http://www.faz.net/-gqz-8zbs1

Datenweitergabe durch Whatsapp : Meine Kontakte, deine Kontakte

  • -Aktualisiert am

Hält nicht viel von „Datenhöflichkeit“: Die Messenger-App Whatsapp. Bild: dpa

Der Messengerdienst Whatsapp liest das Telefonbuch eines Smartphones aus und sammelt munter Daten. Wer dafür keine Einwilligung seiner Kontakte hat, kann abgemahnt werden, entschied das Amtsgericht Bad Hersfeld. Und nun?

          Ein getrenntes Paar geht vor Gericht, weil es über den Umgang seines elfjährigen Sohnes mit seinem Smartphone streitet – und löst damit eine Flut von Abmahnungen an Smartphonenutzer im ganzen Land aus, die den Instant-Messaging-Dienst Whatsapp installiert haben. So sieht das Horrorszenario aus, das nach einem Urteil des Amtsgerichts Bad Hersfeld nun beschworen wird. Das Gericht hatte bereits Mitte Mai entschieden, dass Whatsapp-Nutzer, aus datenschutztechnischen Gründen kostenpflichtig abgemahnt werden können. Denn die App liest das Telefonbuch des jeweiligen Smartphones aus und übermittelt dessen Kontaktdaten an das Mutter-Unternehmen – in diesem Fall Facebook. Die Mutter des Jungen muss dem Gericht nun eine Einverständniserklärung aller Whatsapp-Kontakte ihres minderjährigen Sohns vorlegen, sonst darf dieser die App nicht weiter nutzen.

          In den Nutzungsbedingungen von Whatsapp heißt es: „Du stellst uns regelmäßig die Telefonnummern von Whatsapp-Nutzern und deinen sonstigen Kontakten in deinem Mobiltelefon-Adressbuch zur Verfügung. Du bestätigst, dass du autorisiert bist, uns solche Telefonnummern zur Verfügung zu stellen, damit wir unsere Dienste anbieten können.“ Viele Nutzer stimmen dem Auslesen des Telefonbuchs vor der ersten Nutzung aus Bequemlichkeit zu, da so das lästige Eintippen der Nummern entfällt. Allerdings wird die Erlaubnis der betroffenen Personen dabei in der Regel nicht eingeholt.

          Auch andere Apps greifen Daten ab

          Doch Whatsapp ist nicht die einzige App, die auf Telefonbücher zugreift. Die Stiftung Warentest hat im Jahr 2015 achtzehn Messenger auf ihre Datenschutzaspekte getestet. Das Ergebnis: Sechs der achtzehn Messenger greifen automatisch auf das Telefonbuch zu und gleichen Telefonnummern mit denen anderer App-Nutzer ab. Das betrifft auch Apps wie „Telegram“, die wegen ihrer Verschlüsselungstechnik oft als sicherere Alternative zu Whatsapp gilt. Die Open Source App „Signal“ hingegen verspricht auf ihrer Website, keinerlei Telefonnummern auf ihren Servern zu speichern. Die App verschicke lediglich verschlüsselte Nummern, um unter den Kontakten andere „Signal“-Nutzer ausfindig zu machen. Die kostenpflichtige App „Threema“ stellt es dem Nutzer frei, ob eine Synchronisation mit dem Adressbuch erfolgen soll.

          An eine heranrollende Abmahnwelle glaubt Sebastian Dramburg, Fachanwalt für Medienrecht, aber nicht. Rechtlich sei das zwar denkbar: „Sie haben das Recht, selbst über die Weitergabe Ihrer Daten zu entscheiden. Theoretisch könnten Sie also jemanden, der ungefragt Ihre Daten weitergibt, wegen einer Persönlichkeitsrechtsverletzung abmahnen“, sagt Dramburg. Aber wer selbst Whatsapp nutze, habe den Datenschutzbestimmungen der App ja bereits zugestimmt. „Außerdem geben diese Leute ja selbst die Daten Dritter weiter“, sagt Dramburg. Die Möglichkeit der Abmahnung, habe es überdies auch schon vor dem Urteil gegeben. „Das Problem ist ja schon lange vorhanden und seit der Übernahme von,Whatsapp‘ durch Facebook auch öffentlich diskutiert worden.“

          Von der Auslesewut sind alle betroffen

          Doch nicht nur Messenger sammeln Daten: Auch viele Spiele oder Netzwerke wie Linkedin oder Xing greifen Daten ab, darunter Telefonbucheinträge. Im Gegensatz zu einem Messenger allerdings ganz ohne ersichtlichen Grund. Marcus Pritsch von der Stiftung Warentest erklärt, im geschäftlichen Bereich gelte das Bundesdatenschutzgesetz: „Sie dürfen also etwa eigentlich keine geschäftlichen Kontakte auf einem Handy haben, auf dem auch ,Whatsapp‘ installiert ist. Der private Datenschutz, also was wir selbst mit unseren Daten machen, war bisher aber nicht gerichtlich geregelt.“ Das Urteil sei zudem eines in einer Familiensache und in einem Einzelfall. „Die Frage ist, wie es damit jetzt weitergeht. Ich bin nicht sicher, ob es überhaupt irgendwelche allgemeinen Auswirkungen geben wird.“

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Markus Beckedahl, Gründer von „Netzpolitik.org“, hofft vor allem auf ein gesellschaftliches Umdenken. „Das beste Resultat dieses Urteils wäre es, wenn dadurch mehr Bewusstsein für etwas entstünde, das wir ,Datenhöflichkeit‘ nennen“, sagt Beckedahl. Dass also andere respektieren, dass ihre Kontakte ihre Daten möglicherweise nicht an ein Unternehmen weitergeben wollen. Denn von der Auslesewut vieler Apps sind nicht nur diejenigen betroffen, die die App nutzen: Das gesamte Telefonbuch wird ausgelesen. So sind auch die Daten von Menschen betroffen, die sich bewusst von Facebook, Whatsapp und ähnlichen Anwendungen fernhalten – weil sie ihre Daten eigentlich schützen wollen. Das eigentliche Problem sieht Beckedahl aber nicht bei den Nutzern, sondern beim Unternehmen selbst: „Mit seinen AGBs versucht Whatsapp, die Verantwortung für den Datenschutzbruch auf die Nutzer abzuschieben. Auch dieses Urteil ist ja nur der Nichtbeachtung der Datenschutzgesetze durch Whatsapp geschuldet.“

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Staubwolken über Mexikostadt Video-Seite öffnen

          Starkes Erdbeben : Staubwolken über Mexikostadt

          Bei einem starken Erdbeben in Mexiko sind mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Dutzende Menschen haben die Erschütterungen mit ihren Smartphones gefilmt, so auch ein Mann auf einem Hochhaus, der die Ausmaße der Zerstörung in Mexikostadt festgehalten hat.

          Topmeldungen

          Aufstieg bei den Konservativen : Der britischste aller Briten

          Jacob Rees-Mogg war schon immer anders. Mit fünf Jahren wurde er Mitglied der Tories, doch niemand sagte ihm eine große Karriere voraus. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.