stirbt immer wieder. Wie sollte es auch Besserung geben, wie sollte Hans Dallinger begreifen, was mit ihm los ist? Aus seiner Sicht ist nicht er wahnsinnig, sondern sind es alle anderen. Alle sind hinter ihm her, alle sind gegen ihn, alle stecken unter einer Decke.

          Spielen Vater und Sohn: Tobias Moretti (links) und Jonas Nay.

          Was das für den Erkrankten bedeutet, vor allem aber für seine Nächsten, zeigt der Regisseur und Drehbuchautor Christian Bach in seinem Film „Hirngespinster“ sehr eindrucksvoll. Die Geschichte hat Bach nach den Schilderungen eines Freundes entwickelt. In dessen Lage versetzt sich im Film Jonas Nay mit seinem stets etwas ungläubigen Blick als Simon Dallinger, dessen Verzweiflung so weit reicht, dass er seiner Mutter vorhält, sie habe sich weder mit seinem Vater einlassen noch Kinder in die Welt setzen sollen. Wenn er selbst aus der Haut fährt, sieht man dem jungen Mann an, wie er vor sich selbst erschrickt und was er noch befürchtet: zu werden wie sein Vater. In acht von zehn Fällen sei das bei den Nachkommen psychisch Erkrankter nicht so, meint der Arzt. Beruhigend klingt das nicht.

          Den psychotischen Vater Dallinger spielt Tobias Moretti mit einem leichten Flackern in den Augen. Er schaltet es ein, wenn er in der Rolle des Architekten am Zeichentisch sitzt oder das Modell des aufsehenerregenden Gebäudes betrachtet, für das er tatsächlich einen Preis gewinnen wird. Moretti schaltet den irren Blick aus, wenn Vater Dallinger einen klaren Moment erlebt, wenn er sieht, was er an seiner Familie hat, und zeigt, was für ein Mensch er sein könnte. Für ihr Spiel sind Jonas Nay und Tobias Moretti sehr zu R echt mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden.

          Mit dem hätte man auch Christian Bach bedenken können. Denn ihm gelingt es, den ganz normalen Wahnsinn darzustellen, der den Alltag von Menschen beherrscht, die einander zugetan sind und mit einer solchen Krankheit leben müssen. „Wer hin und wieder den Verstand verliert, der hat wenigstens einen“, stellt Simon Dallinger schließlich fest. Und findet sein eigenes Leben.

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