30.12.2007 · Es kann nur einen geben, der Kommissar Wallander spielt: Rolf Lassgard. Er hat Henning Mankells mediokre Krimivorlagen mit Glanz veredelt. Das ZDF zeigt an diesem Sonntag das grandiose Finale eines großen Krimihelden.
Von Heike HupertzSeit Juni 2006 gibt es Henning Mankells modernen Klassiker Wallander im Fernsehen in doppelter Gestalt. Während im Zweiten Rolf Lassgard über Jahre hinweg in den acht penibel eingerichteten und von den Fans heiß erwarteten Romanverfilmungen von „Mörder ohne Gesicht“ bis „Die Brandmauer“ als schwedisch-herbe Antwort auf den klassischen Westernhelden vor die Kamera trat, zog das Erste in jenem Sommer mit seinem Auftaktfilm „Vor dem Frost“, in dem Wallanders Tochter Linda ihren ersten großen Auftritt hat, nach, und ließ von Dezember bis zum Februar erst einmal zehn weitere Filme der auf insgesamt sechsundzwanzig Folgen angelegten Reihe nach Exposés des Bestseller-Autors folgen.
Den neuen Wallander verkörpert nicht der „echte“, der bärige Wikingertyp Lassgard, sondern der drahtige Krister Henriksson, der von Anfang an erfolgreicher an seiner „Work-Life-Balance“ arbeitete, als es der einsame Wolf des ZDF mit seiner ungesunden Lebensweise je vermochte. Paradoxerweise ist Lassgard im wirklichen Leben fast zehn Jahre jünger als Henriksson. In vielen seiner neuen ARD-Fernseh-Fälle aber stand nicht länger die Figur des Kommissars, sondern vielmehr die jüngere Generation im Zentrum. In den meisten der Ermittlungen, löbliche Sonderfälle wie die atemberaubende Folge „Der unsichtbare Gegner“ ausgenommen, rückt Henriksson in die Rolle des bemühten Mentors seiner Tochter Linda (die verstorbene Johanna Sällström) und des Jungkommissars Stefan Lindman (Schwedens Frauenschwarm Ola Rapace).
Vertrackte Rechtslage
Die Marke „Wallander“ hatte ihre Farben komplett gewechselt. Aus der stimmungsvollen ZDF-Palette, die vor allem mannigfaltige melancholische Grauabstufungen aufwies, war mit der ARD-Serie „Mankells Wallander“ ein bunter, aber gelegentlich austauschbarer Spannungsreigen geworden. An den Hauptdarstellern lag das zuletzt. Beide Wallanders, Lassgard wie Henriksson, sind renommierte Theaterschauspieler. Beide verwandeln sich die Figur auf unterschiedliche, aber jeweils stimmige Weise an.
Es liegt vielmehr an der jeweiligen Produktionsidee. Während für die ZDF-Filme das staatliche schwedische Fernsehen SVT und auf deutscher Seite der Partner ZDF Enterprises (Koproduzent Peter Nadermann) verantwortlich zeichnen, haben sich für die Spielfilme des Ersten die schwedische „Yellow Bird Films“ mit der Degeto, Canal Plus und mehrere andere europäische Sender zu geballter Finanzierungskraft zusammengetan.
Ermöglicht wurde die doppelte Konstellation durch eine vertrackte Rechtslage. Während die Produzenten des ZDF-“Wallander“ die Romanrechte hatten, verfügen die Produzenten der Reihe im Ersten über die Figurenrechte am Kommissar. Zudem ist Henning Mankell an „Yellow Bird Films“, das er als schwedische Fernsehtalentschmiede sieht, beteiligt.
Spannende wie feinsinnige Austreibung des alten Jahres
Auch dem ZDF, so sagte der Redakteur Wolfgang Feindt einst im Gespräch mit dieser Zeitung, seien die Figurenrechte und die Idee der neuen Reihe angetragen worden. Aber man habe, ebenso wie der Ur-Wallander Rolf Lassgard, dankend verzichtet. Mehr als ein Film pro Jahr sei aus Qualitätsgründen für ihn und seine Partner ohnehin nicht vorstellbar gewesen.
