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Neue Zeitungs-App : Wie wäre es mit Pokémon Go für Journalisten?

  • -Aktualisiert am

Und keiner hat einen Blick für die Landschaft, aber vielleicht für Zeitungsgeschichten? Pokémon Go-Spieler am Strand von Kijkduin bei Den Haag in den Niederlanden. Bild: AFP

Die App „Bloom“ zeigt, was Verlage von dem Smartphone-Spiel lernen können. Sie bietet mobile Nachrichten vor Ort an. Das gibt Zeitungen die Chance, junge Leser zu erreichen. Einen Versuch wäre es wert.

          Das Pokémon-Fieber hat zwar etwas abgenommen, aber man sieht weiterhin haufenweise Menschen, die mit dem Smartphone durch die Stadt irren, Bars und Cafés bevölkern und sich an den ungewöhnlichsten Orten tummeln. Journalisten berichten darüber, könnten sich aber auch fragen: Wie wäre es, den Spielern analog zu Werbung personalisierte Nachrichten auf ihr Smartphone zu schicken, wenn sie vor einem historischen Gebäude oder einem Pokéstop stehen? Oder eine Meldung senden, was gerade um sie herum passiert? Das Start-up „Bloom“ hat die Idee in die Tat umgesetzt und einen Geolocation-Plugin für Verlage entwickelt: „Bloom for Publishers“.

          Der Dienst funktioniert so: Eine Zeitung installiert den Plugin auf ihrer Website, mit dem Redakteure und Produzenten jeden Artikel mit einer Ortskennung versehen können. Der Leser kann mittels einer Suchfunktion auf der Website nach Straße oder Postleitzahl und damit verbundenen Nachrichten in seiner Umgebung suchen. Medien können in die App Lokalmeldungen einspeisen. Der Plugin folgt demselben Geotagging-Prinzip wie Pokémon Go.

          „Zielgerichtete Echtzeit-Erfahrung“

          Entwickelt wurde die Sache von den Brüdern Stephen und Matthew Jefferson im Rahmen des Tow-Knight-Journalismus-Stipendiums der CUNY Graduate School of Journalism in New York. „Wir haben uns vorgenommen, lokale Berichterstattung zu einer zielgerichteten Echtzeit-Erfahrung zu machen über das hinaus, was Dienste wie Google Maps anbieten“, wird Stephen Jefferson in einer Meldung zitiert. Bloom for Publishers ermögliche es den Nutzern, „genau festzuhalten, wo sie sich befinden - und dann werden die Geschichten zu ihnen gebracht“. Es sei „wie Pokémon Go für Journalismus“. Die Nutzer könnten zu verschiedenen Örtlichkeiten alles erfahren, was Zeitungen mitzuteilen haben. Der Ausgangspunkt der Lektüre ist nicht mehr die Titelseite einer gedruckten Zeitung oder die Startseite einer Online-Ausgabe, sondern eine Karte, die dem Leser Orientierung gibt. Im vergangenen Monat ist Bloom eine Kooperation mit dem „Brooklyn Reader“, einer Website für Lokalnachrichten im New Yorker Stadtteil Brooklyn, eingegangen. Die Rubrik „News and Events Nearby“ zeigt Nutzern auf einer Karte Berichte und Meldungen, die bis auf die Straße heruntergebrochen werden, an.

          Ein solcher Zugang zum Leser wurde von Medienexperten immer wieder diskutiert, doch könnte der Erfolg von Pokémon Go der Idee zum Durchbruch verhelfen. „Was Verlage von Pokémon Go lernen können, ist, dass die Leute sehr an dem interessiert sind, was in ihrer Umgebung passiert“, sagt der Bloom-Entwickler Stephen Jefferson im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es ist ein klares Zeichen, dass lokale Nachrichten eine große Chance darstellen. Bei Bloom helfen wir Verlagen, lokale Storys und Events näher an die Leser zu bringen.“

          Im Jagdfieber bei Tag und bei Nacht: Ein Pokémon Go-Spieler in Braunschweig.
          Im Jagdfieber bei Tag und bei Nacht: Ein Pokémon Go-Spieler in Braunschweig. : Bild: dpa

          Die Grundversion von „Bloom for Publishers“ ist zunächst kostenlos und erfordert nur eine Registrierung. Einmal installiert, haben die teilnehmenden Medien die vollständige Kontrolle über die Inhalte - das umgekehrte Modell zu Google oder Facebook Instant Articles. Der Plugin verfolgt allerdings auch das Nutzerverhalten und will Verlagen „smarte“ Analysen dazu antragen. Wo halten sich die Leser besonders häufig auf? Was interessiert sie meisten? Welche Nachrichten laufen am besten? Auf dieser Grundlage können Medien in Bloom ihr Informationsangebot einspeisen. Das erscheint datenschutzrechtlich bedenklich, weil aus den Daten Bewegungsprofile erstellt werden können. Freilich muss man die angezeigten Texte und Inhalte erst produzieren, bevor man sie an den Mann bringt. Eine App reicht nicht. Und guter Lokaljournalismus kostet Geld.

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          Wie nah die Leser eigentlich wirklich dran sind

          Auch Pokémon Go wildert im Journalismus. Niantic, die Entwicklerfirma der Spiele-App, hat in Kooperation mit Google die App „Field Trip“ entwickelt, einen „Gratisreiseführer“, der Hintergrundinformationen - Bilder, Links und ausführliche Artikel - über „interessante“ Locations in der Umgebung aufs Handy schickt. Im Geschäft um personalisierte Nachrichten mischen längst nicht nur Medien, sondern auch die Tech-Konzerne mit.

          Doch werden Zeitungsgeschichten so für die Generation der „digital natives“ interessanter? „Ich denke nicht, dass Nachrichten jemals so attraktiv sein werden wie Pokémon“, sagt der Bloom-Entwickler Stephen Jefferson. Aber es gebe „ein paar Dinge, die Verlagen dabei helfen könnten, ihr Angebot attraktiver zu machen“. Bloom lasse „die Leser wissen, wie nah sie an Breaking News oder Ereignissen in ihrer Nachbarschaft sind. Das fügt lokalen Nachrichten eine Aufregungskomponente hinzu“. Meldungen über einen Einbruch in der Nachbarschaft verbreiten sich schon analog wie ein Lauffeuer. Warum nicht auch digital? Vielleicht, sagt Jefferson, jagen die Leser guten Geschichten bald so nach wie Pokémons.

          Quelle: F.A.Z.

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