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Veröffentlicht: 11.08.2017, 17:47 Uhr

WDR-Doku über die Siebziger Was von damals übrig blieb

Der WDR nimmt in einer Dokureihe die siebziger Jahre im bevölkerungsreichsten Bundesland unter die Lupe. Dabei finden sich einige Nachlässigkeiten.

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© WDR/Dirk Borm Ein Kind seiner Zeit: Manfred Henning aus Frechen sammelt Opel Mantas aus den Siebzigern

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ hieß eine Werbekampagne, die die Deutsche Bundesbahn 1966 auflegte – und der SDS sich zwei Jahre später, mit den Köpfen von Marx, Engels und Lenin, satirisch zu eigen machte. Noch einmal zwei Jahre später reden alle schon wieder vom Wetter, zumindest in der ersten Folge der zehnteiligen Dokureihe „Unser Land in den 70ern“, mit der das WDR-Fernsehen heute beginnt: das Ruhrgebiet eingeschneit, Blitzeis und Verkehrschaos, Skiparadies Sauerland, Hochwasser am Rhein.

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„Als das Wetter verrückt spielte, 1970“ lautet der Titel. Als wäre nichts Wichtigeres passiert in diesem Jahr. Doch in Meschede, noch mal Sauerland, brachen Pocken aus, vier Menschen starben, ein Krankenhaus wurde unter Quarantäne gestellt, eine Schwester erinnert sich, wie sie infiziert wurde. Borussia Mönchengladbach wurde zum ersten Mal deutscher Fußballmeister! Doch nicht der „schöne“ Günter Netzer, erst Jaguar- und dann Ferrari-Fahrer, wird befragt, sondern der schüchterne (und „nur“ einen Porsche lenkende) Berti Vogts, und dabei blickt er von der Tribüne auf den modernen Borussia-Park, als hätte sich der Aufstieg der „Fohlen“ hier abgespielt – und nicht auf dem legendären, längst plattgemachten Bökelberg. 1970 fanden Landtagswahlen statt, die sozialliberale Koalition von Heinz Kühn wurde bestätigt, doch kein Wort darüber, was sie wollte und – Gesamtschule, Verwaltungsreform, Hochschulgründungen – erreicht hat. „Die Konjunktur brummt“, heißt es, während Kumpel unter Tage zu sehen sind. Dabei war die Montanindustrie seit 1958 im Niedergang.

Der WDR kommt über Manta, Minirock, „Millionenspiel“ nicht hinaus

Erzählt wird der Jahrgang von Esther Schweins, denn „als Paten und Sprecher der Filme“ hat der WDR „zehn prominente Persönlichkeiten aus NRW“ gewonnen. Das hat Charme, aber vor allem einen Konstruktionsfehler. Denn die Schauspielerin wurde 1970 geboren, so dass sie nichts Eigenes, sondern nur erinnern kann, was ihr aufgetragen ist. Der Gasometer in ihrer Heimatstadt Oberhausen sei, erklärt sie, damals noch keine Ausstellungshalle gewesen: „Es drehte sich alles um die Kohle.“ Die Gutehoffnungshütte, später HOAG, von der nur der Gasometer stehenblieb, aber war schon seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert kein Bergwerk mehr, sondern Stahlproduzent sowie Maschinen- und Anlagenbauer.

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Solche Nachlässigkeiten finden sich einige in dem Film von Jobst Knigge, auch Auslassungen, die zeigen, dass es mit der Geschichte des Landes nicht so genau genommen wird. So wird, wenn die Eröffnung des Düsseldorfer Schauspielhauses erscheint, bei der Demonstranten die Gäste als „Kapitalisten-Schweine“ beschimpfen, nicht gesagt, welches Stück auf die Bühne kam, obwohl das den Vorgang pointiert: „Dantons Tod“ von Georg Büchner. Das Land Nordrhein-Westfalen setzt den Rahmen, und so kommt Willy Brandt nur vor, weil die Landtags- ein Test für die Bundestagswahl war; die Ostpolitik ist so wenig Thema wie die RAF, die damals auch im Ruhrgebiet unterwegs war. Die Fußball-WM in Mexiko aber ist, mit den Toren des „Jahrhundertspiels“ gegen Italien, weil Berti Vogts dabei war, ausführlich im Bild. Dass 1970 die letzte LP der Beatles erschien, ist von Belang; nicht dagegen, dass in Düsseldorf die Gruppe Kraftwerk gegründet wurde.

Es gibt schöne Fundstücke im Film, etwa den Auftritt des gutgelaunten, kohleverschmierten Udo Jürgens in der Zeche Friedrich der Große in Herne. Da wird das Motto „schrill, schräg, stürmisch“ mal eingelöst. Der Stabreim Manta, Minirock, „Millionenspiel“ aber stellt klar, worauf es dem WDR bei aller wetterwendischen Beliebigkeit in Sachen Landesgeschichte ankommt: auf Unterhaltung.

Glosse

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