18.07.2008 · Götz George löst einen unlösbaren Fall: "Schicht im Schacht" greift dafür auf einen alten "Tatort" zurück
Schimanski träumt. Schimanski träumt von sich selbst - sieht, wie Fördertürme und Stahlwerke tief unter ihm bleiben, während er mit dem Lenkdrachen hoch über Duisburg elegante Kurven zieht, über die Homberger Sachtleben Chemie hinweg und immer höher, immer freier in den Himmel. Und wacht dann abrupt aus der eigenen Apotheose auf, als seine Langzeitliebe Marie-Claire (Denise Virieux) ihn aus dem Bett der Duisburger Hochhauswohnung wirft, in der er seit 2006 mit ihr wohnt. Gleich klingeln die Frauen ihres Reiki-Kurses. Schimanski bleibt mal wieder nur die Flucht nach vorn.
Mit Schimanskis Traum beginnt die Folge "Schicht im Schacht", die der WDR Götz George und dem deutschen Fernsehpublikum schon drei Tage vor dem siebzigsten Geburtstag des Schauspielers schenkt. Seit nunmehr neunundzwanzig Jahren setzt George der Figur Schimanski und den Leuten im Pott ein nicht unumstrittenes Denkmal. Nach Meinung der Zuschauer aber ist Schimanski der beste "Tatort"-Kommissar von allen - auch wenn er den Job genaugenommen 1991 an den Nagel gehängt hat.
Nach 29 "Tatort"-Folgen nahm Schimanski in "Der Fall Schimanski" seinen Abschied. Er hatte keine Lust mehr. Kein großes Getue. Es reichte ihm einfach. Seit 1997 kommt er in bislang 15 "Schimanski"-Filmen unregelmäßig als Pensionär zurück auf Bildschirm und Kinoleinwand, um seinen ehemaligen Assistenten Hunger (Julian Weigend) ungefragt zu unterstützen. Das Habituelle seines Charakters Schimanski verdankt George, wie er seit je betont hat, der Landschaft, der Bevölkerung und der Politik an Rhein und Ruhr, und tatsächlich kommt er in dieser Rolle der zeitgenössischen Ausgabe eines Volksschauspielers so nah wie kein anderer Berufskollege.
Bei aller erdverbundenen Machoattitüde war Schimanski gleichzeitig immer ein unverbesserlicher Sozialromantiker. Dazu einer, der in fast jedem Fall mehr einsteckte, als er austeilen konnte. Er mühte sich damit ab, ein idealer Stellvertreter der kleinen Leute und ein Repräsentant ihrer Mentalität zu sein - das, was sie sich zu sein gewünscht hätten, wenn sie sich getraut hätten oder die Verhältnisse anders gewesen wären. Das war und ist manchmal schwer erträglich. Aber das Denkmal Schimanski, und das macht die Figur so bemerkenswert, war während der letzten knapp dreißig Jahre nie ein in Stein gemeißeltes Heldenbild mit kleinen Schönheitsfehlern, sondern immer in Fleisch und Blut gearbeitet.
Es gab inzwischen Zeiten, da war Schimanskis Haltung, die ja nicht ohne weiteres in politisch linken Positionen aufgeht, völlig aus der Mode. Immer schon passte mehr als ein Drehbuch zwischen Schimanskis Moralismus und, sagen wir, Oskar Lafontaines Entrüstung. Seit aber die Renaissance der "Wir hier unten, ihr da oben"-Haltung wieder in aller Munde ist, lässt sich auch eine Renaissance des ehemaligen Kommissars beobachten. Schimanski wirkt wieder modern. So modern wie die Filme der Reihe, die der moralischen Schwarzweißmalerei nur in den seltensten Fällen huldigten und schon seit Jahren mit selbstbezüglichen und ironischen Verweisen vermeintlich schlichten Kriminalfällen neue Ebenen und Dimensionen einziehen sowie mit selbstironischen Querverbindungen doppelte Böden ins "Schimanski"-Universum bauen.
So ist auch Regisseur Thomas Jauch, der hier seinen ersten "Schimanski" vorlegt, und vor allem Drehbuchautor Jürgen Werner mit der Eingangssequenz zu "Schicht im Schacht" ein hübscher Coup gelungen. Wenn Schimanski diesmal träumt, dann sieht er die Bilder, die in der allerletzten "Tatort"-Folge 1991 Schimanskis Abgesang zeigten - den Flug mit dem Drachen über die ganzen industriellen und menschlichen Dreckschleudern, die den Kommissar im Ruhestand nichts mehr angehen sollten. Mit einem kleinen Unterschied. In "Der Fall Horst Schimanski" brüllte der Frischpensionierte seinen ganzen Frust heraus ("Scheiße, Scheiße, Scheiße") - diesmal weckt ihn Marie- Claire, bevor ihm auch nur ein Sterbenswörtchen entfahren kann.
Und wer weiß, ob die Energie zu dieser Wut noch ausreichte? In Duisburg-Rheinhausen jedenfalls, wo die aktuelle Tote mit ihrem Slip im Mund gefunden wird, hat sich jeder Protest im Sand verlaufen. Heinz Budarek (Walter Gontermann) ist einer der ältesten Verdächtigen dieses Mordfalls, der frappierend einem von Schimanskis früheren ungelösten Fällen ähnelt. Vor zwanzig Jahren, erinnert er sich, demonstrierte man Seite an Seite gegen die Schließung des Krupp-Werkes in der Bergmannssiedlung Rheinhausen. Vergeblich, wie man weiß. Geblieben sind Träume von Solidarität und alte Dokumentaraufnahmen von den Arbeiterkämpfen. Aus der Sozialromantik ist Sozialmelancholie geworden. Entstanden aber ist die schöne neue Arbeitswelt, in der Callcenter ehemalige Arbeiter zu Dumpinglöhnen anstellen. Diejenigen, die Schimanski damals suspekt waren - Wetschek (Robert Gallinowski), Bennert (Aljoscha Stadelmann) und Kosslick (Max von Pufendorf) - sind die Gleichen. Aber die Zeiten und die Lebensumstände haben sich geändert, sind resignativ geworden. Schimanski jedoch - und darin liegt die Pointe dieser Folge - gelingt es, den damals unlösbaren Fall aufzuklären. Die Zeiten sind zwar schlechter geworden, aber besser für die Ermittler. Zum Schluss geht Schimanski mit Hänschen (Chiem van Houweninge) zum Angelwettbewerb. Und auch hier siegen die beiden. HEIKE HUPERTZ
Schimanski: Schicht im Schacht zeigt das Erste am Sonntag um 20.15 Uhr.