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Veröffentlicht: 16.10.2016, 12:33 Uhr

Trump und Clinton Duell der Wahlbots

So laut wie die Computer-Propaganda können echte Menschen gar nicht trommeln: Donald Trumps Fake-Follower beherrschen die sozialen Medien. Doch auch die Demokraten nutzen die technischen Möglichkeiten.

von Adrian Lobe
© Reuters Gewinnt am Ende derjenige, der die stärkste Bot-Armee hinter sich hat? Die Kandidaten machen sich zu Sockenpuppen der technischen Möglichkeiten.

Von Donald Trumps 12,4 Millionen Followern auf Twitter sind, so berechnet es das Online-Tool Twitteraudit, 4,6 Millionen Fake-Accounts. Unter diesen gefälschten Accounts befinden sich wiederum viele Bots, also Programme, die automatisch Content generieren oder Tweets retweeten. Diese Softwareagenten sorgten dafür, dass nach dem ersten Fernsehduell der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in den Vereinigten Staaten das Stichwort „TrumpWon“ zum „Trending Topic“ auf Twitter avancierte – und ein Gegennarrativ zur medialen Berichterstattung konstruierte.

Gegen diese Computer-Propaganda kommt man kaum an. Doch wie wäre es, wenn man Trump mit seinen eigenen Waffen schlagen würde? Diese Frage stellten sich wohl auch die Spin-Doktoren im Lager von Hillary Clinton. Und so kann die Clinton-Kampagne nun mit einem Bot aufwarten, der einem die Trump-Parolen um die Ohren haut. Das Procedere ist allerdings etwas umständlich. Zunächst muss man sich im Internet unter www.hillaryclinton.com/texttrump/ mit seinen Nutzerdaten (die zur Personalisierung des Wahlkampfs gern entgegengenommen werden) anmelden. Dann bekommt man eine SMS von einer unbekannten Nummer aufs Handy geschickt, die man im Adressbuch unter Donald Trump abspeichern soll. Anschließend kann man in einem Textfeld eine SMS mit Fragen oder Stichwörtern an den fiktiven Trump schicken, die ein mit Originalzitaten gefütterter Algorithmus beantwortet. Wer will, kann seine Lieblingskonversation fotografieren und den Screenshot mit dem Hashtag „LiterallyTrump“ (Trump wortwörtlich) twittern. Am Ende fragt der Bot, ob man Wahlbotschaften von Hillary Clinton empfangen möchte oder fünf Dollar für ihren Wahlkampf spenden will.

Meinungen zu Mauern und Frauen

Der Bot, der von der offiziellen Kampagnenorganisation „Hillary For America“ entwickelt und finanziert wurde, ähnelt dem Facebook-Messenger-Bot „BFF Trump“. Schreibt man „Hi“ in das Chatfenster des Bots, eröffnet der das Gespräch mit: „Hallo, ich bin’s, der BFF Trump Bot. Ich habe Meinungen zu allem, von Mauern bis zu Frauen. Hast du schon von den Mexikanern gehört?“ Ein Algorithmus liefert dem Nutzer daraufhin vorgefertigte Phrasen, die er an den Bot richten könnte, etwa: „Mehr über Mexikaner“. Als Antwort erhält der Nutzer Trump-Videos oder Parolen des Republikaners.

Das für junge Wähler entwickelte Programm stammt von der Agentur SS+K, die auch für das Parteilogo der Demokraten verantwortlich zeichnet. Über die Idee, den Wahlkampf-Bot zu entwickeln, sagen die Programmierer: „Facebooks Algorithmen können den Content, den Millennials erhalten, verzerren, was uns feststellen ließ: Trump, der echte Trump, fehlte im Newsfeed der politisch weniger Engagierten.“ Soll heißen: Wenn Facebook Parolen von Trump herausfiltert, bringt man seine Aussagen eben via Facebook-Messenger unters Volk. In diesem Fall, um eben jene Aussagen ins Lächerliche zu ziehen und zu entkräften.

Der politische Diskurs scheint sich immer mehr in ein automatisiertes System zu verwandeln, bei dem Maschinen (Algorithmen, Bots, virtuelle Assistenten) dem Menschen Informationen vorsetzen und der Bürger mit seiner Partizipation nur noch Daten für die Meinungsmaschinerie erzeugt. Dazu gehört auch der vom Clinton-Lager lancierte Facebook-Messenger-Bot „I will vote 2016“, der Bürgern bei der Registrierung zur Wahl hilft und ihnen so nahelegt, für die Demokraten zu stimmen. Spielerisch geht die den Demokraten nahestehende Organisation Moveon.org vor: Sie spricht Wechselwähler in sozialen Netzwerken mit dem von ihr entwickelten Spiel „Swing Voters Go“ an. Es funktioniert ähnlich wie Pokémon Go, verfolgt aber das Ziel, Wählerstimmen für Hillary Clinton zu fangen („Du hast die Macht, Donald Trump zu besiegen“).

Die Beispiele zeigen, dass das demokratische Wahlkampflager sich offenbar inzwischen verstärkt bemüht, in ihrem Votum noch unsichere Wähler mit Hilfe digitaler Assistenten zu mobilisieren. Das geschieht nicht mit der Überzeugungskraft des politischen Arguments, sondern unter Ausnutzung psychologischer Schwächen: ein Schubs in die richtige Richtung – im Digitaljargon: Nudging – soll es richten. Und das ist nur ein Baustein eines technisierten Wahlkampfs, in dem der Wähler zunehmend nicht mehr weiß, ob ein Mensch oder eine Maschine zu ihm spricht.

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Die politische Willensbildung im Netz ist intransparent und hochmanipulativ. Bots haben beim Brexit-Votum bereits eine entscheidende Rolle gespielt. Wie Philip Howard und Bence Kollanyi in einer Studie aufzeigen, machten Meinungsmaschinen das Brexit-Lager auf Twitter in den letzten Wochen vor der Abstimmung stark. Gewinnt künftig derjenige politische Mehrheiten, der die stärkste Bot-Armee hinter sich vereint? Trump und Clinton spielen ein gefährliches Spiel, bei dem am Ende alle verlieren könnten.

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