http://www.faz.net/-gqz-7631g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.01.2013, 21:56 Uhr

WDR-Intendantin Piel geht Sie ist dann mal weg. Aber warum?

Thomas Gottschalk und die Folgen: Monika Piel, die Intendantin des Westdeutschen Rundfunks, gibt überraschend ihr Amt auf. An diesem Montag tagt der WDR-Rundfunkrat. Vielleicht lüftet er ein Geheimnis.

von
© dpa Die Herrin der ewigen Baustelle hört vor der Zeit auf: WDR-Intendantin Monika Piel

Vom Westdeutschen Rundfunk Auskunft zu bekommen, ist kein leichtes Unterfangen. Am späten Freitagabend aber war gar nichts zu machen. Warum tritt die Intendantin Monika Piel Hals über Kopf von ihrem Amt zurück? Bleibt nur solange, bis die Nachfolge geregelt ist?

Michael Hanfeld Folgen:

Das wissen nur die Eingeweihten. Und wussten es am Freitag noch nicht. „Persönliche Gründe“ gibt Monika Piel für ihren Schritt an und solche gilt es zu respektieren. Die Gründe müssen so gravierend sein, dass die Intendantin ihr Büro geradezu fluchtartig verließ. Eine letzte E-Mail, und das war’s. Sie ist dann mal weg.

Noch am Donnerstag hatte sie sich um neue Programmrichtlinien gekümmert und es schien, als wolle sie sich nun wieder um den eigenen Sender kümmern, nachdem sie in den letzten zwei Jahren als ARD-Vorsitzende mit der großen Medienpolitik beschäftigt war.

Der WDR, eine ewige Baustelle

Der WDR, größter ARD-Sender mit rund 4500 festen und ebenso vielen freien Mitarbeitern, ist eine ewige Baustelle. Im Hörfunk, aus dem die Intendantin kommt, gibt es Querelen um den Zuschnitt des Kulturprogramms WDR 3. Wie bei anderen ARD-Sendern treffen Vertreter der dem Zeitgeist entsprechenden Durchformatierung auf jene, die am eigenständigen Profil einer jeden Sendung festhalten.

Für das dritte Fernsehprogramm des WDR gilt dasselbe: Es ist ein Kampf zwischen Regionalisierung und Quotenoptimierung, wie man sie betreiben kann, wenn man ganze Abende lang alte „Tatort“-Folgen wiederholt. Es ist kein Geheimnis, dass sich die Intendantin mit der Programmdirektorin Verena Kulenkampff nicht auf einer Wellenlänge befand. Aber derlei Frontverläufe gibt es in anderen Sendern auch. Es kommt darauf an, eine Lösung zu finden.

Im weiten Rund der ARD wiederum hatte Monika Piel als Vorsitzende in der Tat einen schweren Stand. Mancher spricht sogar von zwei verlorenen Jahren, weil sich nichts wirklich bewegte. Doch wäre es unfair, dies allein Monika Piel anzulasten.

Gottschalk fiel ihr auf die Füße

Im Streit zwischen der ARD und den Verlagen um die „Tagesschau“-App wollte sie eine Verständigung. Das Dumme war nur, dass diese hintertrieben wurde, den Widerstand koordiniert in diesem Fall das Justiziariat des Norddeutschen Rundfunks.

Dann holte Monika Piel den Entertainer Thomas Gottschalk zur ARD mit einem Vertrag, in den Mitglieder der Aufsichtsgremien gern Einblick genommen hätten, es aber nicht konnten. Und so warteten manche nur darauf, dass Gottschalk im ersten Programm großartig scheiterte. Was er tat und was Monika Piel auf die Füße fiel.

Auch in der Frage eines gemeinsamen Jugendkanals wurde sie vorgeführt - ihr Vorgänger als ARD-Vorsitzender, der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust, forcierte das Projekt, Piel lenkte ein.

