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Löschung von „Hart aber fair“ : Erst Zensur, dann zweite Chance

„Beiträge aus der Mediathek herauszunehmen, ist kein ungewöhnlicher Vorgang“: WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Bild: Imago

Von Zensur will der Fernsehdirektor des WDR nichts hören. Gleichwohl hat Jörg Schönenborn eine Folge von „Hart aber fair“ aus der Mediathek entfernt. Nun soll Frank Plasberg nochmal eine Geschlechterdebatte führen.

          Den Vorwurf der Zensur oder Selbstzensur hört er wohl, doch zieht der Fernsehdirektor des Westdeutschen Rundfunks daraus einen seltsamen Schluss: Er sei so „gravierend“, schreibt Jörg Schönenborn, „dass man ihn nicht leichtfertig erheben sollte. Für den WDR weise ich das entschieden zurück.“ „Leichtfertig“?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Erhoben wurde der Vorwurf unter anderem von FAZ.NET, weil Schönenborn veranlasst hatte, die Ausgabe der Talkshow „Hart aber fair“ vom 2.März dieses Jahres aus der Mediathek zu entfernen. Die Sendung von Frank Plasberg stand unter dem Titel „Nieder mit dem Ampelmännchen“ und hatte die Geschlechterdebatte zum Thema. Der Deutsche Frauenrat und Gleichstellungsbeauftragte hatten gegen die Sendung Programmbeschwerde eingereicht, die der Programmausschuss des Rundfunkrats zurückwies, aber einstimmig empfahl, die Sendung online nicht mehr vorzuhalten.

          „Souveräne Entscheidung“

          Das aber war, wie der WDR-Fernsehdirektor Schönenborn mitteilt, längst geschehen – „vor der Sitzung des Rundfunkrats“. Sie „nach einem halben Jahr aus der Mediathek zu nehmen, wo sie kaum mehr abgerufen wurde, war eine souveräne Entscheidung der Programmverantwortlichen“. Die Sendung sei „frei von äußerer Einflussnahme produziert, ausgestrahlt und von knapp drei Millionen Zuschauern gesehen worden“. Sie sei „in den Wochen nach der Ausstrahlung breit diskutiert und intern analysiert“ worden, „durchaus selbstkritisch“. Beiträge aus der Mediathek zu nehmen sei „kein ungewöhnlicher Vorgang“. Gesperrt sei die Sendung nicht, sie könne im Archiv des WDR „jederzeit von Redaktionen abgerufen und ausschnittsweise verwendet werden“.

          Ampelmännchen oder Ampelfrauchen - das war bei „Hart aber fair“ die Frage.

          Womit freilich der symbolträchtige Akt, die Ausgabe der Talkshow dem allgemeinen Publikum zu entziehen, noch immer nicht hinreichend begründet wäre. Der erscheint umso seltsamer und mitnichten als normaler Vorgang, wenn man allein bedenkt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender an die Medienpolitik mit zunehmendem Erfolg die Forderung richten, ihre Inhalte online ohne jede zeitliche Beschränkung zeigen zu können.

          „Angemessen“, heißt es im Rundfunkrat

          Auch fällt dem WDR-Fernsehdirektor reichlich spät ein, dass er die Sendung vor der Rundfunkratssitzung aus dem Internet-Angebot genommen haben will. Bis dato lautete der Begründungszusammenhang anders – die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats Ruth Hieronymi hatte den Schritt des Senders auch im Gespräch mit dieser Zeitung als „angemessen“ bezeichnet. Einen positiven Schluss aus der Affäre zieht der WDR wenigstens: Das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter soll „voraussichtlich“ in zwei Wochen abermals auf der Agenda von „Hart aber fair“ stehen. „Bei uns ist das ein Thema, was die Menschen bewegt oder aufregt“, sagte der Moderator Frank Plasberg, der von seinem Sender durch die Mediathek-Aktion in den Regen gestellt wurde. „Das gilt natürlich auch, wenn wir es selber sind, die die Gemüter erhitzen. Das haben wir mit unserer Gender-Sendung definitiv getan, ein guter Grund also, das Thema und die Reaktionen auf unsere Sendung Anfang September noch einmal bei ‚Hart aber fair‘ zu debattieren.“ Und dann pfeift Plasberg noch einmal so laut in den Wald wie der Fernsehdirektor: Dass man sich des Themas „mit der gewohnten redaktionellen Freiheit“ annehme, „die im WDR ein hohes Gut ist, versteht sich von selbst“.

          Dass man in „angemessener“ Weise und nicht „leichtfertig“ auf Kritik reagiert, scheint sich beim WDR derweil nicht von selbst zu verstehen. Wir sind gespannt, wie lange diese vorangekündigte Ausgabe von „Hart aber fair“ im Internet bleibt.

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