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Bei Wikipedia nachgeschlagen : Digitale Lemminge

Vom Kugelschreiber zur Tastatur: Immer mehr Menschen schlagen bei Fragen auf Wikipedia nach. Aber was eigentlich? Bild: dapd

Kurios, aber wahr: Bei Wikipedia wird hierzulande mit Vorliebe „Deutschland“ nachgeschlagen. Die Schwarmintelligenz neigt zur Nabelschau und folgt den großen Fischen.

          Wenn Erwachsene im Internet surfen, steuern sie Wikipedia an. Das zumindest steht im Wikipedia-Artikel „Wikipedia“. In dem ist nachzulesen, das Online-Lexikon gehöre zu den zehn meistbesuchten Websites weltweit, herausgefunden habe das die Amazon-Tochter Alexa. Schön und wohl auch richtig, wäre es anders, gäbe es den „Brockhaus“ noch. Aber warum gehört die französische Version „Wikipédia“ zu den Artikeln mit den wikipediaintern höchsten Wachstumsraten?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          438 Prozent mehr Zugriffe in diesem Monat, Platz drei der frankophonen Seiten – ist das ein Symptom für die Selbstbezüglichkeit des Internets? Dafür, dass Usern das kritische Vermögen abgeht, außerhalb eines geschlossenen Systems nach Antworten auf Fragen zu demselben zu suchen? Was steckt dahinter, dass die Deutschen mit Vorliebe „Deutschland“ nachschlagen? Ob das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung, Unwissenheit über das eigene Land oder nationaler Narzissmus ist, Tatsache ist, dass der Artikel Platz zehn unter den am häufigsten aufgerufenen deutschsprachigen Wikipedia-Beiträgen belegt. Sorgen machen müssen wir uns nicht: Ähnliche Nabelschau betreiben auch die Niederländer (Indexliebling „Amsterdam“), Türken („Türkei“, „Recep Tayyip Erdogan“), Norweger („Norwegen“) und viele weitere Nationen.

          Eine Fundgrube multikultureller Kuriositäten

          Wikitrends, die statistische Selbstauskunft, auf der Wikipedia die Top Ten der Gewinner und Verlierer unter den Artikeln auflistet, sortiert in 62 Sprachen von Afrikaans bis Vietnamesisch, liefert aber auf den ersten Blick nicht nur Indizien für den fortgeschrittenen Netzautismus, Sondern erscheint als Fundgrube multikultureller Kuriositäten. Auf Afrikaans wurde zuletzt am häufigsten „Jakobsweg“ nachgeschlagen, auf Armenisch „Apfel“ sowie eine südkoreanische Boygroup. Die Chinesen interessieren sich für Teilchenbeschleunigung im „Cern“, die Schweden für den „Konsumentenpreisindex“, die Deutschen träumen sich mit „Notre Dame de Paris“ wohl zum nächsten Wochenendtrip an die Seine, und die Dänen halten ihre 1993 verstorbene Seismologin Inge Lehmann immer noch in erstaunlich hohen Ehren.

          Der Teilchenbeschleuniger im Europäischen Kernforschungszentrum Cern ist für die Chinesen hochinteressant.

          Das sieht auf den ersten Blick nach bunter, lebensfroher Disparität aus, die zeigt, wie der menschliche Geist in alle nur denkbaren Richtungen unterwegs ist und es dank Internet und Wikipedia auch sein kann. Ist es aber – von Ausreißern abgesehen – natürlich nicht. Denn hinter der vermeintlichen Vielfalt der Interessen steht zum Beispiel Google. Dass nicht nur die Dänen, sondern auch die Nutzer der englischen, niederländischen, portugiesischen, italienischen und zahlreicher anderssprachiger Wikipedia-Versionen plötzlich wissen wollten, wer Inge Lehmann war, liegt einzig daran, dass Google die Wissenschaftlerin mit einem Doodle geehrt hat – also mit einem Tages-Logo der Suchmaschine. Und dass ausgerechnet das Herz der Griechen so heftig für Europa respektive den Eurovision Song Contest schlägt, hat seinen Grund darin, dass die griechische Teilnehmerin am Wettbewerb in ihrer Heimat die nationale Ausgabe von „The Voice“ gewonnen hat und zu einem echten Medienphänomen avancierte.

          Die Schwarmintelligenz folgt den großen Fischen

          Es ist das alte Gesetz des Internets – „Wer hat, dem wird gegeben“ –, das in den Wikipedia-Suchlisten wirkt. Masse zieht Masse. Die Leute schlagen nach, was sowieso auf allen Kanälen präsent ist oder von den großen Playern der Netzindustrie vorgegeben wird, sei es „Game of Thrones“ oder der frisch aktualisierte Eintrag über den früheren Zehnkämpfer Bruce Jenner, der sich nach einer Geschlechtsumwandlung als Caitlyn Jenner auf dem Titel der „Vanity Fair“ zeigte und bald eine eigene Realityshow bekommt. Die öffentlichkeitswirksam inszenierte Transgender-Transformation sorgte für Wikipedia-Spitzenwerte.

          So weit, so vorhersehbar. Die Schwarmintelligenz, dieser Gründungsmythos der Wikipedia, folgt nun einmal den großen Fischen. Und die Masse im Internet ist durchaus eine clickbaitwütige Meute. Das bekommen auch diejenigen zu spüren, die sich mit Wikipedia-Einträgen mit falschen oder diffamierenden Aussagen zu ihrer Person oder ihrer Organisation konfrontiert sehen. Die Wikipedia-Stiftung, die so gern als das einzig wirklich Gute im Netz dastehen will, macht es Außenstehenden nicht besonders leicht, Fehler zu reklamieren. Die basisdemokratische Wikipedia-Community soll etwa zwanzigtausend aktive Schreiber zählen und will neutral sein – aber was heißt schon neutral? Nur wer schon ziemlich viele Artikel bearbeitet hat, kann Administratoren wählen, die Einträge löschen dürfen. Für Privatpersonen bleibt nur der Weg über Agenturen und Medienanwälte, um Unliebsames entfernen zu lassen, was dauert und kostet. Vielleicht zeigt sich auch eine gewisse Ratlosigkeit in der Tatsache, dass so viele User weltweit die Artikel „Wikipedia“, „Facebook“, Apple“ nachgelesen haben. Und den Artikel „Internet“.

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