So konnte man Monika Piel taktieren sehen, ohne zu erkennen, ob dies einem höheren Plan folgte. Für einen solchen braucht man in der ARD Verbündete, ein Intendant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat einen politischen Job, er muss all die Manöver kennen und beherrschen, die in der Politik angesagt sind und dabei stets den Eindruck vermitteln, Herr - oder Frau - der Lage zu sein, ganz gleich, was geschieht.

Ein Geschlechterkampfthema ist das nicht - auch wenn die Frauen unter den ARD-Intendanten noch in der Minderzahl sind, und Monika Piel sich in der inzwischen einschlägigen Zeitschrift „Stern“ über das angeblich Pfauenhafte ihrer männlichen Kollegen beschwerte.

Mehr zum Thema

Es kommt vielmehr auf Kommunikation, Durchsetzungsfähigkeit und den persönlichen Umgang an, der bei Monika Piel fast schon etwas Klandestines hatte. Der Kreis ihrer Vertrauten muss winzig und ihr Verlangen groß sein, wenigstens kurz Herrin über die Nachricht zu sein, dass sie geht und - vorerst - alle rätseln, warum.

Vielleicht weiß es die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, mit der Piel am Freitag sprach. Vielleicht weiß oder wird es in nächster Zukunft wissen Ruth Hieronymi, die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats. Denn er trifft sich gleich am Montag. Neuer Punkt auf der Tagesordnung: Die Zukunft des WDR.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rückkehr in die Heimat Der Ort ist der gleiche, aber die Zeit ist verschwunden

Jörn Klare wanderte 31 Tage und 600 Kilometer von Berlin in das kleine Städtchen, in dem er einst aufgewachsen ist. Ein Gespräch über Heimat, die Melancholie der Rückkehr und berührende Begegnungen. Mehr Von Isabel Leonhardt

30.04.2016, 12:31 Uhr | Gesellschaft
Afd-Parteitag Petry wirft politischer Konkurrenz Verlogenheit vor

Die Vorsitzende der rechtspopulistischen AfD, Frauke Petry, wirft der politischen Konkurrenz und den Medien Verlogenheit und Opportunismus vor. Die AfD führe im Gegensatz zu anderen Parteien freie und ergebnisoffene Diskussionen über die Zukunft Deutschlands, sagte Petry am Samstag vor über 2000 Teilnehmern des Parteitags in Stuttgart. Mehr

01.05.2016, 18:51 Uhr | Politik
50 Jahre Report Mainz Zuschauer schätzen investigative Recherchen mehr denn je

Vor fünfzig Jahren ging Report auf Sendung. Das Magazin avancierte zum politischen Pflichtprogramm. Was ist es heute? Ein Gespräch mit der Redaktionschefin Birgitta Weber. Mehr Von Michael Hanfeld

26.04.2016, 21:08 Uhr | Feuilleton
Video Islam-Verband kritisiert AfD-Pläne

Mit scharfen Worten hat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, die rechtspopulistische Partei AfD kritisiert. Wegen der AfD-Pläne, den Islam als unvereinbar mit der Verfassung einzustufen, hat er einen Vergleich zwischen AfD und NSDAP gezogen. Mehr

18.04.2016, 17:04 Uhr | Politik
Berlins SPD in der Krise Alles Müller, oder was?

Berlins Regierender Bürgermeister Müller greift nach dem Parteivorsitz und will Spitzenkandidat der SPD werden. Doch seine Beliebtheitswerte sind wenige Monate vor der Abgeordnetenhauswahl deutlich gesunken. Mehr Von Mechthild Küpper, Berlin

27.04.2016, 11:30 Uhr | Politik
Glosse

Schöner Scheitern

Von Felix Simon

Ein Professor stellt einen alternativen Lebenslauf ins Netz, sein „CV of failure“. Darin aufgeführt: die Rückschläge der eigenen Karriere. Aufmunternd ist das für Leidensgenossen jedoch nicht. Mehr 0