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„Le Canard Enchaîné“ : Die meistgefürchtete Zeitschrift Frankreichs

Eine Journalistin liest eine der Ausgaben über den Skandal um François Fillon. Bild: AFP

Ausgerechnet die Satirezeitschrift „Le Canard Enchaîné“ spielt im Wahlkampf eine Schlüsselrolle und bringt eine Enthüllung nach der anderen. Wie macht sie das?

          Im Herzen von Paris, nicht weit vom Louvre, arbeitet eine Zeitungsredaktion, die alles anders macht – und dennoch oder gerade deshalb von allen anderen beneidet wird. Die französische Satirezeitschrift „Le Canard Enchaîné“ hat keinen Internetauftritt, sie braucht keinerlei Werbung, sie lebt nur von den Verkaufserlösen und hat ihren geringen Kioskpreis von 1,20 Euro trotzdem seit 26 Jahren stabil gehalten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Auch ihr Layout blieb in der gut hundertjährigen Geschichte praktisch immer gleich. Das Blatt gehört den Journalisten, wird von Journalisten auch betriebswirtschaftlich geleitet. Es ist hochprofitabel, sitzt auf dicken Reserven und kann seine Mitarbeiter ordentlich bezahlen. Neben den Texten druckt die Zeitschrift fast nur Karikaturen anstatt Fotos und erinnert äußerlich überhaupt mehr an eine Schülerzeitung als an ein ernsthaftes Blatt. Dennoch ist der „Canard“ weiterhin Frankreichs Enthüllungsorgan Nummer eins, das französische Politiker und Wirtschaftsführer zum Zittern bringt. Jüngstes Opfer ist der bürgerlich-konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon. Als Favorit zog er in den Präsidentschaftswahlkampf, seit den Enthüllungen des „Canard“ über seine Finanzaffären ist er nur noch Außenseiter.

          Wer zur Redaktion in Paris finden will, muss sich vorher den Türcode geben lassen. Ein Schild am Eingang fehlt seit den Terroranschlägen auf das andere, weit kleinere französische Satireorgan „Charlie Hebdo“, bei denen auch Zeichner des „Canard“ ermordet wurden. Im Treppenhaus bröckelt der Putz, die schiefen Holzstufen quietschen. Jeden Dienstag drängen sich hier am späten Nachmittag die Motorradkuriere der Minister, denn sie wollen die ersten Exemplare ergattern, um zu erfahren, worüber am nächsten Tag womöglich halb Frankreich redet. Politiker verschlingen den „Canard“, denn entweder fürchten sie, erwähnt zu sein, oder sie bedauern, ignoriert zu werden. Der „Ruderfüßler“, wie sich das Blatt gerne nennt, ist mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Karikaturen und verbalen Attacken, die in Ironie und Wortspiele verpackt sind, seit langem Pflichtlektüre in Frankreich.

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          Kaum ist das staubige Treppenhaus durchschritten, tut sich hinter der Türschwelle zur Redaktion eine ganz andere Welt auf: frisch renovierte Räume, hohe Decken über schön geschliffenem Parkettboden und große Fenster, die viel Licht auf die Wandfresken mit den bekanntesten Karikaturen werfen. Eine Holzskulptur des stolz voranschreitenden Generals de Gaulle mit übergroßer Nase ziert den Empfangsraum. Einer der beiden Chefredakteure, Louis-Marie Horeau, empfängt zum Interview. Er ist ein freundlicher Herr im Alter von 69 Jahren, der für das Blatt seit 35 Jahren arbeitet.

          Gleich kommt Horeau auf die aktuellen Ereignisse zu sprechen. Es ist zu spüren, dass sich das Blatt in einer Rechtfertigungshaltung befindet. Denn seine Enthüllungen über Fillon, die noch kein Gericht bearbeitet hat, haben dem Wahlkampf einen neuen Verlauf gegeben, wenn den Umfragen zu trauen ist. Der Vorwurf lautet, dass sich der „Canard“ von den Gegnern Fillons instrumentalisieren ließ. Horeau streitet das kategorisch ab. „Als einer der aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten ist François Fillon natürlich eine interessante Persönlichkeit. Also haben wir von uns aus ein Rechercheteam mit drei Leuten zusammengestellt. Sie haben sechs Wochen recherchiert.“

          Die Journalisten interessierten sich für Fillons Vermögen, seine Erklärungen dazu und mögliche Interessenkonflikte. „Dort, wo es Unstimmigkeiten gab, haben wir näher hingeschaut. Wir stellten ihm Fragen, die er nicht alle schlüssig beantwortete, das hat uns veranlasst, weiter zu bohren“, sagt Horeau. Klar ist, dass die „Canard“-Journalisten Informanten mit erstklassigem Zugang zu vertraulichen Dokumenten hatten. Die Gehaltszettel über die Vergütung von Frau Fillon konnten sie im Detail auswerten. Fillons Sturz in den Umfragen will Horeau aber nicht auf das Konto der Zeitschrift nehmen. „Er war es schließlich, der seine Frau angestellt hat und sich Anzüge zu Preisen schenken ließ, welche die Franzosen geschockt haben“, sagt der Chefredakteur, „Wir haben das nur ans Licht gebracht. Was die Politiker mit diesen Informationen machen, liegt nicht in unserer Verantwortung.“

          Ausgeteilt wird in alle Richtungen

          Der „Canard“ hat in seiner langen Geschichte, wie andere Enthüllungsblätter auch, immer von Informanten gelebt, welche die einen als Denunzianten und die anderen als Alarmglocken im Kampf gegen echte Missstände ansehen. Nicht immer lag er richtig, doch wenn das der Fall war, schlugen die Wellen hoch, in den siebziger Jahren etwa bei den unbezahlten Steuern von Premierminister Chaban-Delmas oder den Diamanten des afrikanischen Diktators Bokassa für Valéry Giscard d’Estaing. Später berichtete der „Canard“ über die Rolle des Politikers Maurice Papon bei den Juden-Deportationen in der Zeit der NS-Besatzung und über einen Freundschaftskredit an Premierminister Pierre Bérégovoy (die Affäre trug wohl zu seinem späteren Selbstmord bei). Das politische Herz des Blattes schlägt links, doch ausgeteilt wird in alle Richtungen. Der Informantenschutz gilt als heilig, und der Leistungsdruck bei der Suche nach permanenter Exklusivität ist nach Aussage von Redaktionsmitgliedern hoch. Urlaub nehmen die Journalisten hier deutlich weniger als bei anderen Blättern, heißt es.

