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Weltkriegsgedenken auf Arte : Jede Szene findet eine Parallele beim Feind

Immer tiefer hinein in die Urkatastrophe: Der k.u.k. Soldat Karl Kasser (David Oberkogler) durchquert einen Sumpf. Bild: NDR/Looks Film/Jürgen Rehberg

Die Tagebücher von vierzehn Menschen montiert der Regisseur Jan Peter zu einem einzigartigen Zeugnis des Ersten Weltkriegs. Das ist packend und anrührend und wahr - ein Meilenstein für das europäische Fernsehen.

          Den Anfang macht der Fortschrittsoptimismus der unmittelbaren Vorkriegszeit. Menschen in Bewegung sieht man, Flugzeuge, Frauen auf Fahrrädern, Rollschuhläufer, die Welt schien so leicht werden zu wollen. Dann beginnen in einem südrussischen Dorf plötzlich alle Glocken zu läuten. Der Vater von Maria Yurlova ist ein Oberst der Kosaken, er zieht in den Krieg, das vierzehnjährige Mädchen folgt ihm auf eigene Faust und wird Kindersoldatin. Am Ende des zweiten Teils hört man die tierischen Schreie der Verwundeten.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese acht Folgen von szenisch aufbereiteten Tagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg sollte man nicht versäumen, so ungewöhnlich gut sind sie. Jan Peter entwickelte die Idee und führte Regie. Von vierzehn Menschen - älteren und sehr jungen, Männern und Frauen - aus Europa und Russland hat man zusammenhängende Aufzeichnungen benutzt, viele weitere kommen mit kürzeren Auszügen zu Wort, sogar eine japanische Krankenschwester, die sich freiwillig nach Liverpool aufmachte.

          Man kann bei solchen Sendungen nach dem „Narrativ“ fragen, nach dem mehr oder weniger unausdrücklichen Erzählsinn. Der ist, ohne Übertreibung gesagt, revolutionär, jedenfalls für die Verhältnisse des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Was dem Autor und Regisseur Jan Peter vielleicht erst im Laufe der Arbeit an dem Projekt klar wurde und was die Filmfolge nun überzeugend einlöst, ist die Ähnlichkeit, ja fast der Gleichklang all dieser Stimmen.

          Dem österreichischen Bauern Karl Kasser (David Oberkogler) wird ganz „schwer ums Herz“ als es an die Front geht.

          Jede der Szenen findet eine Parallele im Feindesland. Die Menschen dort empfinden ja kaum anders. Sie fürchten - und dämonisieren - den Feind. Sie gehen teils mit ungeheurem Idealismus in die Schlachten, teils nehmen sie weinend und mit Todesahnungen Abschied wie der Kosak, teils sind sie von Beginn an skeptisch, es ist ihnen, wie dem österreichischen Bauern Karl Kasser, „schwer ums Herz“, ein Franzose schildert den „traurigen Tag“, als es an die Front geht, und was am Ende nach den furchtbarsten Desillusionierungen angesichts des technischen Krieges bleibt, ist schlicht: Tapferkeit. Und, so merkwürdig es klingen mag: Menschlichkeit. Es gibt sie auf allen Seiten.

          So könnte man nun von einer endlich erreichten europäischen und historisch aufgeklärten Sicht sprechen, für die Jan Peters Filme einen Meilenstein bedeuten. Alle sind überzeugt, die Angegriffenen zu sein, sagt die Kommentarstimme einmal, und alle hätten scheinbar gute Gründe vorbringen können. Nach den Schüssen von Sarajevo, so hört man und staunt nun doch über Peters aktualisierende Kühnheit, wollten die Österreicher einen „Krieg gegen den Terror“ führen. Der Ausbruch der Kampfhandlungen wird als ein Tag geschildert, auf den die Generäle „aller Seiten“ hingearbeitet hatten.

          Wenn man den Kopf auf den Boden legte, spürte man die Erde zittern vom Artilleriebeschuss: In Posen lebt Elfriede Kuhr in der Furcht vor den Russen.

          Und wie im Großen, so ist auch im Kleinen alles im Stil strenger Entsprechung und Spiegelung gebaut. Der Junge Yves Congar, in Sedan lebend, zehnjährig, vertraut dem Tagebuch seine Gedanken über die deutschen „Unmenschen“, „Barbaren“ und „Hunnen“ an, in Posen lebt die zwölfjährige Elfriede Kuhr in der Furcht vor den andringenden Russen, die erst bei Tannenberg zurückgeschlagen werden. Wenn man den Kopf auf den Boden legte, spürte man die Erde zittern vom Artilleriebeschuss.

          Um noch einmal auf die „Hunnen“ zu kommen: Deutsche Kriegsverbrechen beim Vormarsch durch Belgien leugnet der Film nicht, aber er macht auch deutlich, warum sie von der britischen Propaganda so maßlos zur schwarzen Legende von den abgehauenen Kinderhänden vergrößert wurden: Die Briten hatten keine Wehrpflicht, um Freiwillige musste mit drastischen Mitteln geworben werden. Stimmig werden die Tagebücher in eine Chronologie des Krieges und eine Geographie der Schauplätze eingebaut.

          Gilt der erste Teil den unmittelbaren Reaktionen der Menschen, so hat der zweite das übergreifende Thema der Verwundungen. Elfriede Kuhr wird in den Verwundetenzügen in Schneidemühl tätig, die Britin Gabrielle West in Lazaretten in unmittelbarer Frontnähe. Aber Vorsicht: Der zweite Teil mit Verbrannten und Verstümmelten, am Gas Erblindeten oder wahnsinnig Gewordenen ist nichts für Kinder. Das ist so ins Bild gesetzt, dass selbst der erwachsene Zuschauer erschrickt - und doch ist es kein Gewaltvoyeurismus. Sachhaltige Analyse der medizinischen Versorgung im Krieg steht im Vordergrund. Wie überhaupt in diesem Film die Sachen sprechen - und die Menschen.

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