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Der Schauspieler und Historiker John Nettles : Welches Buch würden Sie auf einer Insel schreiben?

John Nettles im Gespräch über sein Buch Bild: Eilmes, Wolfgang

Den Schauspieler John Nettles kennt alle Welt als „Inspector Barnaby“. Doch er ist auch Historiker. In einem Buch beschreibt er, wie es den Kanalinseln unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg erging.

          Wenn es stimmt, dass Menschen in einem bestimmten Alter zu ihren Anfängen zurückfinden, ist John Nettles wieder ein junger Mann. Vierzehn Jahre lang hat der britische Schauspieler „Inspector Barnaby“ verkörpert, vor vier Jahren hat er die Serie verlassen. Nun klappt der inzwischen siebzigjährige Nettles sein Buch auf, das er über die britischen Kanalinseln unter deutscher Besatzung geschrieben hat, steckt die Nase tief zwischen die Seiten, atmet ein und sagt mit einem Lächeln: „Das ist, wie nach Hause zu kommen.“ Nicht nur, weil er Historiker war, bevor er auf die Bühne und vor die Kameras wechselte. Die frischen Buchseiten, erklärt er, und die Falten um seine blauen Augen glätten sich dabei, riechen nach weißem Ton. Nettles ist in Cornwall aufgewachsen, in einer Bergbaugegend voller Tongruben, unter einfachsten Verhältnissen, wie er sagt, als adoptiertes Kind, ein „child of the clays“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber darüber wollte er eigentlich gar nicht sprechen. Vielmehr ist Nettles nach Frankfurt gekommen, um auf der Buchmesse besagtes Buch mit dem Titel „Jewels and Jackboots“ (Juwelen und Knobelbecher, Channel Island Publishing, 14 Euro) vorzustellen, das auf einer Dokumentation fußt, die er für die BBC gemacht hat. Aber weil in seinem Leben alles mit allem zusammenhängt, wird ein Gespräch daraus über den Weg des Kinds aus dem Lehm bis in den Buckingham Palast, wo Königin Elisabeth II. ihm den „Order of the British Empire“ verlieh.

          Schon als Geschichtsstudent an der Universität von Southampton hatte der 1943 geborene Nettles die Schauspielerei für sich entdeckt. Shakespeare war seine Welt, das klassische Theater. „Ich wollte der neue Laurence Olivier werden“, sagt er, das habe leider nicht geklappt, er bedauere das wirklich. Aber um als Bühnendarsteller richtig gut zu werden, brauche es vor allem Zeit, und die habe er bald anders verbracht. 1981 klingelte das Telefon. Ein Angebot, ein Drehbuch, das ihm gefiel, und John Nettles wurde Fernsehpolizist. Es sollte seine Berufung werden.

          So kennt man ihn besser: Nettles als Inspector Barnaby

          „Zehn wundervolle Jahre“ habe er als Jim Bergerac in der BBC-Serie um diesen „unmöglichen Ermittler“ verbracht, sagt Nettles, herrlich sei das gewesen, Faustkämpfe an Steilklippen, Romantik vor glühenden Sonnenaufgangshimmeln, ein Held in Lederjacke mit hochgestelltem Kragen, der mit seinem Oldtimer von Tatort zu Tatort auf der gerade wenige Quadratmeilen großen Insel mit dem Golfstromklima braust. „Das funktionierte nur in den achtziger Jahren“, sagt Nettles. Doch eine zeitlose Wahrheit habe er damals begriffen: Wer eine erfolgreiche englische Fernsehserie produzieren will, muss sie nur an die Küste verlegen. Das liebten die Leute einfach, da könne fast nichts mehr schiefgehen.

          Nettles avancierte rasch zu einer Art touristischem Maskottchen der Kanalinseln. Schon damals faszinierte ihn der Zusammenprall von Inselbeschaulichkeit und dem Erbe der Besatzungszeit. Nachdem die deutsche Wehrmacht die vier Kanalinseln Jersey, Guernsey, Alderney und Sark 1940 besetzt hatte, baute sie diese bis Ende des Krieges zu Festungen aus. Überall entstanden Bunker, Tunnels, Militäranlagen. Der Zweite Weltkrieg ist auf den Inseln, die heute etwa 160 000 Einwohner zählen, allgegegenwärtig. „Doch als ich Bergerac spielte, sprach man nicht weiter darüber“, erinnert sich Nettles. Die Erinnerung an die Schmach der Besatzung sei unter den Teppich gekehrt worden.

          Auch er hatte noch keine Ambitionen, unter diesen Teppich zu schauen. Das gespielte Leben war spannender als das wirkliche. Nettles wurde Mitglied der Royal Shakespeare Company, und wenn er von diesen fünf Jahren erzählt, werden seine Gesten größer und seine Diktion wird noch eine Spur klarer, als sie es ohnehin schon ist. Diese Dramen, an deren Ende fast alle tot sind, diese menschlichen Abgründe - Nettles ist in seinem Element. Aber seine Begeisterung wird stets von einem Augenzwinkern gebrochen. Besonders, wenn es darum geht, dass John Nettles als DCI Tom Barnaby für Millionen Menschen weltweit zum Inbegriff der britishness wurde.

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