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TV-Film „Die Glasbläserin“ : Es war einmal eine Zeit, da durften Frauen so etwas nicht

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So geht das mit den gläsernen Christbaumkugeln: Marie (Maria Ehrich) fertigt für den amerikanischen Einkäufer Steven Miles (Marc Barthel) eine an. Bild: ZDF und Hannes Hubach

Arte und das ZDF bescheren uns eine Emanzipationsgeschichte zu Weihnachten anno 1891: „Die Glasbläserin“ schildert den Kampf zweier Frauen um Anerkennung. Dem stehen die Männer im Weg.

          Lauscha, 1891. Im thüringischen Glasbläserdorf fristen die beiden Steinmann-Töchter Marie (Maria Ehrich) und ihre ältere Schwester Johanna (Luise Heyer) ihr bedauernswertes Dasein. Waisen, nachdem zuletzt auch der Vater gestorben ist, erlaubt ihnen die Zunftordnung nicht, die Werkstatt weiter zu führen. Frauen dürfen kein Glas blasen. Des männlichen Schutzes beraubt, vom Kälte- oder Hungertod bedroht, findet Marie eine Anstellung als Arbeitsmädchen in der Glasfabrik des derben Wilhelm Heimer (Max Hopp), wird von seinem weichlich-brutalen Sohn Thomas (Franz Dinda) geschwängert, geehelicht und geschlagen, während Johanna in der Stadt Sonneberg als Assistentin des Glashändlers Friedhelm Strobel (Dirk Borchardt) anscheinend das bessere Los gezogen hat.

          Strobel scheint die selbstbewusste junge Frau zu verehren, schreckt aber bei passender Gelegenheit vor Misshandlung und Schändung auch nicht zurück. Johanna kehrt ins verlassene Elternhaus zurück, genau wie Marie. Während das Baby, ein properes Mädchen, mit aus dem Weidenkorb herausblitzenden Äuglein in eine vermutlich emanzipierte Zukunft blickt, bläst ihre Mutter, schon als Kind dem Zauber des bald rotglühenden, bald kristallklaren Materials erlegen, heimlich Glas und entwirft ihre kreativen Bemalungen. Johanna hingegen tut das, was sie am besten kann. Sie plant und organisiert und ist der buchhalterische Rückhalt der Glasträumerin Marie.

          Die Hoffnung kommt aus Amerika

          Im Dorf wie Aussätzige behandelt, steht den Schwestern nur der Glasaugenmaler Peter Maienbaum (Robert Gwisdek) zur Seite. Ein feiner, ausgeglichener Mensch, hat er mit dem schroffen Männlichkeitsgebaren der Übrigen nichts zu schaffen. Marie findet den Mut, dem Amerikaner Max Miles (Karel Hermanek jr.) ihre neue Kollektion von Glaskugeln für den Christbaum zu zeigen. Überschwänglich und tiefe Blicke tauschend, bestellt der achthundert Stück. Unter Führung der resoluten Marianne (Johanna Bittenbinder) rücken die Frauen aus Lauscha zusammen und bringen ihre Männer als Hilfsarbeiter mit.

          Als auch noch Marie mit dem alten Heimer ein Übereinkommen trifft und per Handschlag besiegelt („Ihr seid für das Nützliche zuständig, wir für das Schöne“) ist der unternehmerischen Erfolgsgeschichte der Weg bereitet: Von Lauscha nach New York ist es in Zukunft ein Katzensprung, und die Männer aus der Neuen Welt wissen starke Frauen, die nicht blasiert, sondern idealistisch sind, liebend zu schätzen. In der kleinen Dorfkirche wird „O du fröhliche“ gesungen. Peter und Johanna, das hat ohnehin der Himmel gefügt. Emanzipation, besonders, wenn sie aus historischer Ferne winkt, kann so schön sein. Erst singt man „Maria durch ein Dornwald ging“ und gleich darauf „In dulci jubilo“.

          Sieht nach perfektem Familienglück aus, doch das ist es nur fast: Maria Ehrich (rechts) und Luise Heyer spielen die Steinmann-Schwestern.

          Alle Jahre wieder schlägt die Stunde des erlesen gefilmten und kunstgewerblich fein ziselierten Weihnachtsfilms. „Die Glasbläserin“, nach dem Roman (es gibt noch zwei weitere Teile) von Petra Durst-Benning drehbuchgemäß bearbeitet von Léonie-Claire Breinersdorfer, ist handlungsmäßig wie Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: süß, klebrig, aber dennoch geeignet, in Stimmung zu kommen. Emanzipationskitsch im Kostümgewand ist in den letzten Jahren schwer angesagt im Fernsehen. Ob Chemikerin, Hebamme, Pilgerin, hart arbeitende Wanderhure: Handwerk, vorzugsweise diffiziles und körperlich anstrengendes, führt die Frauen zu einem selbstbestimmten Leben, in dem Männer die Rolle des Ruhekissens nach einem anstrengenden Tag spielen dürfen, sofern sie nicht Vergewaltiger und grundböse sind. Solides Handwerk garantiert finanzielle Eigenständigkeit, aber die Frau, das Märchen träumende Wesen, will in solchen Filmen stets mehr: eine kreative Vision entwickeln oder die Geburtshilfe revolutionieren, menschenwürdig handeln, ein ethisch gebotenes Surplus zum hergestellten Gegenstand hinzufügen. Von Nachhaltigkeit haben diese Frauen, egal ob im Mittelalter plaziert oder ins ausgehende 19. Jahrhundert entlassen, schon eine genaue Vorstellung.

          Sieht man von der seifigen Geschichte einmal ab, ist „Die Glasbläserin“ allerdings für einen Weihnachtsfilm durchaus gelungen zu nennen. Der Kameramann Hannes Hubach arbeitet stimmungssicher mit dem Licht, mit den Hell-Dunkel-Kontrasten, die an holländische Meister erinnern. Das macht das Flammenspiel und die Arbeit der Glasbläser umso eindrucksvoller. Das hochwertige Szenen-, Kostüm- und Maskenbild (Jana Karen, Sergio Ballo und Ivana Nemcová) geben den von der Regisseurin Christiane Balthasar überzeugend geführten Schauspielern glaubwürdigen Rückhalt. Maria Ehrich und Luise Heyer sind eine einzige Augenweide, selbst in den schlimmsten Momenten. Und ein Fernsehfilm, in dem die große bayerische Darstellerin Johanna Bittenbinder mitspielt, kann nun einmal nicht schlecht sein.

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