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Wahldeutung ohne Verstand : Hildesheimer Leihschafe

Wer hätte das gedacht: Schafe sind Herdentiere Bild: Wohlfahrt, Rainer

Den Souverän verwirren: Informieren wollen die Dauerkommentatoren nicht - aber egal, wie sehr sie daneben liegen, sie haben es doch schon vorher gewusst.

          Der Soziologe Duncan Watts hat vor kurzem ein Buch über Bedingungen sozialer Erfolge geschrieben. Dessen Titel empfiehlt sich als Überschrift vieler Medienberichte zur Niedersachsen-Wahl: „Everything is Obvious: Once You Know the Answer“ - Alles liegt auf der Hand, sofern du das Ergebnis kennst. Denn was ist das für ein seltsames Schauspiel, das uns seit Sonntagabend aufgeführt wird? Jeden Stand der Auszählung konnten die Kommentatoren erklären. Wie klein die ausschlaggebenden Stimmenzahlen auch waren, das Wahlstudio vermochte politischen Sinn aus ihnen zu pressen. Wahlforschungsmoderatoren „analysieren“ Wählerwanderungen, wissen, was die Bürger welcher Partei zutrauen, haben auf jede Frage eine Antwort oder Zahl, besitzen sogar Zugang zu den Köpfen von Wechselwählern und ziehen für jeden denkbaren Wahlausgang passende Umfragen hervor.

          So zum Beispiel. Die FDP liegt bei fünf Prozent (so Infratest dimap für die ARD und Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF am 10.Januar 2013)? Nicht schwer zu erklären, denn die Partei ist ja maßlos zerstritten, schwache Führung, Philipp Rösler muss gehen und überhaupt: Sozialstaatsverächter, wer wählt denn so was! Und die CDU? Riesenaufholjagd, Kopf-an-Kopf-Rennen (39, 40, 41 Prozent, je nach Institut), vor allem natürlich wegen Problempeer, der jetzt zusammen mit Rösler am Abgrund steht.

          It’s the ethology, stupid

          Ach, nein, schau an, die FDP holt zehn Prozent, sie kann womöglich mitregieren. Na eh klar, alles Leihstimmen, sagt übrigens auch die Umfrage, die CDU leiht einfach Wähler aus, das war ja vermutlich auch die Erklärung für die FDP-Erfolge in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein und Hessen, immer alles unbezahlte Leihstimmenarbeit. Eigentlich genial. Dass die Umfrage-Institute allen Grund haben, von einem „Last Minute Transfer“ an Stimmen zu reden, leuchtet ein. Wie ständen sie mit ihren grottenfalschen repräsentativen Vorhersagen denn sonst auch da? Der Umfragebürger war unehrlich und/oder erst nach Schließung der letzten Umfragelokale entschlossen. Denselben Wahlbürgern, die der FDP angeblich rein gar nichts zutrauen - siehe die Umfragewerte der Partei bei Fragen nach der Höchstkompetenz in Wirtschafts- oder Bildungsdingen -, wird dabei schafsmäßiges Ankreuzen der FDP auf CDU-Geheiß hin attestiert.

          Aber halt, Leute, Moment, stopp, 334 Wähler in Hildesheim haben anders entschieden, die FDP kann doch nicht mitregieren. Nach dem Wechselwähler meldet sich der After-The-Last-Minute-Transfer-Journalist: Hat er’s nicht gesagt? Wertloser Zugewinn, kein Segen auf Leihstimmen, Rösler nach wie vor am Abgrund, Steinbrück nicht mehr ganz so nah, dumm gelaufen aber vor allem für die CDU. Gerade noch Aufholjagd und Kanzlerinnenrückenwind, konservative Landbevölkerung, gute Wirtschaftslage und so. Jetzt: Popularität ist eben nicht alles, notorische Schwäche in den Städten, Vordringen der Grünen auf dem flachen Land wegen Massentierhaltung - it’s the ecology, stupid - und - it’s the ethology, stupid: Schafe sind Herdentiere - zu viele Wähler ausgeliehen.

          Hauptsache, blamierte Politiker

          Tags drauf dann noch: Rösler der Entscheider, raffiniert gemacht, stille Wasser sind tief, Bambus statt Eiche sowie „Comeback des Kandidaten“ Steinbrück, Chance zu neuer Glaubwürdigkeit, CDU soll bloß nicht glauben, auf vierzig Prozent in den bundesweiten Umfragen könne man sich verlassen. Et cetera.

          Genau darum geht es. Das Publikum wird schwindlig geredet, damit sein Verstand vollends kapituliert vor der Mattscheibe und dem Bescheidwissen der Demokratieabgabenverbraucher, vor Schönenborn et tutti quanti. Deren Begründungen von der Stange liegen längst bereit, wenn die Wirkungen eingetreten sind, zu denen sie dann als Ursachen herbeizitiert werden. Und wenn es entgegengesetzte Wirkungen sind, dann wird eben das entgegengesetzte Register gezogen. Kopf: ich gewinne, Zahl: du verlierst. Hauptsache, spannend; Hauptsache, Dynamik, Drama, Entscheidungsdruck, Köpferollen; Hauptsache, blamierte Politiker.

          Wahlanalyse als Massenbetrug

          Die sind zwar - 334 Hildesheimer! - genauso rat- und ahnungslos wie die Transfer-Journalisten, stehen aber im Sperrfeuer von deren ebenso dummen wie unverschämten, gar nicht der Information, sondern nur der Unterhaltung dienenden „Was nun?“-Fragen und Umfrageastrologien. Mitunter geht das bis zur reinen Erfindung, wie der amerikanische Wahlkampf mit seinem angeblichen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Wiehießerdochgleich und Barack Obama bewies.

          Das Schema all dessen sind die Sprichwörter. Riskiert der Politiker etwas, sagen die Journalisten: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“ Riskiert er nichts, höhnen sie: „Nur wer wagt, gewinnt.“ Spielt die Mannschaft schlecht, orakeln sie, der Trainer lasse sich nicht mehr halten. Wird der Trainer entlassen, schimpfen sie, es habe mal wieder das schwächste Glied in der Kette getroffen. So treibt das Gerede diejenigen im Zickzack vor sich her, denen der Mumm fehlt, dem Blabla zu widersprechen. Und kommt sich ungeheuer kreuzverhörmäßig und als vierte Gewalt vor. Ist aber nur Wahlanalyse als Massenbetrug.

          Quelle: F.A.Z.

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