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Weihnachtsmärchen im Ersten : Sie hat Kinder wirklich zum Fressen gern

Ihre Hexe ist eine souverän böse Dame: Anja Kling in „Hänsel und Gretel“ Bild: rbb/Hardy Spitz

In der neuen Runde von Verfilmungen Grimmscher Märchen ragen Henriette Confurius als Prinzessin in „Allerleirauh“ und Anja Kling als Hexe in „Hänsel und Gretel“ heraus. Auch Ulrich Noethen und Edgar Selge mischen mit.

          Darf man dieser Dame trauen? Einerseits: Was bleibt den Kindern übrig, nachts, allein im Wald, aus dem sie ganz sicher ohne Hilfe nicht mehr herausfinden. Andererseits ist sie sprunghaft und exzentrisch, schrill, übergriffig und maßlos in ihrer Großzügigkeit, wenn sie den andauernd hungrigen Kindern Leckerbissen auftischt, dass sich die Tafel biegt. Am unheimlichsten ist aber ihre Beteuerung aus tiefstem Herzen: „Ich mag Kinder!“ Das meint sie so wie wenn unsereins sagt, dass er Pfannkuchen mag.

          Grimms Märchen dürften zu den weltweit meistverfilmten literarischen Texten überhaupt gehören, und das deutsche Fernsehen macht da keine Ausnahme. Seit einigen Jahren zeigt das Erste zu Weihnachten neu produzierte Filme mit bekannten Schauspielern. Diesmal gibt Ulrich Noethen den König in „Allerleirauh“, Edgar Selge ist der böse Wolf in „Rotkäppchen“, Jule Ronstedt spielt die Mutter von „Schneeweißchen und Rosenrot“, und dann ist da noch Anja Kling.

          Vor allem ihr ist es zu verdanken, dass die Adaption von „Hänsel und Gretel“ so aufregend gerät. Als Hexe tobt sie sich in einer Hütte aus, die außen Lebkuchenidylle, innen eine Mischung aus Steampunk-Wunderkammer und Horrorkabinett ist, und weil man die Geschichte natürlich im Kopf hat, gleichwohl aber mit der souverän bösen Dame sympathisiert, ist der schönste Moment des Films der, in dem Gretel sich anschickt, ihre Gastgeberin zu überlisten.

          Gretel hat richtig schlechte Karten

          Zuerst ist alles wie gehabt: der Ofen, die Klappe, das Feuer, das darin lodert, das Mädchen, das sich ungeschickt anstellt, um die Hexe ganz nah an die Öffnung zu locken. Und dann das: „Du denkst dir, die doofe Hexe bückt sich in den Ofen, du gibst ihr einen Schubs, und du bist alle Sorgen los“, sagt die wüste Dame plötzlich. Und die siegesgewisse Gretel hat auf einmal wieder ganz schlechte Karten. Nur gut, dass sie sich zuvor mit einem fahrbaren Stühlchen angefreundet hat.

          Uwe Jansons Film nach einem Drehbuch von David Ungureit hat immer dort seine starken Szenen, wo er seine Hauptdarstellerin nach Kräften chargieren lässt, und das ist erfreulich oft. Dass es dann am Ende auf eine bemühte Parallele zwischen Hänsel und Gretel, der Hexe und ihrer (ebenfalls von Anja Kling gespielten) gutmütigen Schwester Marie hinausläuft, verschmerzt man rasch: Wer alleingelassene Kinder im Wald einsammelt, um sie zu verspeisen, so die Botschaft, ist selbst einmal von den Eltern ausgesetzt worden und vor lauter Wut darüber als Erwachsene zur Kannibalin mutiert, so in etwa. Immerhin geht dieses Erklärungsmodell nicht soweit, die Entwicklung vom Opfer zur monströsen Täterin als zwangsläufig hinzustellen.

          Abhängig von des Königs Gnaden

          So frei, wie der „Hänsel und Gretel“-Film mit der Struktur seiner Vorlage umgeht, so getreu hält sich die Adaption des verstörenden Märchens „Allerleirauh“ an die Sprache der Vorlage. Die Geschichte des verwitweten Königs, der auf die monströse Idee verfällt, die eigene Tochter als das Ebenbild ihrer Mutter zu heiraten, so dass sie flieht und unerkannt am Hof eines anderen Königs unterkommt, den sie am Ende heiratet, wurde von Christian Theede angemessen düster umgesetzt und steckt voller wörtlicher Zitate aus dem Märchentext.

          Ein Opfer der Männer, das peu á peu seinen Spielraum erweitert: Henriette Confurius als Prinzessin tanzt mit dem jungen König (André Kaczmarczyk).
          Ein Opfer der Männer, das peu á peu seinen Spielraum erweitert: Henriette Confurius als Prinzessin tanzt mit dem jungen König (André Kaczmarczyk). : Bild: NDR/Marion von der Mehden

          Mehr noch als auf Sprache setzt diese Version aber auf Blicke, auf Gesten, auf die Bewegungen seiner Figuren im Raum. Die Prinzessin, gespielt von Henriette Confurius, ist ein Opfer der Männer in ihrer Umgebung, und wie sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihren Spielraum erweitert, ist ein ebenso tapferes wie fragiles Unterfangen.

          Dass sie von der Gnade des jungen Königs Jacob abhängig ist, der sie abwechselnd demütigt und - trägt sie das richtige Kleid - anbetet, der also sich und sie fortwährend lächerlich macht, sieht man als Zuschauer mit Bangen. Und wenn das ursprüngliche Märchen als Befreiungsgeschichte gelesen werden kann, ist diese Adaption voller Signale, die wenig hoffnungsfroh stimmen.

          „Ich will sie hören, die ganze Geschichte“ sagt der König am Ende in den Abspann hinein zu seiner Braut. Mühelos vorstellbar, dass er Bedrückendes zu hören bekommt.

          Am 1. Weihnachtstag in der ARD: Die Prinzessin auf der Erbse (13.40 Uhr), Frau Holle (14.40 Uhr), Rotkäppchen (15.40 Uhr), Schneeweißchen und Rosenrot (16.40 Uhr). Am 2. Weihnachtstag: Des Kaisers neue Kleider (13.40 Uhr), König Drosselbart (14.40 Uhr), Hänsel und Gretel (15.40 Uhr) und Allerleirauh (16.40 Uhr).

          Quelle: F.A.Z.

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