          Nicht immer war der Eifer allerdings gleich groß. In den neunziger Jahren ließ der Investigationsdrang nach, schreiben die Journalisten Laurent Valdiguié und Karl Laske in ihrem 2008 erschienenen Buch „Le Vrai Canard“ („Die Wahrheit über den Canard“). Beim Korruptionsskandal des Ölkonzerns Elf beispielsweise habe das Blatt die Untersuchungsrichter unter Beschuss genommen, weil es einigen Politiker zu nahe stand. „Heute aber ist der ,Canard‘ wieder stärker zu seiner investigativen Rolle zurückgekehrt“, meint Laske. Der Journalist arbeitet beim französischen Internetmagazin „Mediapart“, das im Investigativjournalismus ein echter Konkurrent des „Canard“ geworden ist. Chefredakteur Horeau verneint zwar, dass sein Blatt Leser an Mediapart verloren hat, doch im Rennen um den nächsten „Scoop“ treten die beiden Unternehmen immer wieder gegeneinander an.

          „Konkurrenz ist gut für alle“, sagt Horeau. Er kann so gelassen bleiben, weil die wirtschaftliche Lage des „Canard“ stabil ist. Seit Jahrzehnten steckt die Zeitung ihre Gewinne fast vollständig in die Reserven. Aktieninvestitionen lehnt sie aus berufsethischen Gründen ab, dafür investiert sie in festverzinsliche Anlagen. So ist im Laufe der Jahre ein Vermögen von rund 130 Millionen Euro entstanden – eine hübsche Lebensversicherung für eine Zeitung mit nur sechzig Mitarbeitern, davon vierzig Journalisten und Zeichner, die einmal die Woche acht Seiten produzieren. Das Nachbargebäude in bester Pariser Zentrallage hat der „Canard“ kürzlich ohne Probleme für rund fünf Millionen Euro hinzukaufen können. Lange Zeit brachten die Zinsen aus den Reserven sogar mehr Gewinn als das Zeitungsgeschäft. Doch damit ist es vorbei, berichtet Horeau. Denn die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbanken hat die Rentabilität von Staatspapieren vernichtet. Zwischen 2014 und 2015 sank das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von 3,7 auf 3,2 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr hat sich der Posten wieder verbessert, sagt Horeau – dank der Fillon-Enthüllungen und der Wahlkampf-Zeiten, die für das Blatt immer fette Jahre sind.

          „Eines Tages werden wir im Internet zu lesen sein“

          Unbekümmert kann der „Canard“ freilich auch nicht den Kopf zwischen die Federn legen. Zwischen 2012 und 2016 sank die verkaufte Auflage um ein Viertel auf knapp 360.000 Exemplare. In diesem Jahr sind die Verkäufe zwar wieder gestiegen, doch die Leser werden älter, und immer mehr Kioske schließen, womit sich das Hauptvertriebsnetz ausdünnt. Vor einem Leseangebot im Internet schreckt die Zeitung noch zurück. „Bis jetzt hat uns kein Modell in der Branche überzeugt. Wir denken darüber nach, doch wir sind vorsichtig“, sagt Horeau. Die Macher des „Canard“ sind in solchen Fragen eingefleischte Konservative. Sie befürchten, dass sie das Kiosksterben nur beschleunigen, und wollen verhindern, dass der „Canard“ kostenfrei im Internet zirkuliert. Allenfalls eine scharf geschützte E-Paper-Ausgabe für die Leser im Ausland sei im Moment denkbar. „Eines Tages werden wir im Internet zu lesen sein“, sagt Horeau, doch Konkretes scheint nicht in Planung sein.

          Würde der „Canard“ den Wechsel auf ein bezahltes Internetmodell schaffen, wäre er „noch viel profitabler“, sagt Matthieu Aubusson, Medien-Spezialist bei der Wirtschaftsberatung Pricewaterhouse-Coopers. Denn mit dem Druck und dem physischen Vertrieb fiele mehr als die Hälfte der Gesamtkosten weg. Doch auch so hält Aubusson das Geschäftsmodell der Zeitschrift für zukunftsfähig, wobei er eine Preiserhöhung als überfällig ansieht. Selbst als der Euro eingeführt wurde, hatte die Zeitung den Preis nicht auf-, sondern abgerundet. „Gleichzeitig ist das Modell kaum zu exportieren, denn der ,Canard‘ spielt aufgrund seiner langen Tradition und der Besonderheiten der Medienlandschaft in Frankreich eine ganz besondere Rolle.“

          Vor der Präsidentenwahl fragen sich nun viele Franzosen, ob der „Canard“ womöglich weitere Pfeile gegen einen der Kandidaten im Köcher hat. „Ich wünschte mir als Chefredakteur, sagen zu können: Ja, wir haben davon jede Menge“, sagt Horeau mit einem Lächeln auf den Lippen, doch so scheint es nicht zu sein. Er bemerkt lediglich: „Wir setzen unsere Arbeit fort.“

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