Home
http://www.faz.net/-gqz-7581e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Weihnachtsmärchen im Ersten Sie hat Kinder wirklich zum Fressen gern

In der neuen Runde von Verfilmungen Grimmscher Märchen ragen Henriette Confurius als Prinzessin in „Allerleirauh“ und Anja Kling als Hexe in „Hänsel und Gretel“ heraus. Auch Ulrich Noethen und Edgar Selge mischen mit.

© rbb/Hardy Spitz Vergrößern Ihre Hexe ist eine souverän böse Dame: Anja Kling in „Hänsel und Gretel“

Darf man dieser Dame trauen? Einerseits: Was bleibt den Kindern übrig, nachts, allein im Wald, aus dem sie ganz sicher ohne Hilfe nicht mehr herausfinden. Andererseits ist sie sprunghaft und exzentrisch, schrill, übergriffig und maßlos in ihrer Großzügigkeit, wenn sie den andauernd hungrigen Kindern Leckerbissen auftischt, dass sich die Tafel biegt. Am unheimlichsten ist aber ihre Beteuerung aus tiefstem Herzen: „Ich mag Kinder!“ Das meint sie so wie wenn unsereins sagt, dass er Pfannkuchen mag.

Tilman Spreckelsen Folgen:    

Grimms Märchen dürften zu den weltweit meistverfilmten literarischen Texten überhaupt gehören, und das deutsche Fernsehen macht da keine Ausnahme. Seit einigen Jahren zeigt das Erste zu Weihnachten neu produzierte Filme mit bekannten Schauspielern. Diesmal gibt Ulrich Noethen den König in „Allerleirauh“, Edgar Selge ist der böse Wolf in „Rotkäppchen“, Jule Ronstedt spielt die Mutter von „Schneeweißchen und Rosenrot“, und dann ist da noch Anja Kling.

Vor allem ihr ist es zu verdanken, dass die Adaption von „Hänsel und Gretel“ so aufregend gerät. Als Hexe tobt sie sich in einer Hütte aus, die außen Lebkuchenidylle, innen eine Mischung aus Steampunk-Wunderkammer und Horrorkabinett ist, und weil man die Geschichte natürlich im Kopf hat, gleichwohl aber mit der souverän bösen Dame sympathisiert, ist der schönste Moment des Films der, in dem Gretel sich anschickt, ihre Gastgeberin zu überlisten.

Gretel hat richtig schlechte Karten

Zuerst ist alles wie gehabt: der Ofen, die Klappe, das Feuer, das darin lodert, das Mädchen, das sich ungeschickt anstellt, um die Hexe ganz nah an die Öffnung zu locken. Und dann das: „Du denkst dir, die doofe Hexe bückt sich in den Ofen, du gibst ihr einen Schubs, und du bist alle Sorgen los“, sagt die wüste Dame plötzlich. Und die siegesgewisse Gretel hat auf einmal wieder ganz schlechte Karten. Nur gut, dass sie sich zuvor mit einem fahrbaren Stühlchen angefreundet hat.

Mehr zum Thema

Uwe Jansons Film nach einem Drehbuch von David Ungureit hat immer dort seine starken Szenen, wo er seine Hauptdarstellerin nach Kräften chargieren lässt, und das ist erfreulich oft. Dass es dann am Ende auf eine bemühte Parallele zwischen Hänsel und Gretel, der Hexe und ihrer (ebenfalls von Anja Kling gespielten) gutmütigen Schwester Marie hinausläuft, verschmerzt man rasch: Wer alleingelassene Kinder im Wald einsammelt, um sie zu verspeisen, so die Botschaft, ist selbst einmal von den Eltern ausgesetzt worden und vor lauter Wut darüber als Erwachsene zur Kannibalin mutiert, so in etwa. Immerhin geht dieses Erklärungsmodell nicht soweit, die Entwicklung vom Opfer zur monströsen Täterin als zwangsläufig hinzustellen.

Abhängig von des Königs Gnaden

So frei, wie der „Hänsel und Gretel“-Film mit der Struktur seiner Vorlage umgeht, so getreu hält sich die Adaption des verstörenden Märchens „Allerleirauh“ an die Sprache der Vorlage. Die Geschichte des verwitweten Königs, der auf die monströse Idee verfällt, die eigene Tochter als das Ebenbild ihrer Mutter zu heiraten, so dass sie flieht und unerkannt am Hof eines anderen Königs unterkommt, den sie am Ende heiratet, wurde von Christian Theede angemessen düster umgesetzt und steckt voller wörtlicher Zitate aus dem Märchentext.