Konkurrenz belebe, so betonte auch der Degeto-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan gelassen, das Geschäft. Nicht nur Jurgan allerdings könnte heute Abend der Puls schneller gehen. Im selben Gespräch verriet Feindt nämlich, dass seine Mitstreiter am Drehbuch des letzten „Wallander“-Falles schrieben. Der neue Film werde nach Mankells Erzählung „Die Pyramide“ entstehen und die Geschichte mit einem überraschenden Schlusspunkt versehen.
Das Ergebnis zeigt das ZDF heute als ebenso spannende wie feinsinnige Austreibung des alten Jahres mit seinen gespenstisch häufigen Wallander-Vervielfachungen. „Wallanders letzter Fall“ ist ein furioses Finale, das die demonstrative Gelassenheit der Beteiligten grandios Lügen straft. Glücklicherweise erinnern nur einige Motive an die bestenfalls mittelmäßige Mankell-Erzählung „Die Pyramide“. Ihre Funktion hat die schriftstellerische Vorlage wohl nur aus produktionsstrategischen Gründen. Es geht um den Stempel der Authentizität, mit dem man sich von den ARD-Kollegen absetzen will. Der Drehbuchautor Micke Hjorth allerdings schreibt die Figur Wallander ebenso fort wie die Autoren der Filme im Ersten. Und er findet für sie das Beste aller möglichen Enden, das Regisseur Daniel Lind Lagerlöf konzentriert in Szene setzt.
Rückblenden zu Wallanders erstem Einsatz
Über Südschweden ist eine Sportmaschine abgeschossen worden. Fast gleichzeitig wird das Handarbeitsgeschäft zweier alter Schwestern in die Luft gejagt. Unter Schwedens Drogenhändlern scheint Krieg ausgebrochen zu sein. Wallanders Patentochter Eva (Moa Gammel) stirbt an einer Überdosis Heroin. In ihrem Baby sieht der Kommissar sein eigenes Versagen als Pate und Freund. Fast dreißig Jahre zuvor hatte er die Gelegenheit, einen Mörder kampfunfähig zu schießen. Sein Zögern führte zum Tod von Evas Mutter und zur Entfremdung von Evas Vater Lasse (Dag Malmberg). Nun scheint ihn die Vergangenheit wieder einzuholen - mit einer neuen Chance zur Abrechnung. In dem zwielichtigen Drogenhändler Böhle (Dag Elfgren) findet Wallander seinen Mörder der ersten Stunde wieder. Nur er erkennt ihn. Von dem Fall, meint seine Vorgesetzte Lisa Holgersson (Kerstin Andersson), soll er die Finger lassen.
„Wallanders letzter Fall“ schaut in langen, farblich verblichenen Rückblenden zu Wallanders erstem Einsatz, dessen tragischer Ausgang zur Grundlage jeder seiner künftigen Entscheidungen als Polizist wurde. Er behandelt nichts weniger als den ersten, letzten und einzigen Fall, der für den Kommissar persönlich ist. So persönlich, dass es für eine Polizistenkarriere nur tödlich ausgehen kann.
Ein dritter Wallander
Rolf Lassgard spielt seinen Wallander mit einer nie gekannten Vielfalt sichtbarer Emotionen - er spielt ihn als Berserker, der auf dünnem Eis erst seinem Ende entgegenstürmt und dann immer bewusster die Schritte setzt. Diesmal darf er sich verlieben, und er tut es so restlos, froh und leichtherzig, wie man es bei diesem Schauspieler und der Neigung seiner Figur zur verbissenen Schwermut nicht für möglich gehalten hätte. Zum Ende hin darf Rolf Lassgard, und das ist sicher ein Abschiedsgeschenk, das sich Schauspieler und Team gegenseitig machen, brillieren.
„Für Rolf Lassgard / in warmer Zuneigung, Dankbarkeit / und nicht geringer Bewunderung. / Er hat mir vieles über Wallander erzählt, / wovon ich selbst nichts wusste“, schreibt Mankell in der Widmung des Bandes „Wallanders erster Fall“. Mit dem Film „Wallanders letzter Fall“ gelingt es Lassgard, genau das ein letztes Mal eindrucksvoll zu unterstreichen.
Übrigens tritt in diesem Film ein dritter Wallander auf. Gustav Skarsgard spielt den jungen Wallander, bevor er wurde, was er für das schwedische Fernsehen und das ZDF ist. Es bleiben einige Erzählungen aus der Vorgeschichte Wallanders, die noch nicht verfilmt sind. Bevor jemand auf dumme Gedanken kommt: Man sollte die Finger davon lassen.