Allerleirauh © NDR/Marion von der Mehden Vergrößern Ein Opfer der Männer, das peu á peu seinen Spielraum erweitert: Henriette Confurius als Prinzessin tanzt mit dem jungen König (André Kaczmarczyk).

Mehr noch als auf Sprache setzt diese Version aber auf Blicke, auf Gesten, auf die Bewegungen seiner Figuren im Raum. Die Prinzessin, gespielt von Henriette Confurius, ist ein Opfer der Männer in ihrer Umgebung, und wie sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihren Spielraum erweitert, ist ein ebenso tapferes wie fragiles Unterfangen.

Dass sie von der Gnade des jungen Königs Jacob abhängig ist, der sie abwechselnd demütigt und - trägt sie das richtige Kleid - anbetet, der also sich und sie fortwährend lächerlich macht, sieht man als Zuschauer mit Bangen. Und wenn das ursprüngliche Märchen als Befreiungsgeschichte gelesen werden kann, ist diese Adaption voller Signale, die wenig hoffnungsfroh stimmen.

„Ich will sie hören, die ganze Geschichte“ sagt der König am Ende in den Abspann hinein zu seiner Braut. Mühelos vorstellbar, dass er Bedrückendes zu hören bekommt.

Am 1. Weihnachtstag in der ARD: Die Prinzessin auf der Erbse (13.40 Uhr), Frau Holle (14.40 Uhr), Rotkäppchen (15.40 Uhr), Schneeweißchen und Rosenrot (16.40 Uhr). Am 2. Weihnachtstag: Des Kaisers neue Kleider (13.40 Uhr), König Drosselbart (14.40 Uhr), Hänsel und Gretel (15.40 Uhr) und Allerleirauh (16.40 Uhr).

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Video-Filmkritik Das bewegte Gesamtbild des Superheldenkinos

Keiner verfilmt das Übernatürliche wie Joss Whedon. Zwischen zwei zerlegten Städten und viel transhumanem Klimbim findet in seinem Meisterwerk Avengers: Age of Ultron auch das Romantische und Erotische seinen Platz. Mehr Von Dietmar Dath

22.04.2015, 11:48 Uhr | Feuilleton
Quiz Die Märchen der Brüder Grimm

Vor 200 Jahren erschienen die ersten Märchen der Brüder Grimm. Seitdem kennt fast jedes Kind Dornröschen und den Froschkönig. Doch der Teufel steckt im Detail. Mehr Von Uwe Ebbinghaus

09.12.2014, 12:59 Uhr | Feuilleton
Die Wallensteins im ZDF Dumme Sprüche am Arbeitsplatz

War das der letzte weiße Fleck in der Topographie des Fernsehkrimis? Im ZDF ermitteln jetzt Mutter und Tochter zusammen. Und anschließend werden Familienprobleme gewälzt. Mehr Von Michael Hanfeld

18.04.2015, 17:58 Uhr | Feuilleton
Schwedisches Königshaus Prinzessin Madeleine ist wieder schwanger

Im Februar dieses Jahres kam das erste Kind von Madeleine und ihrem Mann, dem Banker Christoper O’Neill, in New York zur Welt. Nun hat das schwedische Königshaus die zweite frohe Botschaft verkündet: Madeleine und ihr Mann erwarten ihr zweites Kind. Mehr

19.12.2014, 17:45 Uhr | Gesellschaft
75 Jahre Königin Margrethe Dänen rügen nicht

Volksnah, gebildet und doch eine Rabenmutter: Königin Margrethe II. wird heute 75 Jahre alt – und eine Abdankung ist noch lang nicht in Sicht. Zu ihrer Geburtstagsfeier am Vorabend erschienen zahlreiche gekrönte Häupter. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

16.04.2015, 10:30 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.12.2012, 10:34 Uhr

Sibirischer Strand

Von Kerstin Holm

Die Straßen in Nowosibirsk sind schlecht, und in die Infrastruktur wird kaum investiert. Einige Einwohnerinnen wollen das nicht länger hinnehmen und haben sich eine kreative Protestform ausgedacht. Mehr 2